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Ab Montag gelten in Baden-Württemberg für Menschen, die zweimal gegen Corona geimpft wurden, Ausnahmen von den Corona-Bestimmungen. Es gibt wissenschaftliche Argumente für solche Ausnahmen, aber auch gute Gründe dagegen.

Wer zweimal gegen das Coronavirus geimpft wurde, muss in Baden-Württemberg ab Montag (19. April) nicht mehr in Quarantäne, wenn er oder sie mit einer positiv auf das Virus getesteten Person Kontakt hatte und zugleich symptomfrei ist. Das gilt auch für diejenigen, die eine Covid-19-Erkrankung hatten und eine erste Corona-Impfdosis erhalten haben. Auch nach Einreisen aus sämtlichen Risikogebieten im Ausland gibt es dann keine Quarantänepflicht mehr.

In Rheinland-Pfalz können vollständig Geimpfte seit dieser Woche bestimmte Geschäfte betreten, ohne einen Corona-Test gemacht zu haben. Außerdem sind vollständig Geimpfte auch hier in bestimmten Fällen von der Quarantänepflicht ausgenommen. Der Ticketverkäufer CTS Eventim hat Anfang des Jahres die Möglichkeit ins Spiel gebracht, nur geimpfte Menschen für Veranstaltungen wie Konzerte zuzulassen. Auch für Flugreisen wurde ein Impfnachweis schon debattiert.

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Ausnahmen für Geimpfte: Spaltung der Bevölkerung?

Über derartige Erleichterungen für Corona-Geimpfte gibt es heftige Diskussionen. Ungerechtfertigt sei das, so stellvertretend ein Meinungsbeitrag auf den Kanälen des SWR in den sozialen Netzwerken. Dort ist von Menschen erster und zweiter Klasse die Rede. Es wird kritisiert, dass bislang längst nicht jede und jeder ein Impfangebot bekommen habe. "Solange nicht allen Impfwilligen ein Impfangebot unterbreitet werden kann, ist das eine Frechheit", schreibt zum Beispiel Steffen Ditters.

Andere warnen vor einer möglichen Spaltung der Bevölkerung in Geimpfte und Nichtgeimpfte. "Denn die Nichtgeimpften sind ja in der überwiegenden Mehrzahl nicht verantwortlich dafür, dass sie noch nicht geimpft wurden", so Thomas Grimm. Es gibt aber auch Befürworter von unterschiedlichen Corona-Bestimmungen für Geimpfte und Nichtgeimpfte. So hat zum Beispiel Werner Bühler Verständnis dafür und schreibt: "Wer das Risiko eingeht, sich impfen zu lassen, sollte auch einen Vorteil haben."

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Mögliche Ausnahmen wissenschaftlich begründbar?

Der Deutsche Ethikrat hat sich Anfang Februar gegen besondere Regeln für Geimpfte ausgesprochen. Begründet wurde dies damit, dass noch nicht abzuschätzen sei, inwieweit von Geimpften noch eine Gefahr ausgeht. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sollte aufgrund der noch nicht verlässlich abschätzbaren Infektiosität der Geimpften eine individuelle Rücknahme staatlicher Freiheitsbeschränkungen für geimpfte Personen nicht erfolgen", so der Ethikrat damals

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte Anfang Februar in der ARD-Sendung "Farbe bekennen", dass es überhaupt keine besonderen Maßnahmen oder Rechte für Geimpfte geben könne, solange nicht geklärt sei, ob ein Geimpfter noch andere anstecken könne.

Mit Blick auf Menschen, die sich auch dann nicht impfen lassen wollen, wenn es ein ausreichendes Impfangebot gibt, sagte Merkel aber auch: "Dann muss man vielleicht schon solche Unterschiede machen und sagen: Ok, wer das nicht möchte, der kann vielleicht auch bestimmte Dinge nicht machen."

Studien zeigen: Impfung senkt Ansteckungsgefahr

Inzwischen gibt es erste Studien, die zeigen, dass die Viruslast bei einer Infektion nach einer Impfung wohl deutlich niedriger ist als ohne Impfung. Geimpfte sind demnach auch nicht so lange ansteckend als ungeimpfte Personen. Die Chance, dass Geimpfte andere anstecken, ist also gering, aber nicht ausgeschlossen.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) sagt deshalb inzwischen, dass Geimpfte wohl keine wesentliche Rolle mehr für die Pandemie spielen. Das RKI betont jedoch gleichzeitig, dass das Übertragungsrisiko nicht null sei und Geimpfte deshalb trotzdem Maske tragen, Abstand halten und auf Hygiene achten sollten.

Sind Ausnahmen der Corona-Regeln für Geimpfte bedenklich oder wissenschaftlich begründbar? Antworten aus der SWR-Wissenschaftsredaktion:

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Ethikrat: Erst Risikopatienten impfen

Wichtig ist: Bei der Debatte über Ausnahmen von den Corona-Regeln für Geimpfte geht es um Grundrechte, die durch die Corona-Verordnung eingeschränkt sind.

Der Deutsche Ethikrat hat sich daher in seiner Stellungnahme auch grundsätzlich für eine schrittweise Rücknahme der "allgemeinen staatlichen Freiheitsbeschränkungen für alle Bürgerinnen und Bürger" ausgesprochen. Voraussetzung dafür sei aber, "dass zuvor alle Menschen mit individuell sehr hohem Risiko für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung Zugang zur Impfung erhalten haben."

Als Maßstab für die Rücknahme der Beschränkungen nennt der Ethikrat die Zahlen schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle, nicht jedoch die reinen Infektionszahlen.

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