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"Meilenstein" und "Game Changer": In den Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer werden große Hoffnungen gesetzt. Doch der Weg ist noch weit, warnt die Ärztekammer Baden-Württemberg.

Es wirkte wie ein plötzliches Licht am Ende des Tunnels: Als das Mainzer Unternehmen Biontech und die Partnerfirma Pfizer am Montag meldeten, dass ihr Impfstoff zu 90 Prozent wirksam sei, war ein globales Aufatmen zu spüren. Doch Experten bremsen die Euphorie bereits, es gebe noch viele offene Fragen.

Auch die Ärztekammer Baden-Württemberg wertet die Impfstoffmeldung zwar als großen Schritt, aber: "Es ist ein Meilenstein, aber ein Meilenstein ist nicht der Schlusspunkt", so Ärztekammer-Präsident Wolfgang Miller. Es gehe in die richtige Richtung, doch es sei noch ein weiter Weg. "Es wird auch im ersten Halbjahr 2021 nicht ohne erhebliche Einschränkungen gehen. Da müssen Sie kein Prophet sein."

Der organisatorische Aufwand ist immens

Vor allem der logistische Aufwand sei immens. Weil die bisher bekannten Impfstoffe bei mindestens minus 60 Grad gekühlt werden müssen, sei eine Impfung in den allermeisten Arztpraxen zunächst gar nicht möglich. Das Land Baden-Württemberg will die Impfungen zunächst mit Impfzentren in jedem Regierungsbezirk beginnen, später soll es Zentren in allen Landkreisen geben.

"Das ganze in großer Masse durchzuführen ist eine große organisatorische Herausforderung", so Miller. "Wenn Sie nur an zentralen Stellen überhaupt impfen können, dann ist die Frage: Wie kommt derjenige, den man impfen möchte, da überhaupt hin?" Gerade bei den sogenannten vulnerablen Gruppen, also Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf, sei das schwierig. Das Land plant deshalb bereits mobile Impfeinheiten, zum Beispiel für Heimbewohner.

Selbst bei Grippe-Impfstoff große Beschaffungsprobleme

Ein weiteres Problem sei die Verfügbarkeit. Es werde sehr lange dauern, bis die Impfung eine breite Bevölkerungsschicht erreicht hat, so Miller. Neben den vulnerablen Gruppen soll möglicherweise auch das medizinische Personal vorrangig geimpft werden. "Das allein sind je nach Rechnung schon zwischen 500.000 und einer Million Menschen in Baden-Württemberg", so Miller. "Allein die alle durchzukriegen, dürfte schon eine große Herausforderung sein."

Das Beschaffungsproblem verdeutliche auch der Blick auf die Grippeschutzimpfung, für die in diesem Jahr verstärkt geworben wurde. "Im Moment sind die Impfungen nahezu vergriffen", so Miller. "Selbst die kriegen sie fast nicht mehr, obwohl das eigentlich eingespielte Prozesse sind." Und auf den Grippe-Impfstoff warte nicht die ganze Welt - auf den Corona-Impfstoff schon.

Für den Fall, dass den Ärzten in Baden-Württemberg eines Tages ausreichend Impfstoffdosen zur Verfügung stehen, ist Miller jedoch optimistisch, dass das flächendeckende Impfen schnell gehen kann. "Wir haben in der Pandemie bewiesen, dass die Hausärzte eine ganze Menge leisten können", so der Präsident. "Das geht nicht von heute auf morgen, ist aber innerhalb einiger Monate zu bewältigen. Die, die wollen, würden das mit ihrem Hausarzt ganz elegant hinkriegen."

"Ich glaube nicht, dass wir eine Impfpflicht brauchen"

Bleibt noch das Problem, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland eben nicht gegen Corona impfen lassen wollen. Umfragen der Universität Erfurt zufolge liegt die Bereitschaft derzeit bei 53 Prozent. "Die nötige Herdenimmunität werden wir ohne flächendeckende Impfung kaum erreichen", befürchtet Miller.

Eine Impfpflicht lehnt er trotzdem ab. "Ich glaube, dass wir das nicht brauchen. Das wäre schwer vermittelbar, auf der einen Seite einen Impfstoff nicht in beliebiger Menge zur Verfügung zu haben und auf der anderen Seite eine Impfpflicht zu fordern". Stattdessen müsse man für die Impfung werben: "Impfen funktioniert bei uns in Deutschland auf einem hohen Sicherheitsniveau", betone der Ärztekammer-Präsident. "Wenn heute ein Impfstoff die Zulassung bekommt, dann sind wir sicher, dass der Nutzen weit über dem möglichen Risiko liegt."

Noch fehlt dem Impfstoff von Biontech und Pfizer die Zulassung. Die Europäische Union hat aber bereits Verträge mit den Unternehmen ausgehandelt. Deutschland hofft auf bis zu 100 Millionen Impfdosen.

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