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Die Politik debattiert über eine Homeoffice-Pflicht für Unternehmen im Land, doch selbst in den Verwaltungen der Städte und Kommunen ist das noch nicht die Regel. "Ich muss um jeden einzelnen Homeoffice-Tag kämpfen", erzählt uns die Mitarbeiterin einer Stadtverwaltung anonym.

Wo andere bereits seit Monaten von Zuhause aus arbeiten, heißt es für die Mitarbeiterin einer Stadtverwaltung aus dem Raum Stuttgart und ihre Kolleginnen und Kollegen weiterhin: Generell gilt Präsenzarbeit, Homeoffice bleibt trotz hoher Corona-Fallzahlen die Ausnahme.

Am Sitzplatz können Abstände eingehalten werden, erklärt die junge Frau. Wichtige Gespräche werden aber teilweise immer noch "Face-To-Face" geführt, in einigen Fällen mit bis zu zehn Personen in einem Raum, erzählt die Frau im SWR-Interview. Zwar sind zwei Mitarbeitende aus dem insgesamt zehnköpfigen Team mittlerweile im Homeoffice tätig - wer aber nicht zur vulnerablen Gruppe gehört oder Kinder zu betreuen hat, der muss weiterhin täglich ins Büro. Sie selbst habe insgesamt zwei Tage von Zuhause aus gearbeitet und das nur als absolute Ausnahme. Technisch und organisatorisch sei mehr möglich, davon ist sie überzeugt. Aber ihr Vorgesetzter habe ihren Wunsch nach Homeoffice bisher verneint.

Die Frau hatte unter einem Social-Media-Post kommentiert, unter dem rege diskutiert wurde: Wie die Interview-Partnerin arbeiten zahlreiche Menschen in Baden-Württemberg in Bereichen, wo aus ihrer Perspektive mehr Homeoffice möglich sein könnte - zu ihrem Unverständnis das aber nicht genutzt wird. Das Interview mit der Frau fand verdeckt statt, ihr Name wird aus Vorsicht nicht genannt.

Homeoffice-Pflicht Thema bei Bund-Länder-Konferenz

Die Landesregierung versucht durchaus mit gutem Beispiel voranzugehen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wirbt seit Tagen für mehr Homeoffice, weil damit auch weniger Menschen in Bussen und Bahnen unterwegs wären. Zudem plant die Landesregierung einen Homeoffice-Gipfel mit Wirtschaftsvertretern. Über das weitere Vorgehen soll am Dienstag auch auf Bund-Länder-Ebene beraten werden.

Doch wie sieht es in landeseigenen Behörden und kommunalen Verwaltungen aus? Im Finanzministerium sind nach einem Bericht des "Badischen Tagblatts" (Dienstag) 98 Prozent der Mitarbeiter so ausgestattet, dass sie von Zuhause arbeiten können - Pförtner oder Fahrer ausgenommen. "Bis auf einen Notdienst faktisch zu ist das Umweltministerium." Im Sozialministerium sei der überwiegende Teil der Mitarbeiter im Homeoffice, und dessen Akzeptanz sei in den vergangenen Monaten "kontinuierlich gestiegen", zitierte die Zeitung einen Sprecher. Bei einer Umfrage in der Landeshauptstadt, an der sich laut Zeitung knapp 5.700 Mitarbeiter beteiligten, hätten nur zehn Prozent Probleme mit der Technik Zuhause gemeldet. Jeder Zweite habe aber angegeben, dass bestimmte Tätigkeiten nur eingeschränkt möglich seien, etwa weil Akten noch nicht digitalisiert wurden. Die Zahl der sogenannten Tele-Arbeitsplätze sei binnen weniger Monate von 250 auf 4.200 gesteigert worden, berichtete die Zeitung.

Kommunale Verwaltungen: Probleme bei Homeoffice

Laut Kai Rosenberger, Vorsitzender des Baden-Württembergischen Beamtenbunds BBW, sei der Stand zum Homeoffice in den Behörden im Land sehr unterschiedlich. Digitales Arbeiten von Zuhause aus sei in Ministerien gar kein Problem, auch in größeren Landesbehörden wie Finanzämtern funktioniere es überwiegend gut. Nur in Sonderbereichen fehle es teilweise an speziellen Programmen. Große Probleme hingegen gebe es in der Kommunalverwaltung, so Rosenberger. Außerdem gelte: Je größer die Stadtverwaltung, desto besser sei die Ausstattung. Die Umstellung gehe zum Teil aber noch recht langsam voran, weil die Infrastruktur noch nicht da sei.

Der Deutsche Beamtenbund dbb hatte in einer Befragung herausgefunden, dass auf Bundesebene im Schnitt 67 Prozent der Beschäftigten dauerhaft ins Homeoffice wechseln konnten, auf Landesebene aber nur 55 und auf kommunaler Ebene sogar gerade einmal 37 Prozent.

Städtebund BW: Bereitschaft für Homeoffice sei stark gestiegen

Im Hinblick auf die hohen Corona-Infektionszahlen appellierte das Land Baden-Württemberg wiederholt, die Präsenzzeit "wo immer derzeit möglich" auch für Beamtinnen und Beamte und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Behörden und Verwaltungen zu reduzieren. "In der aktuellen Lage mit besonders hohen Infektionszahlen ist eine Präsenz der Beschäftigten des Landes (Beamtinnen und Beamten sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer) in der Dienststelle auf das unabdingbare Maß zu reduzieren", heißt es beispielsweise in einem Schreiben an den Beamtenbund BBW.

Die Bereitschaft auch in öffentlichen Verwaltungen Homeoffice anzubieten sei auch stark gestiegen, teilte der Städtebund Baden-Württemberg auf SWR-Anfrage mit. Doch: "Viele Dienste und Aufgaben einer Stadtverwaltung können ohnehin nicht von zu Hause erledigt werden, allen voran die Erzieherinnen und die Bau- und Betriebshöfe", teilte Pressesprecherin Christiane Conzen mit. Aber vor allem da die Möglichkeit für Arbeit von Zuhause aus vor der Corona-Pandemie eher selten genutzt wurde, sei die Lage durch "fehlende technische Ausstattung zum Teil schwierig." Die Situation sei auch von Kommune zu Kommune unterschiedlich - auch die Größe spiele eine Rolle: "Je kleiner eine Kommune, desto öfter sind für manche Themen nur einzelne Personen zuständig, da wird es ebenfalls schwieriger."

Die Mitarbeiterin, die anonym mit dem SWR gesprochen hat, sei technisch und organisatorisch vorbereitet und gut ausgerüstet. Nach ihrer Aussage scheitere es in ihrem Team an der Einstellung des Vorgesetzten - in Behörden habe der das letzte Wort. "Dabei geht es uns wirklich nur darum, Kontakte zu reduzieren. Egal wer Zuhause bleibt oder nicht oder an welchen Tagen", sagte die Frau. Mit der jetzigen Situation wolle sie sich so nicht zufriedengeben. "Weil die Lage ist jetzt ernst. Und die bleibt auch ernst."

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