Baden-Württemberger gründete Chat-Gruppe

Wie Kinder und Jugendliche von Corona-Leugnern instrumentalisiert werden

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Pandemie-Leugner machen mit Falschbehauptungen Stimmung gegen die Corona-Maßnahmen. Erstmals konnten Recherchen jetzt zeigen, wie in einer geschlossenen Chatgruppe für Kinder und Jugendliche Verschwörungsmythen verbreitet werden. Mit Ursprung in Baden-Württemberg.

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Tipps, um die Maskenpflicht in der Schule zu umgehen, Verschwörungsmythen, die die tödliche Gefahr von Mund-Nasen-Bedeckungen belegen sollen oder vermeintliche Aussagen von Bill Gates zu Massenimpfungen: In der geschlossenen Gruppe "Samuel Eckert Youngsters" auf der Plattform Telegram mit mehr als 270 Mitglieder werden Kinder und Jugendliche systematisch mit derlei Aussagen konfrontiert. Das belegen zahlreiche Chatverläufe aus der Gruppe, die "Report Mainz" exklusiv vorliegen. In die Gruppe bekommen nur 10- bis 17-Jährige Zutritt. Man muss sich mit Video und Dokumenten vorstellen - Kinder unter 14 müssen zusätzlich eine Einverständniserklärung der Eltern vorlegen.

Corona-Leugner aus Baden-Württemberg gründete Chat-Gruppe

Gründer der Chatgruppe ist Samuel Eckert, ein bekennender Corona-Leugner aus Baden-Württemberg, der mehrere Firmen in der Schweiz betreibt. Zusammen mit dem Sinsheimer HNO-Arzt Bodo Schiffmann wetterte er zuletzt auf einer "Info-Tour" in mehreren deutschen Städten gegen die Coronavirus-Maßnahmen. Thema dabei fast immer wieder: Die angeblich tödliche Gefahr von Masken für Kinder und Jugendliche.

Experten betonen immer wieder, dass Masken zum Schutz gegen das Coronavirus für Kinder und Jugendliche ungefährlich seien. Dennoch wird in Eckerts Chatgruppen das Maskentragen als gefährlich angeprangert. Ein User bezeichnete es als "Körperverletzung und möglicherweise sogar Mord". Doch es geht den Chat-Teilnehmern um mehr: "Die Zeit des Systems tickt", so ein weiterer Kommentar. "Wir müssen Milliarden werden!!! Und dann alle Merkel umzingeln!!" Zudem wird der jüngste Terroranschlag in Wien als "Fake" bezeichnet.

Erwachsene Administratoren überwachen den Chat zwar, moderierend tätig werden sie allerdings kaum. Im Interview rechtfertigte Samuel Eckert dies damit, dass man keine Zensur betreiben wolle: "Bei uns werden die Leute angehalten, selber zu denken. Wir schreiben keinem vor, was er zu denken hat," so Eckert.

Vorwurf der Instrumentalisierung zurückgewiesen

"Welches Problem haben Sie damit, dass Menschen über ein Ereignis kritisch diskutieren? Von allen Bereichen her? Warum darf man über Nine Eleven oder über Wien oder über Paris nicht die Frage stellen, ob das ein Fake-Angriff war?" Kinder hätten zudem die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten über ihre Erfahrungen in der Schule auszutauschen. Damit konfrontiert, dass Minderjährige in den Chats womöglich instrumentalisiert werden, entgegnete Eckert: "Instrumentalisieren ergibt sich mir nicht."

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Experten halten Chatgruppen wie diese allerdings für bedenklich. "Kinder und Jugendliche werden dazu benutzt, die eigenen Werte oder auch Verschwörungstheorien zu unterstützen. Hier greift keiner ein, es wird nicht reguliert, sondern die Kinder und Jugendlichen werden in ihren Ängsten und Unsicherheiten belassen", sagte Beate Leinberger vom Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen. Auch die Mainzer Sozialpsychologin Pia Lamberty sieht in den Chats keine ungefährliche Gruppe. "Kinder, die permanent mit verschwörungsideologischen Inhalten konfrontiert werden, sind einer Gefahr ausgesetzt, im Sinne von, dass die sich radikalisieren können, aber auch, dass sie sich gesundheitlich einer Gefahr aussetzen", so Lamberty.

Kinder bei Anti-Corona-Demos als Redner

Und es bleibt nicht nur bei Verschwörungsmythen. Nach Recherchen von Report Mainz rief die erwachsene Administratorin in der Gruppe Kinder und Jugendliche dazu auf, bei Anti-Corona-Demonstrationen Reden zu halten. Wer im Namen der Chatgruppe auftritt, hätte seine Reden allerdings vorab der Administratorin oder einem der Moderatoren zur Freigabe vorlegen müssen. Auf mehreren Veranstaltungen hatten in den vergangenen Wochen Jugendliche gesprochen, die Mitglieder in der Chatgruppe sind und bei ihren Auftritten entsprechend angekündigt wurden.

Auch mit Videos, die das vermeintliche Leid von Kindern durch das Masketragen zeigen sollen, wird in verschiedenen Chatgruppen gezielt Stimmung gemacht. In einem dieser Videos werden Kinderfotos mit dramatischer Kinderstimme inszeniert. Auch im Wahlkampf um den Posten des Stuttgarter Oberbürgermeisters waren entsprechende Positionen aufgetaucht. In einem Wahlwerbespot des Gründers der Querdenken-Bewegung, Michael Ballweg, der vergangenen Sonntag bei der Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart antrat, sagt ein Kind: "Mama, ich kann durch die Maske nicht atmen." Bestärkt wird das Kind anschließend durch die Aussage der vermeintlichen Mutter: "Ich hoffe, dieser Wahnsinn hört bald auf."

Streitpunkt Maskenpflicht: Corona-Kritiker gehen auf Schüler zu

Auch im realen Leben treten Corona-Kritiker offen an Kinder und Jugendliche heran, wie ein Fall Ende Oktober vor einer Schule im hessischen Darmstadt zeigt. Im Umfeld einer Demo von Corona-Leugnern bedrängten mehrere Erwachsene Schüler und forderten sie zu so genannten CO2-Tests auf, mit denen sich die Gefährlichkeit des Maskentragens angeblich beweisen lasse.

Behörden in mehreren Bundesländern hatten vor Aktionen von Aktivisten an Schulen gewarnt. Anlass für die Warnung war ein Zeitungsartikel. In diesem war über ein angeblich internes Strategiepapier aus dem Umfeld der Querdenker berichtet worden, demzufolge eine bundesweite Verteilaktion von durchlässigen Gesichtsmasken an Schulen geplant gewesen sein soll. Die Querdenken-Bewegung hat inzwischen dementiert, solche Aktionen geplant zu haben.

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