Ein Patient bekommt eine Corona-Impfung in den Oberarm (Foto: dpa Bildfunk, Christoph Schmidt)

Kampf gegen die Pandemie in Baden-Württemberg

"Könnten viel mehr machen": Hausärzte wollen bei Corona-Impfungen aufs Tempo drücken

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Bei den Corona-Impfungen ruht viel Hoffnung auf den Hausärzten, die seit Dienstag in ihren Praxen impfen dürfen. Doch der Start in Baden-Württemberg läuft schleppend. Dabei wäre viel mehr möglich, kritisieren Mediziner.

Die Hausarztpraxen in Baden-Württemberg wollen mit dem Impfen gegen das Coronavirus loslegen - allerdings fehlt ihnen noch der dazu nötige Impfstoff. Durch die Osterfeiertage verzögern sich die Lieferungen der Impfdosen. Deshalb können Patientinnen und Patienten erst mit Terminen ab Mittwoch rechnen. Erst dann werde der Impfstoff an die Praxen ausgeliefert.

In einer Hockenheimer (Rhein-Neckar-Kreis) Hausarztpraxis ging es am Mittwoch tatsächlich mit den Impfungen los - verbunden mit einer ärztlichen Bitte an die Impfwilligen.

Hockenheim

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Corona-Impfungen: "Arztpraxen könnten viel mehr machen"

Für Donnerstag rechnet die Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) schließlich mit Impfungen bei den Hausärztinnen und -ärzten in der Breite. Das sei aber von Anfang an erwartet worden, sagte KVBW-Sprecher Kai Sonntag.

Die Praxen erhielten pro Woche und Arzt aufgrund der noch sehr geringen Liefermengen anfangs 18 Impfdosen. "Das ist natürlich wenig" sagte Sonntag. "Die Arztpraxen könnten viel mehr machen." Er kritisierte, dass der Impfstoff weiterhin bevorzugt an die Impfzentren geliefert werde. Die Praxen bekämen nur, was übrig bleibe - dabei seien sie kostengünstiger und schneller und die Patientinnen und Patienten könnten auf die zentrale Terminvergabe verzichten.

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Man sei in die Lieferlogistik nicht eingebunden, sagte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Apotheken sowie der dazugehörige pharmazeutische Großhandel belieferten die Arztpraxen, die den Impfstoff selbst bestellten. In den ersten beiden Aprilwochen werden die Hausarztpraxen Impfstoff von Biontech erhalten. Ab Mitte April soll dann der Impfstoff von Astrazeneca an die niedergelassenen Praxen geliefert werden. Die Impfzentren werden davon dann nur noch die Dosen erhalten, die für die Zweitimpfungen notwendig sind, erklärte das Sozialministerium.

Hausärzte wollen auf Patienten zugehen

Zu Beginn sind die Arztpraxen aufgefordert, zunächst pflegebedürftige Menschen zu impfen, die weniger mobil sind, erklärte der Vorstand der KVBW, Johannes Fechner. Das ist auch per Hausbesuch möglich.

Die Hausärztinnen und -ärzte sind demnach auch an die Impfpriorisierung gebunden. Sie haben aber gewisse Spielräume. Weil sie ihre Patienten kennen, könnten sie gut abschätzen, wer schnell eine Impfung bekommen sollte. Die teilnehmenden Praxen werden direkt auf impfberechtigte Patientinnen und Patienten zugehen, um Termine zu vereinbaren. Eine Kontaktaufnahme seitens der Patienten sei daher nicht empfohlen, damit die Telefonleitungen der Arztpraxen nicht blockiert sind.

Impftermine in Impfzentren sollen wahrgenommen werden

Auf Nachfrage des SWR teilte die KVBW zudem mit, dass Menschen, die einen bestehenden Termin in einem Impfzentrum haben, diesen auch wahrnehmen sollten. Auch für den Fall, dass ihnen ein früherer Termin beim Hausarzt angeboten würde. Sollten diese Menschen den Termin beim Hausarzt trotzdem bevorzugen, wird gebeten den Termin im Impfzentrum abzusagen. Das ginge online und telefonisch.

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Pilot-Praxen als Vorbild

In einem gemeinsamen Pilotprojekt des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg, der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und der Kommunalen Landesverbände impfen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte in Baden-Württemberg bereits seit dem 8. März Menschen gegen das Coronavirus. In nahezu allen Stadt- und Landkreisen gibt es sogenannte Pilot-Praxen. Diese impfen ihre Patientinnen und Patienten im Alter von über 80 Jahren aus der ersten Priorisierungsstufe. Wo diese bereits geimpft sind, werden auch Personen über 70 Jahren geimpft.  

Seit wenigen Tagen finden in den Praxen bereits die Zweitimpfungen statt. Die Erfahrungen der Pilotprojekte sollen jetzt dazu genutzt werden, die übrigen Hausarztpraxen beim Beginn der Corona-Impfungen zu unterstützen. Die besten Erfahrungen machten die Praxen laut Sozialministerium etwa "mit eigens eingerichteten Impfsprechstunden", in denen die Impfungen konzentriert und damit vergleichbar wie in den Impfzentren durchgeführt wurden. Die Corona-Impfstoffe seien in der Handhabung anspruchsvoller als andere in den Praxen regulär verimpfte Impfstoffe, wie etwa Grippeimpfstoffe. Insofern sei eine Bündelung der Impfungen auf bestimmte Wochentage sinnvoll.

Hohe Impfbereitschaft der Hausärzte

Nach den Erfahrungen im Pilotprojekt und den Rückmeldungen aus anderen niedergelassenen Praxen ist laut Sozialministerium davon auszugehen, dass die Bereitschaft der niedergelassenen Praxen sehr hoch ist, sich an den Corona-Impfungen zu beteiligen. Im Sozialministerium wird auch damit gerechnet, dass Ende April mehr Impfstoff zur Verfügung stehen wird. Demzufolge könnten die Hausärzte dann auch flexibler impfen.

Die Landesärztekammer Baden-Württemberg begrüßte den hausärztlichen Impfstart. "Die Ärzteschaft befürwortet alles, was dazu führt, dass möglichst viele Personen möglichst früh geimpft werden - insofern ist der Impfstart in den Praxen ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung", sagte Wolfgang Miller, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg.

 "Reste" an Impfstoff: Unmut bei den Ärzten

Unterdessen wollen die Kassenärzte in Baden-Württemberg mit einer Petition erreichen, dass die Corona-Impfkampagne nahezu vollständig in ihre Hände gelegt wird. "Die Bundesregierung und die Landesregierungen werden aufgefordert, sofort die Covid-Impfungen von den Impfzentren auf die Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte zu verlagern", heißt es in der Petition, über die die "Ärzte Zeitung" (Mittwoch) berichtete.

Der Unmut unter den Mitgliedern sei groß, dass sie nur die "Reste" an Impfstoff bekämen, der über die Impfzentren hinaus übrig bleibe, sagte der Chef der KVBW, Norbert Metke, der "Ärzte Zeitung". In der Petition plädiert die KVBW für einen sofortigen Strategiewechsel. "Die zentralen Impfzentren sollen bis auf wenige notwendige Einrichtungen geschlossen und die Impfungen auf die Arztpraxen verlagert werden", heißt es. Zu Beginn sei es richtig gewesen, die Impfungen auf Zentren zu konzentrieren. Doch dieser Ansatz sei jetzt nicht mehr vermittelbar. Die Impfzentren seien "teuer und erfordern einen riesigen Personalaufwand".

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