Eine Corona-Schutzmaske auf einem Schreibtisch in der Schule (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uli Deck)

Unterrichtsausfall und steigende Inzidenzen befürchtet

Ende der Maskenpflicht an Schulen - Auswirkungen in BW nicht absehbar

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Luisa Bleich
SWR-Redakteurin Luisa Bleich Autorin Bild  (Foto: Privat)

In Baden-Württemberg ist die Maskenpflicht im Unterricht seit Montag Geschichte. Wie sich das auf die Schulen im Land auswirken wird, kann aktuell niemand sagen.

Was in Baden-Württemberg und weiten Teilen Deutschlands lange unvorstellbar war, ist seit Montag wieder Realität: Unterricht ohne Maske. Für die Bundesländer Hessen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist diese Regelung dagegen nicht neu. Hier gilt die Maskenpflicht im Unterricht bereits seit dem 7. März nicht mehr.

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Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg kommt dieser Schritt aber trotzdem zu früh. Sie hatte das Kultusministerium zuvor gewarnt, die Maskenpflicht an Schulen aufzuheben. Auch der Regionalverband der GEW in Hessen stand der Aufhebung der Maskenpflicht Anfang März kritisch gegenüber. Die Gewerkschaft befürchtete steigende Infektionszahlen.

Steigende Infektionszahlen nach Wegfall der Maskenpflicht

Wirft man einen Blick auf die Corona-Infektionszahlen in Hessen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sieht es zunächst danach aus, als wäre die Angst der Gewerkschaft nicht ganz unbegründet. Tatsächlich sind die Infektionszahlen in den betreffenden Bundesländern gestiegen - vor allem in den jüngeren Altersgruppen. "Die Infektionsszahlen in den Schulen haben sich nach Wegfall der Maskenpflicht innerhalb von zwei Wochen verdoppelt", so der Vorsitzende der GEW Hessen, Thilo Hartmann. Auch in Sachsen-Anhalt sind die Infektionszahlen an den Schulen nach dem Wegfall der Maskenpflicht gestiegen. So meldeten in der Woche vom 3. März noch 4,76 Prozent der Schulen einen eingeschränkten Präsenzbetrieb durch coronabedingte Ausfälle. Zwei Wochen später, am 17. März, waren es bereits 9,12 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern ist derweil die Sieben-Tage-Inzidenz in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen deutlich gestiegen. Am 3. März hatte diese noch bei 2.991 gelegen, bis zum 17. März hatte sie sich beinahe verdoppelt auf glatte 5.000.

Die Grafik zeigt den prozentualen Anteil der nachweislich infizierten Kinder und Jugendlichen zwischen 5 und 14 Jahren in den einzelnen Bundesländern:

Zusammenhang zwischen fehlender Maskenpflicht und höheren Inzidenzen?

Zum Vergleich: Am 3. März lag die landesweite Inzidenz in Mecklenburg-Vorpommern bei 1.678,1, am 17. März bei 2.468,1. Der Blick auf die Zahlen macht deutlich, dass die Inzidenz bei den 12- bis 17-Jährigen zwar sprunghaft angestiegen, gleichzeitig aber auch die landesweite Inzidenz nach oben gegangen ist. Außerdem waren die Zahlen in dieser Alterstufe schon vor dem Wegfall der Maskenpflicht deutlich höher.

Dazu kommt, dass die Sieben-Tage-Inzidenz im März bundesweit gestiegen ist. Demnach also auch in den Bundesländern, in welchen die Maskenpflicht zu diesem Zeitpunkt im Unterricht noch galt. Erst seit Ende März sind die Zahlen in Hessen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sowie generell in ganz Deutschland wieder rückläufig.

Hohe Corona-Inzidenzen im März

Auch die GEW Mecklenburg-Vorpommern sagt: Die Infektionszahlen waren zu dem Zeitpunkt, als die Maskenpflicht im Unterricht weggefallen ist, bereits stark angestiegen. Ob dieser Anstieg auch durch den Wegfall der Maskenpflicht zusätzlich befeuert wurde, könne man aber nicht einschätzen. Thomas Gaube, Schulleiter eines Gymnasiums in Halle und Vorsitzender des Philologenverbands in Sachsen-Anhalt, äußerte sich ebenfalls zurückhaltend: "Als die Maskenpflicht aufgehoben wurde, waren die Inzidenzen in den Bereichen der Großstädte viel höher als im Bundesdurchschnitt." Dadurch könne man nicht sagen, woran die hohe Zahl an Schülerinfektionen letztlich gelegen habe.

Um effektiv sagen zu können, wo eine Ansteckung stattgefunden hat, bräuchte es laut SWR-Datenjournalist Johannes Schmid-Johannsen eine Kontaktnachverfolgung. "Wir erfassen praktisch keine Infektionsketten mehr. Deshalb kann man anhand der Meldedaten der Gesundheitsämter nicht herauslesen, wer wen ansteckt."

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Steigende Inzidenzen kaum Auswirkungen auf den Unterricht

An den Schulen in den drei Bundesländern scheinen sich die hohen Inzidenzen allerdings kaum ausgewirkt zu haben. "Wir haben eigentlich recht wenige positive Fälle gehabt", sagt Christian Noack, Leiter des Schulzentrums Marienhöhe in Darmstadt. "Und das ist seit Januar, Februar, März ziemlich ähnlich - entsprechend der Inzidenz hier in Darmstadt", so Noack weiter. Er vermute ohnehin, dass die wenigsten Ansteckungen auf den Schulbetrieb zurückzuführen seien.

"Mein Verdacht ist weiterhin, dass die meisten Ansteckungen fast durchweg im privaten, familiären, freizeitlichen Bereich stattfinden."

Fred Neumann, Rektor der Erich-Weinert-Schule in Schwerin bestätigt, dass die Infektionszahlen der Schülerinnen und Schüler etwa auf demselben Niveau geblieben sind. Einen vermehrten Unterrichtsausfall nach dem Wegfall der Maskenpflicht habe es nicht gegeben.

Wegfall der Maskenpflicht: Kein einheitliches Vorgehen

Dazu muss gesagt werden: Der Wegfall der Maskenpflicht wird an jeder Schule anders gehandhabt. Grundsätzlich darf die Maske natürlich auch weiterhin getragen werden, einige Schulen empfehlen es sogar.

"Sehr viele Schulen haben die Empfehlung ausgesprochen, bitte weiter Maske zu tragen."

Dieser Empfehlung seien an seinem Gymnasium in Halle fast hundert Prozent aller Schülerinnen und Schüler gefolgt, so Gaube weiter. Es habe sogar eine entsprechende Aktion des Schülerrats gegeben. Denn: Der Großteil der Schülerinnen und Schüler hätten sich eine einheitliche Maskenpflicht auf dem gesamten Schulgelände bis nach dem Ende der Osterferien gewünscht.

Auch an der Erich-Weinert-Schule in Schwerin werde weiterhin freiwillig die Maske getragen, so Schulleiter Neumann. Hier seien es allerdings nur etwa 50 Prozent der Schülerinnen und Schüler. Dafür fast 100 Prozent der Lehrkräfte. Noack vom Schulzentrum Marienhöhe in Darmstadt hat derartige Statistiken bislang nicht erhoben. "Ich weiß, dass es Lehrkräfte gibt, die froh sind, dass wir eben keine Maske mehr tragen müssen", so der Schulleiter. Genauso gebe es Schülerinnen und Schüler, die die Maske lieber zu Hause lassen würden. Das könne jeder für sich entscheiden.

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Drei Tage ohne Maskenpflicht in BW

In Baden-Württemberg ist die Bilanz drei Tage nach dem Wegfall der Maskenpflicht ebenfalls unterschiedlich. Laut einem Sprecher der GEW Baden-Württemberg tragen an manchen Schulen fast alle freiwillig Maske, in anderen fast keiner mehr. Die GEW rät Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften, auch nach dem Wegfall der Maskenpflicht freiwillig einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. SWR-Journalist Schmid-Johannsen hält das weitere Tragen einer Maske ebenfalls für sinnvoll: "Masken schützen in Innenräumen. Wenn sie wegfallen, steckt ein infizierter Schüler andere Mitschüler an." Denn: Das Virus sei aktuell noch sehr unter Kindern verbreitet. Statistisch seien gerade drei bis sechs von 100 Kindern infektiös. "Wenn die ohne Maske im Klassenraum sitzen, stecken sie sehr wahrscheinlich andere Kinder an", so Schmid-Johannsen. Um Kinder vor einem schweren Verlauf mit dem Virus zu bewahren, bleibe nur noch die Impfung.

"Wer sein Kind schützen möchte, hat eigentlich nur noch eine Möglichkeit: Die Impfung. Der Impfstoff ist bereits für Grundschulkinder zugelassen und schützt wirksam vor einem schweren Verlauf."

Wieder steigende Infektionszahlen in Baden-Württemberg?

Ob der Anstieg der Corona-Inzidenzen bei den jüngeren Altersgruppen in Hessen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich auf den Wegfall der Maskenpflicht im Unterricht zurückzuführen ist, kann letztendlich niemand so genau sagen. "In dem Moment, in dem irgendwo Schutzmaßnahmen reduziert werden, wird es ganz sicher ein erhöhtes Infektionsaufkommen geben", so Schulleiter Gaube. "Aber wirklich quantitativ nachweisen wird man das nicht können." Auch Schmid-Johannsen sagt: "Wenn ich die Maskenpflicht wegnehme, habe ich natürlich Ansteckungen in der Schule". Um zu überprüfen, ob die Ansteckung aber auch tatsächlich in der Schule stattgefunden habe, bräuchte es eine Kontaktnachverfolgung.

Folgen für Baden-Württemberg bleiben unklar

Die GEW in Baden-Württemberg und in Hessen hätte sich jedenfalls einen späteren Zeitpunkt für die Aufhebung der Maskenpflicht gewünscht. Auch Rektor Noack aus Darmstadt hätte mit der Lockerung gerne noch gewartet: "Ich hätte diese Maßnahmen erst nach den Osterfeien begonnen".

Wie und ob sich der Wegfall der Maskenpflicht in Baden-Württemberg auf die Ansteckungsrate bei Kindern auswirken wird, bleibt ungewiss. Da nach den Osterferien allerdings auch die wöchentlichen Testungen an den Schulen auslaufen werden, dürfte die ein oder andere Infektion ohnehin unentdeckt bleiben.

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