Raser auf einer nächtlichen Straße (Foto: dpa Bildfunk, Frank Rumpenhorst)

Raser und Poser Verkehrsexpertin: "Es sind meistens Männer"

Was bringt Menschen dazu, sich und andere Verkehrsteilnehmer beim Rasen zu gefährden? Was sind das für Typen, die so aufs Gas drücken? Ein Gespräch mit der Verkehrspsychologin Rita Stumpf.

Mit einem groß angelegten Blitzermarathon will die Polizei europaweit Temposünder aus dem Verkehr ziehen. Verkehrspsychologin Rita Stumpf aus Böblingen fordert härtere Konsequenzen - bis hin zum lebenslangen Fahrverbot.

SWR Aktuell: Gibt es bestimmte Typen von Rasern, Frau Stumpf?

Rita Stumpf: Es gibt zwei großen Gruppen. Die eine Gruppe, das sind die Berufstätigen, Selbständigen, die Manager, die Außendienstmitarbeiter, die unterwegs sind und ihr Rasen gar nicht als Rasen empfinden. Sie rechtfertigen es damit, dass sie einen hohen Arbeitsdruck haben, dass sie ihr Geld verdienen müssen, die Arbeitsplätze ihre Mitarbeiter erhalten müssen und so weiter.

Die zweite Gruppe, das sind die so genannten Poser und die, die illegale Rennen veranstalten. Das ist die Gruppe, die ihr Selbstwertgefühl aufpoliert, indem sie ein dickes Auto hat, das sie in den meisten Fällen gar nicht mal besitzt, sondern least. Und es sind die Menschen, die im Alltag in der Regel sehr wenig Erfolg haben. Die wenigsten davon haben einen wirklich guten Job. Das sind Menschen, die sich dort auf der Straße den Erfolg holen.

Autos von Rasern sind oft protzig, sie haben einen dicken Auspuff, sie machen viel Lärm und ab 300 PS wird es erst interessant. Die Raser haben also ein Problem mit ihrem Selbstbewusstsein?

Sie polieren sich auf, indem sie besonders laut sind. Sie müssen sich mal vorstellen, es gibt tatsächlich Männer, und es sind meistens Männer, die das Reserverad rausnehmen, dort einen Lautsprecher reinmachen, der ein wahnsinniges Motorengeräusch simuliert. Das können sie dann vom Innenraum aus mit einer Fernsteuerung bedienen. Und das macht dann so richtig Lärm wie 500-600 PS.

Kommt das denn bei denen, die sie vielleicht beeindrucken wollen, nämlich bei den Mädels, gut an?

Ich glaube nicht, dass es bei allen gut ankommt. Aber bei den Mädels, die dann dort samstagnachts stehen, kommt es wahrscheinlich schon an. Ich sag an der Stelle immer: Wir sind nicht so weit weg von der Höhle, wie wir denken. Wir Frauen gucken zumindest in einer bestimmten Altersspanne doch den gut gebauten Macho-Jungs hinterher. Und die Jungs - egal wie intelligent oder unintelligent die Frau ist: Hauptsache das Fahrgestell ist gut und sie sieht gut aus.

Biltzlicht auf der Autobahn in Baden-Württemberg (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Seeger)
Erwischt! Patrick Seeger

Sie haben ja früher in Prozessen auch Gutachten über Raser erstellt. Was sind das denn für Typen?

Da haben wir hin und wieder die jungen Männer, die aus den sehr gut situierten Familien kommen und den Porsche der Mama kurz ausleihen. Sehr, sehr häufig, und das ist sicherlich die überwiegende Mehrheit, haben wir es aber tatsächlich mit jungen Männern zu tun, die einen relativ niedrigen sozioökonomischen Status haben. Die also ganz häufig keinen wirklich guten Beruf haben. Zumindest aber kein gutes Ansehen in unserer Gesellschaft.

Was müssen wir dann machen?

Ich gehöre zu denen, die durchaus etwas robuster und rabiater unterwegs sind. Ich bin der Meinung: Nehmt ihnen ihr Spielzeug weg! Die Schweizer machen uns das vor. Da werden die Autos beschlagnahmt. In dem Moment, wo eine Gefahr von den Menschen ausgeht, sind die ganz schnell dabei und nehmen denen wirklich die Autos weg. Die werden dann versteigert und das tut weh.

Das ist vielleicht auch mal einen Appell an die Gerichte: Ich bin jetzt seit knapp 20 Jahren in dem Bereich unterwegs. Ich habe, soweit ich mich entsinnen kann, noch nie eine lebenslange Versagung der Fahrerlaubnis in einem Urteil gelesen. Das wäre doch mal eine Option.

Muss es dazu nicht in Deutschland auch ein anderes Klima geben? Denn jeder Eingriff, der hier gemacht wird, jede Kontrolle, jedes Limit, wird ja von vielen deutschen Autofahrern sofort als Eingriff in die eigene Freiheit angesehen.

Also ich persönlich bin auch gegen ein grundsätzliches Tempolimit. Da mag es viele Kollegen geben, die dafür sind. Wir sind eine vielfältige Gesellschaft und eine große Mehrheit kriegt es auch hin, vernünftig mit den Regeln umzugehen. Ich habe ja schon öfters kundgetan, dass ich selber ein schnelles Auto fahre. Dass ich aber auch häufig zum Beispiel auf der Autobahn in begrenzten Bereichen von denen überholt werde, die sich selbst ganz bestimmt für ordnungstreue, ganz anständige, ruhige Autofahrer halten.

Ich glaube, es muss sich jeder mal an die eigene Nase fassen, ob wir so viel mehr Gesetze brauchen. Das glaube ich gar nicht. Aber wenn jemand einen gravierenden Verstoß begeht, dann muss auch praktiziert werden, was wir können. Dann muss das Gesetz auch umgesetzt werden.

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