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Ein Drittel der Intensivbetten in Baden-Württemberg sind bereits mit Corona-Patienten belegt. Erste Krankenhäuser verschieben deshalb planbare Operationen. Mediziner befürchten einen weiteren Anstieg.

Weil die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen im Land stark steigt, bereiten sich Kliniken im Land zunehmend auf eine dritte Welle vor. Götz Geldner, Koordinator der intensivmedizinischen Versorgung von Corona-Patienten in Baden-Württemberg, berichtet, die Zahl der Corona-Patienten sei im Vergleich zur Vorwoche um 20 Prozent gestiegen. "Wenn die Zahl der Intensivpatienten weiter steigt, haben wir in ein bis zwei Wochen ein Problem", sagte Geldner.

Basierend auf den Zahlen des "Resource-Board" seien landesweit bereits ein Drittel der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt, so Geldner. Die Zahlen des "Resource-Boards" erfassen die tatsächliche Verfügbarkeit von Intensivbetten für Covid-19-Erkrankte, sagte Geldner auf SWR-Anfrage. Im Divi-Intensivregister hingegen, das allgemein für die Berichterstattung über die Verfügbarkeit von Intensivbetten herangezogen wird, seien beispielsweise auch Intensivbetten in Reha-Kliniken oder für Kinder erfasst, die aber faktisch nicht für Covid-19-Erkrankte in Klinken nutzbar seien. Sobald die Belegung in Richtung der 40 Prozent gehe, müssten in größerem Maße Operationen verschoben werden, die nicht zu den dringlichsten gehören, so Geldner. Seit wenigen Tagen übersteigt die Zahl der Kliniken, die ihren Betrieb als eingeschränkt bezeichnen, die der Kliniken mit regulärem Betrieb.

88 Prozent der Intensivbetten im Land belegt

Auch das Divi-Intensivregister zeigt einen starken Anstieg an Corona-Patienten in Intensivbehandlung in Baden-Württemberg. Lag sie am 10. März noch bei 236, wurden am Mittwoch (Stand: 16 Uhr) bereits 468 Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung intensivmedizinisch behandelt, wie aus den Daten des Divi-Intensivregisters hervorgeht. Davon werden 245 invasiv beatmet. Von den rund 2.400 betreibbaren Intensivbetten im Land sind derzeit etwa 88 Prozent belegt.

Erste Kliniken verschieben Operationen

Das Klinikum Mittelbaden habe an seinen drei Standorten in Rastatt, Baden-Baden und Bühl alle verschiebbaren Operationen abgesagt, um die Kapazitäten zu bündeln, teilte eine Sprecherin mit. Auch das Uniklinikum Ulm verschiebt bereits gut planbare Operationen. Dort ist die Zahl der Corona-Intensivpatienten über Ostern um 50 Prozent angestiegen - der bisher deutlichste Anstieg in Baden-Württemberg.

Im Corona-Hotspot Kreis Schwäbisch Hall ist die Lage angespannt. Die Intensivstation des Crailsheimer Klinikums war zuletzt fast vollständig belegt. Dort und im Diak Klinikum in Schwäbisch Hall sind bereits Operationen abgesagt oder verschoben worden, so das Landratsamt.

In den SLK-Kliniken im Stadt- und Landkreis Heilbronn hingegen wird in der kommenden Woche eine weitere Covid-Station mit 20 Betten einrichten. Um genug Personal zu haben, wird die Regelversorgung eingeschränkt werden müssen. Planbare Operationen sollen vorerst trotzdem nicht verschoben werden. Auch wenn die Zahl der Corona-Patienten steigt, sollen Operationssäle in Betrieb bleiben, teilt SLK-Geschäftsführer Thomas Weber mit.

Mehr und jüngere Patienten

In allen Kliniken in Baden-Württemberg zeigt sich beim Blick auf die Patienten, die wegen Covid-19 behandelt werden müssen, dasselbe Bild: der Altersdurchschnitt sinkt. Rund die Hälfte der Patienten sei unter 40 Jahre alt, die andere Hälfte zwischen 40 und 70, berichtet Simone Britsch, Leiterin der konservativen Intensivmedizin an der Uniklinik Mannheim, über die Situation in der Klinik. Zudem haben mehr Patienten einen Intensiv-Aufenthalt nötig. In der Uniklinik Mannheim seien die Zahlen so stark gestiegen, dass die zweite Intensivstation eröffnet werden musste, so Britsch.

Vorteil durch geimpftes Personal

Die Krankenhäuser in der Region Stuttgart sehen sich weitgehend gut vorbereitet für die dritte Corona-Welle. Der Unterschied zur zweiten Welle sei insbesondere die Durchimpfung des Krankenhauspersonals, so der Geschäftsführer des Klinkums Esslingen, Matthias Ziegler. Während der zweiten Welle mussten mehrere Stationen geschlossen werden, weil Personal selbst infiziert oder in Quarantäne war.

Kommt der Ostereffekt?

In vielen Kliniken befürchtet man in den kommenden Tagen und Wochen einen weiteren Anstieg der Intensivpatienten. Die Uniklinik Ulm rechnet für die nächsten 14 Tage mit steigenden Zahlen, andere Kliniken erwarten den Anstieg der Infektionszahlen Mitte oder Ende April. Man befinde sich aktuell in einem exponentiellen Teil der dritten Welle, sagt beispielsweise der medizinische Geschäftsführer des Klinikum Mittelbaden, Thomas Iber. Die Entwicklung sei dramatisch.

Zwar ist der Trend der Corona-Neuinfektionen momentan zwar sinkend, das Robert-Koch-Institut weist jedoch darauf hin, dass über die Osterfeiertage weniger Fälle gemeldet werden. Auch der Intensivmediziner Götz Geldner geht davon aus, dass die Zahlen nicht aussagekräftig seien.

Mit Blick auf mögliche politische Gegenmaßnahmen zeigte sich Geldner resigniert. Politiker und Bürger trügen nun gleichermaßen Verantwortung. Es fehle weiter ein Konzept, um der Pandemie Herr zu werden. Das jetzige Vorgehen sei ziel- und planlos.

"Was soll anders sein, als in der Welle davor? Jeder weiß, was jetzt passiert."

Götz Geldner, Koordinator der intensivmedizinischen Versorgung von Corona-Patienten in Baden-Württemberg

Ein wichtiger Weg aus der Krise ist für Geldner das Impfen. Doch für den jetzigen starken Anstieg der Corona-Fallzahlen verspricht er sich davon keine Hilfe. Die Beschäftigten auf den Intensivstationen hätten seit der zweiten Welle nicht mehr durchatmen können, die Arbeit sei für sie sehr belastend, so Geldner.

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