STAND
AUTOR/IN

Gewinneinbrüche, Stellenabbau und das Coronavirus: Viele Betriebe in Baden-Württemberg melden schlechte Nachrichten. Beim aktuellen BW-Trend sind AfD-Anhänger besonders besorgt.

Die wirtschaftliche Stimmung in Baden-Württemberg hat sich eingetrübt. Das ist das Ergebnis des neuen BW-Trends des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag von SWR und Stuttgarter Zeitung.

27 Prozent der Befragten bewerten demnach die derzeitige wirtschaftliche Lage als weniger gut oder schlecht. Im September waren es zehn Prozent weniger. Das ist damit der zweitschlechteste Wert, der bisher im BW-Trend gemessen wurde. Besonders die Anhänger der AfD geben an, die wirtschaftliche Lage im Land als weniger gut oder gar schlecht einzuschätzen. Positiver gestimmt sind die Parteianhänger der Regierungsparteien von Grünen und CDU sowie der SPD und FDP. Mehr als zwei Drittel der Befragten finden die wirtschaftliche Lage gut oder auch sehr gut. Zwei Prozent machten keine Angaben.

Bei der Prognose blicken die Baden-Württemberger mehrheitlich optimistisch in die Zukunft: Mehr als zwei Drittel (70 Prozent) machen sich über die künftige wirtschaftliche Entwicklung im Land keine oder nur geringe Sorgen. Im September waren es etwas (3 Prozent) mehr. Ein Drittel der Befragten hat aber große oder sehr große Bedenken.

Speziell bei den befragten Menschen mit formal niedrigerem Bildungsgrad nehmen die Sorgen um die künftige wirtschaftliche Entwicklung in Baden-Württemberg zu – und auch mit steigenden Alter wachsen die Befürchtungen. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle, die einen Aufschluss über die zunehmende Skepsis geben könnten.

1. Strukturwandel zeigt konkrete Folgen

10.000 Stellen bei Daimler, rund 3.500 bei Bosch, 9.500 bei Audi: Prominente Unternehmen in Baden-Württemberg haben in den vergangenen Monaten angekündigt, im großen Stil Personal abzubauen. Dass hierzulande gerade besonders viele Firmen ihre Strukturen auf den Prüfstand stellen, hat mit den Besonderheiten der Wirtschaft zu tun.

Baden-Württemberg ist Industrieland im besten Sinne: In keinem anderen Bundesland ist der Anteil der Industrie an der Gesamtwirtschaft größer. Mehr als ein Fünftel der gesamten Wertschöpfung der deutschen Industrie findet in Baden-Württemberg statt. Zwei Drittel davon entfallen auf die Branchen Metall- und Elektroindustrie, von denen auch die meisten Arbeitsplätze im Land abhängen.

Viele dieser Unternehmen sind mit der Automobilindustrie verknüpft, rund ein Viertel der Umsätze der Industrie stammt aus diesem Sektor. Doch diese Branche geht gerade durch einen massiven Strukturwandel. Wegen neuer Abgasgrenzwerte, die die Europäische Union beschlossen hat, sind die Hersteller seit Anfang 2020 gezwungen, Autos mit alternativen Antrieben auf den Markt zu bringen. Konkret heißt das für praktisch alle Hersteller: Batteriebetriebene E-Autos werden entwickelt und produziert, Diesel und Benziner kommen langfristig aufs Abstellgleis.

Autozulieferer werden weniger gebraucht

Doch der Umstieg gelingt nicht reibungslos. Denn Getriebe und Motor eines batteriebetriebenen Auto sind deutlich weniger komplex als bei Verbrennern. Ein Elektroantrieb besteht aus rund 210 Teilen, ein Verbrenner dagegen aus rund 1.400. Viele Unternehmen aus Baden-Württemberg haben sich jedoch auf die Fertigung von Verbrennerkomponenten wie Kolben, Dichtungen oder Ventilen spezialisiert. Ihre Tätigkeit verliert also an Bedeutung, es werden künftig schlicht weniger Mitarbeiter gebraucht. Bosch beispielsweise baut folgerichtig vor allem in der Sparte für Motorenantriebe Stellen ab.

Zugleich müssen die Unternehmen hohe Kosten stemmen, die bei der Umstellung der Produktion auf neue Antriebsarten anfallen. So hat der Zulieferer Mahle in Stuttgart angekündigt, hohe Investitionen in neue Geschäftsfelder vorzunehmen. Weil dies mit den gegebenen Produktionskosten nicht möglich sei, streicht Mahle an seinem Stammwerk in Stuttgart 380 Stellen.

Viele Beschäftigte in Baden-Württemberg fühlen sich von der Entwicklung überrumpelt: In Stuttgart gingen im November laut IG Metall 15.000 Beschäftigte auf die Straße, um gegen Sparpläne und Stellenstreichungen in der Autobranche zu demonstrieren.

2. Handelskonflikte sind ungelöst

Eine weitere Besonderheit der Wirtschaft hierzulande ist die hohe internationale Verflechtung: In keinem anderen Flächenland Deutschlands werden so viele Waren für internationale Kunden hergestellt wie in Baden-Württemberg. Ungefähr jeder dritte Arbeitsplatz ist direkt oder indirekt vom Export abhängig. Dass "Made in Baden-Württemberg" im Ausland gefragt ist, hat dem Land Wohlstand gebracht. Die Kehrseite der Medaille: Wenn es in den internationalen Handelsbeziehungen knirscht, gerät die Wirtschaft hierzulande schneller ins Straucheln als andernorts.

Und Sand im Getriebe der Weltwirtschaft gibt es gerade jede Menge: Ein umfassendes Handelsabkommen zwischen den Wirtschaftssupermächten USA und China steht weiterhin aus. Auch wenn im Dezember eine Teileinigung verkündet wurde, bleiben Donald Trumps milliardenschwere Einfuhrzölle auf chinesische Produkte in Kraft. Diese Zölle haben in China maßgeblich dazu beigetragen, dass sich das Wirtschaftswachstum in der Volksrepublik China deutlich abgekühlt hat. Sechs Prozent im vergangenen Jahr war der niedrigste Wert seit fast drei Jahrzehnten. Ein Problem auch für baden-württembergische Unternehmen: China ist seit vergangenem Jahr der zweitwichtigste Handelspartner des Landes. Waren im Wert von 16,4 Milliarden Euro haben Unternehmen 2019 dorthin geliefert. Sollte der Konflikt noch lange andauern, drohen Bremsspuren in dieser Bilanz.

Und Sonderzölle hält sich Donald Trump nicht nur für China vor: Seit bald zwei Jahren erheben die USA Zusatzzölle auf Aluminium und Stahl aus der Europäischen Union. Seit Oktober dazugekommen sind – als Vergeltung für EU-Subventionen für den Flugzeugbauer Airbus – Abgaben auf ganz verschiedene europäische Produkte, von deutschem Wein bis zu italienischem Parmesan. In Baden-Württemberg sind vor allem Hersteller von Werkzeug, optischen Linsen und Winzer betroffen.

Kommen bald Einfuhrzölle auf Autos?

Und immer wieder droht der US-Präsident, die Eskalationsspirale noch einen Schritt weiterzudrehen. Sollte die EU sich einem neuen Handelsvertrag mit den Vereinigten Staaten verweigern, der unter anderem US-Agrarprodukten leichteren Zugang auf dem europäischen Markt verschafft, könnten die USA die Zölle auf Autos ausweiten. Ein Horrorszenario für Daimler, Porsche und Co, für die die USA einer der wichtigsten Absatzmärkte ist.

Und dann ist da immer noch der Brexit. Zwar konnte ein ungeordneter EU-Austritt Großbritanniens nach den Neuwahlen zum britischen Unterhaus im Dezember verhindert werden. Wie die künftigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Nachbarn aussehen, muss aber noch ausgehandelt werden. Der Zeitrahmen dafür ist knapp: Bereits bis zum Jahresende muss ein Vertrag auf dem Tisch liegen, zumindest wenn es nach Premier Boris Johnson geht. Gelingt das nicht, droht in den Handelsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien erneut Chaos. Eine beunruhigende Perspektive für die baden-württembergische Wirtschaft: Das Vereinigte Königreich ist der sechs wichtigste Handelspartner des Landes.

3. Konjunktur geht die Puste aus

Nach zehn starken Jahren hat sich das Wirtschaftswachstum in Deutschland im vergangenen Jahr erstmals wieder deutlich abgeschwächt. Im zweiten Quartal 2019 ist der Wert aller Waren und Dienstleistungen in Deutschland sogar geschrumpft. Für den Südwesten prognostizierte die Landesbank Baden-Württemberg im November eine Stagnation für das Gesamtjahr 2019.

Audio herunterladen (25 MB | MP3)

Auf dem Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg kommt der Abschwung bislang kaum an, im Februar lag die Quote unverändert bei 3,5 Prozent – der zweitniedrigste Wert unter allen Bundesländern. Ein Grund dafür dürfte sein, dass Unternehmen in Baden-Württemberg wie im Rest des Landes ihre Beschäftigten bei schlechter Auftragslage in Kurzarbeit schicken können. Die Arbeitgeber zahlen in diesem Fall nur einen Teil des Lohns, die Arbeitsagentur kann deren Gehalt mit Kurzarbeitergeld aufstocken. Immer mehr Unternehmen in Baden-Württemberg machen davon Gebrauch: Im Januar hatten laut der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit 476 Unternehmen Kurzarbeit angezeigt. Ein Jahr zuvor waren es noch 116.

Auch einige größere Unternehmen sind bereits betroffen: Heidelberger Druckmaschinen plant bis Ende April mit verkürzten Arbeitszeiten.

4. Corona schockt die Weltwirtschaft

Seit dem Auftreten des Corona-Virus in der chinesischen Provinz Hubei im Januar durchläuft die Weltwirtschaft einen akuten Stresstest. Das betrifft auch die Unternehmen in Baden-Württemberg: 56 Prozent der Betriebe im Ländle spüren mittlerweile Auswirkungen der Epidemie auf ihr Geschäft. Die Wirtschaft hierzulande ist damit etwas stärker betroffen als in Deutschland insgesamt. Das geht aus einer Umfrage des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages hervor.

Um ihre Mitarbeiter zu schützen, haben viele Unternehmen Geschäftsreisen auf ein Minimum reduziert. 38 Prozent der Firmen ziehen darüber hinaus ihre Teilnahme an Messen und Veranstaltungen zurück – solange diese nicht ohnehin von den Behörden abgesagt werden. Viele Unternehmen, darunter der Energieversorger EnBW, die Softwareschmiede SAP oder Bosch, schicken Beschäftigte, die von einer privaten oder dienstlichen Reise aus Corona-Riskogebieten wie Südtirol zurückgekehrt sind, als Vorsichtsmaßnahme ins Homeoffice. Auch bei den übrigen Beschäftigten tolerieren viele Firmen derzeit Heimarbeit.

Messebauer und Tourismus leiden am stärksten

Konkrete wirtschaftliche Einbußen bekommen bislang vor allem die Reisebranche und die Messebauer zu spüren: Das Tourismusgewerbe in Baden-Württemberg meldet, dass die Umsätze um ein Drittel zurückgegangen sind. Zahlreiche Messen hierzulande wurden abgesagt, darunter die Luftfahrtmesse Aero in Friedrichshafen, die Paintexpo in Karlsruhe, der Mannheimer Maimarkt und die Logistikmesse Logimat in Stuttgart. Wegen der flächendeckenden Absagen rechnen die Messebauer in Baden-Württemberg mit hohen Verlusten – der Bundesverband der Messe- und Ausstellungsbau Famab hat kürzlich den Schaden für die Branche in Deutschland auf 670 Millionen Euro beziffert.

Und die Krise könnte in den kommenden Monaten weitere Firmen treffen. Besonders Branchen mit einem starken Chinageschäft müssen mit starken Einbußen rechnen. Dazu zählt der Autohersteller Daimler, für den China mittlerweile der wichtigste Absatzmarkt ist. Unternehmenschef Ola Källenius hatte in der vergangenen Woche angedeutet, dass Daimler bei den Verkäufen in China im Januar und Februar mit einem dicken Minus rechnet. Weil die chinesische Regierung zur Bekämpfung der Pandemie Reiseverbote verhängt hatte, war im Februar das öffentliche Leben in China in weiten Teilen zum Erliegen gekommen.

Und es gibt ein weiteres Problem: Viele Industriebetriebe aus Baden-Württemberg sind für ihre Fertigung auf Vorprodukte aus China angewiesen. Dass sehr viele Fabriken dort zu Jahresbeginn stillstanden, einige immer noch nicht mit voller Leistung produzieren, könnte auch in Baden-Württemberg zu Produktionsengpässen führen. Dass das bislang noch nicht geschehen ist, liegt an dem langen Vorlauf, den Lieferketten aus Fernost nach Europa meist haben. Viele Firmen haben immer noch Fertigungsteile in ihren Lagern, mit denen sie weiter produzieren können. Diese Vorräte könnten aber bald zuneige gehen. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die deutsche Industrie erst im April oder Mai im vollen Umfang von großen Lieferengpässen betroffen sein wird. Auch viele Maschinenbauer und Elektrotechniker zwischen Odenwald und Bodensee könnten dann Probleme bekommen, Aufträge abzuarbeiten.

BW-Trend März 2020 CDU auf Rekordtief - wirtschaftliche Stimmung trübt sich ein

Wenn am kommenden Sonntag Landtagswahl in Baden-Württemberg wäre, käme die CDU auf einen historischen Tiefstwert. Während die Grünen laut Umfrage trotz Verlusten weiter stärkste Kraft im Land bleiben, erholt sich die SPD.  mehr...

Mehr zum BW-Trend

Alle Fakten zum BW-Trend FAQ: Wo kommen die Daten für den Baden-Württemberg-Trend her?

Wer erstellt die Umfrage? Wie werden die Ergebnisdaten erhoben und ist das alles überhaupt repräsentativ? Und was ist eigentlich die Sonntagsfrage? Alle Antworten gibt es hier.  mehr...

BW-Trend Archiv Stimmungsbilder im Wandel der Zeit

Seit 2007 gibt der SWR den BW-Trend zum politischen Stimmungsbild im Land beim Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap in Auftrag. Blicken Sie doch mal zurück!  mehr...

STAND
AUTOR/IN