Eine junge Frau mit Maske schaut aus einem Dachfenster (Foto: IMAGO, imago images/Westend61 (Symbolbild))

Neuer Leitfaden des Landesgesundheitsamts

Baden-Württemberg schafft Corona-Quarantäne für ganze Klassen und Kita-Gruppen ab

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In Baden-Württemberg sollen Schulklassen und Kita-Gruppen, in denen es einen Corona-Ausbruch gibt, nicht mehr komplett in Quarantäne geschickt werden. Das erfuhr der SWR vom Landesgesundheitsamt.

Nach einem neuen Handlungsleitfaden des Landesgesundheitsamts von Baden-Württemberg, der dem SWR vorliegt, soll bei größeren Ausbruchsgeschehen in Klassen nicht mehr die ganze Klasse in Quarantäne geschickt werden. Die neue Regelung gelte ab sofort. Nur positiv auf Corona getestete Schülerinnen und Schüler müssen sich künftig absondern. Die neue Regelung gilt auch für Kita-Gruppen. In der neuen Reglung heißt es: "Die Absonderung der gesamten Klasse oder Gruppe bei Vorliegen eines relevanten Ausbruchsgeschehens findet nicht mehr statt." 

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Bislang mussten ganze Klassen und Gruppen zu Hause bleiben, wenn es in einer Gruppe fünf Corona-Fälle gab, beziehungsweise bei Gruppen unter 25 Personen 20 Prozent der Gruppe infiziert waren. Nach wie vor würden jedoch auch weiterhin alle nicht-quarantänebefreiten Schülerinnen und Schüler einer Klasse an fünf Tagen hintereinander getestet, wenn dort Infektionsfälle auftreten.

Tests sollen Infektionsrisiko vermindern

Durch "serielle Testungen" könne das Infektionsrisiko weiter reduziert werden, da dadurch infizierte Personen frühzeitig erkannt werden könnten, heißt es in dem Leitfaden weiter. Außerdem entfalle eine Kontaktpersonennachverfolgung und Absonderung ganzer Klassen durch die Gesundheitsämter.

Ein Sprecher des Kultusministeriums wies darauf hin, dass die Schulen entscheiden können, auf Wechsel- oder Fernunterricht umzustellen, wenn sich Corona-Infektionen in einer Klasse häufen. Schulen und Kitas würden dazu einen Rundbrief erhalten. Insgesamt sollen Schulleitungen damit deutlich flexibler über eine Quarantäne entscheiden können als bisher.

Kultusministerin: Schulen können "relativ selbstständig" entscheiden

Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) sagte der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch: "Eigentlich ist es so, dass die Schulleitungen das relativ selbstständig entscheiden können." Die bisherige Abstimmung mit dem Gesundheitsamt soll demnach entfallen. Grund ist die Überlastung der Gesundheitsämter wegen der Ausbreitung der Omikron-Virusvariante. Zwar bleibe 20 Prozent der ungefähre Richtwert, sagte Schopper. Aber auch hier könnten die Schulleitungen künftig selbst einschätzen, ob es sinnvoll sei, etwas früher oder erst später mit der Klasse in Quarantäne zu gehen. Die Meldepflicht der Schulen zu den Corona-Fällen bleibe aber bestehen.

Gesundheitsminister: Hoher Schutz durch Tests und Masken

Mit dem neuen Handlungsleitfaden schütze die Landesregierung den Präsenzunterricht und gewährleiste einen einigermaßen geregelten Schul- und Kitabetrieb, sagte Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Mittwoch in Stuttgart. Omikron breite sich auch unter Kindern und Jugendlichen rasant aus und immer mehr von ihnen würden sich infizieren.

Aktuell liegen die Inzidenzwerte bei den sechs bis neun Jahre alten Kindern bei mehr als 3.400, bei den zehn- bis 19-Jährigen bei mehr als 2.400. "Nach der alten Regel hätten immer mehr komplette Schulklassen und Kitagruppen in Quarantäne gehen müssen - das wollen wir verhindern", so Lucha weiter. Er sei überzeugt, dass mit den regelmäßigen Tests und der Maskenpflicht nach wie vor ein sehr hoher Infektionsschutz an den Schulen und Kitas sichergestellt ist.

Scharfe Kritik an neuen Quarantäne-Regeln durch Bildungsgewerkschaften

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bezeichnet die neu geltende Quarantäne-Regel für Kitas und Schulen als "logisch und zugleich eine Bankrotterklärung des Corona-Krisenmanagements der baden-württembergischen Landesregierung". Die Landesregierung hätte die Ausbreitung der Pandemie in den Bildungseinrichtungen bremsen können, sagte die GEW-Landesvorsitzende Monika Stein. Dazu hätten Kinder und Jugendliche FFP2-Masken und die Schulen mehr Luftreinigungsgeräte bekommen müssen. Jetzt bleibe nur zu hoffen, dass in den Schulen niemand schwer an Covid-19 erkranke, so Stein.

Die Lehrerorganisation Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg hält die neuen Regeln für einen "Witz". Landeschef Gerhard Brand sagte: "Dies klingt nach einem gezielten Durchseuchungsexperiment und steht im krassen Widerspruch zum gegenwärtigen exponentiell fortschreitenden Infektionsgeschehen." Die Belastung der Lehrkräfte sei hoch, betonte er, die Nerven lägen blank.

Die GEW sieht die Gesundheitsämter als ebenso überlastet wie die Lehrkräfte. Dennoch erwarte sie auch Transparenz über die vorhandenen PCR-Testkapazitäten in Baden-Württemberg und eine Priorisierung auch für Bildungseinrichtungen.

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