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Bei den Baden-Württembergern sind die Sorgen um die Wirtschaft sprunghaft gewachsen. Kein Wunder: Das Land leidet stärker unter dem Corona-Shutdown als alle anderen Bundesländer.

Es sind alarmierende Zahlen: Fast 60 Prozent der Baden-Württemberger machen sich derzeit große oder sehr große Sorgen um die künftige wirtschaftliche Lage. So das Ergebnis des aktuellen BW-Trend.

Ein Erdrutsch im Vergleich zum letzten BW-Trend: Anfang März hatten nur knapp 30 Prozent der Befragten angegeben, wegen der Wirtschaft in Sorge zu sein. Dazwischen liegen acht Wochen, in denen für viele Unternehmen und Arbeitnehmer in Baden-Württemberg alte Gewissheiten ins Wanken geraten sind. Was sich in den vergangenen Wochen in Deutschland und vielen anderen Ländern abgespielt hat, ist in der neueren Wirtschaftsgeschichte ohne Beispiel - und war wohl noch bei der letzten Erhebung des BW-Trends für die meisten unvorstellbar.

Industrie in Baden-Württemberg leidet am stärksten unter dem Shutdown

Um die Zahl Neuinfizierten zu drücken, haben Bund und Länder im März unter anderem angeordnet, dass Geschäfte geschlossen bleiben. Obwohl Fabriken davon nicht unmittelbar betroffen waren, haben in der Folge auch viele Industriebetriebe in Baden-Württemberg die Produktion eingestellt. Weil in Zeiten geschlossener Geschäfte die Produkte kaum an die Käufer gebracht werden konnten und wegen der Corona-Wirtschaftskrise das Interesse der Verbraucher an Neuanschaffungen ohnehin stark nachgelassen hatte, entschlossen sich besonders Firmen aus dem Automobilsektor zu diesem Schritt.

Indirekter Lockdown der Autoindustrie

In der zweiten Märzhälfte ordnete der Platzhirsch der Branche in Baden-Württemberg Daimler für die meisten seiner Werke eine Betriebsruhe an, kurze Zeit später zog der Sportwagenhersteller Porsche nach. Dann folgten Unternehmen aus der Zuliefererindustrie wie Bosch und Mahle. Manche stoppten die Produktion ganz, manche teilweise, wie der Antriebsspezialist ZF Friedrichshafen. Ein Dominoeffekt mit erheblichen Folgen.

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Wirtschaftsstruktur wird für Baden-Württemberg zum Problem

Dieser indirekte Shutdown der Industrie trifft die Wirtschaft von Baden-Württemberg ins Mark: Berechnungen des Ifo-Instituts zufolge verliert das Land durch die pandemiebeschränkten Einschränkung mehr als 57 Prozent seiner üblichen Wertschöpfung. Damit leidet Baden-Württemberg unter dem Shutdown stärker als jedes andere Bundesland. Das dürfte sich auch in der Jahresbilanz der Wirtschaft niederschlagen: Sollten die Pandemie-Maßnahmen insgesamt zwei Monate andauern, könnte die Wirtschaft in Baden-Württemberg in diesem Jahr den Forschern des IFO-Instituts zufolge im schlimmsten Fall um mehr als 18 Prozent schrumpfen. Auch das wäre deutschlandweit der Spitzenwert.

Der Hintergrund: In Baden-Württemberg ist der Anteil der Industrie an der Gesamtwirtschaft höher als in den meisten anderen Regionen Deutschlands. Wenn diese hochrentablen Branchen plötzlich stillstehen, reißt das ein ungleich größeres Loch in die volkswirtschaftliche Bilanz. Das Pfund der baden-württembergischen Wirtschaft wird zumindest vorübergehend zur Last.

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Produktion geht wieder los

Mittlerweile fahren viele Betriebe ihre Produktion langsam hoch. An einen Normalbetrieb ist dennoch nicht zu denken. Wegen der gesunkenen Nachfrage arbeiten Fabriken mit gedrosselter Leistung, in den Betrieben gelten Abstands- und Hygieneregeln, die den Arbeitsalltag auf den Kopf stellen.

Zudem müssen die Unternehmen mehr Energie als üblich darauf verwenden, die Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten sicherzustellen. Weil in vielen Ländern gerade nur eingeschränkt gearbeitet wird, sind viele Glieder internationaler Lieferketten vom Ausfall bedroht.

Die Krise kommt bei den Menschen an

Mittlerweile hinterlässt die Krise auch auf dem Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg erste Spuren: Die Arbeitslosenquote ist im April auf vier Prozent gestiegen, fast ein ganzer Prozentpunkt mehr als vor einem Jahr und der höchste Anstieg im Vorjahresvergleich seit der Finanzkrise 2009. Dennoch ist dieser Wert in Relation zum Ausmaß der pandemiebedingten Wertschöpfungsverluste eher moderat. In den USA beispielsweise haben wenige Wochen nach Beginn der Shutdowns bereits mehr als 25 Millionen Menschen einen Erstantrag auf Arbeitslosenhilfe gestellt, Experten gehen davon aus, dass die Arbeitslosenquote bereits im zweistelligen Bereich liegt.

Jedes dritte Unternehmen in Deutschland in Kurzarbeit

Dass Deutschland von solchen Zuständen noch weit entfernt ist, haben wir vor allen Dingen einem arbeitsmarktpolitischen Instrument zu verdanken: der Kurzarbeit. Seit dem Beginn der Corona-Beschränkungen ist die Zahl der Unternehmen, die die Arbeitszeitverringerung bei der Bundesagentur für Arbeit angezeigt haben, ähnlich exponentiell gestiegen wie die Zahl der Virusinfektionen: Mehr als 100.000 Betriebe haben der Regionaldirektion der Arbeitsagentur zufolge mittlerweile Kurzarbeit angemeldet. Im Januar waren es noch knapp 500. Fast 1,3 Millionen Menschen müssen derzeit in Baden-Württemberg beruflich kürzer treten.

Deutschlandweit ist rund jedes dritte Unternehmen betroffen. Die Betriebe stammen aus allen Branchen: vom Einzelhandel, wo viele größere Geschäfte auch nach der ersten Lockerungsrunde nur einen Bruchteil ihrer Ladenfläche für die Kunden öffnen dürfen, über die Industrie bis zum Dienstleistungssektor.

Viele Baden-Württemberger kommen bei Kurzarbeit gut weg

Für die betroffenen Beschäftigten heißt das fast immer: Sie müssen mit einem kleineren Einkommen auskommen. Viele Arbeitnehmer in Baden-Württemberg kommen dabei vergleichsweise gut weg: In der für das Land zentralen Metall- und Elektroindustrie ist ein Tarifvertrag in Kraft, der die Arbeitgeber zum Aufstocken des Kurzarbeitergeldes verpflichtet. Statt der bislang üblichen 60 Prozent oder - bei Beschäftigten mit Kindern - 67 Prozent des Nettogehalts, die die Arbeitsagentur für die ausgefallene Arbeitszeit überweist, erhalten die Angestellten der Branche hier zwischen 80 und 97 Prozent. Vergleichbare Regelungen gibt es hierzulande auch für die Beschäftigten der Deutschen Telekom und der Bahn.

Infolge neuer Tarifabschlüsse, die unter dem Eindruck der Corona-Krise zustande kamen, gibt es eine entsprechende Aufstockung auch für Beschäftigte von Schnellrestaurants und im öffentlichen Dienst der Kommunen.

Schlechte Stimmung unter Verbrauchern

Für alle anderen will die Bundesregierung nun die Einkommenslücke verkleinern. Gestaffelt nach der Bezugsdauer soll die Arbeitsagentur das Kurzarbeitergeld auf bis zu 87 Prozent des bisherigen Nettogehaltes aufstocken. Voraussetzung: Der Betrieb muss den Betroffenen mindestens 50 Prozent ihrer Arbeitszeit verkürzen und der Verdienstausfall durch Kurzarbeit muss länger als ein paar Monate dauern.

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Dennoch: Die Menschen in Deutschland und in Baden-Württemberg haben derzeit im Schnitt weniger Geld als noch vor einigen Monaten. Das legen auch Verbraucherumfragen nahe: Das Marktforschungsinstitut GFK berichtet, dass die Einkommenserwartung der Verbraucher in Deutschland radikal gesunken ist. Der Konsumklimaindex des Instituts, der auch Anschaffungsneigungen erfragt, ist im April so stark abgestürzt wie noch nie. Zum ersten Mal notiert das Barometer klar im Minus.

Für den Fortgang der Krise sind das denkbar schlechte Vorzeichen: Damit die Wirtschaft nach dem vollständigen Ende des Shutdowns wieder anläuft, Unternehmen wieder ohne staatliche Unterstützung wirtschaften können und in den Betrieben schnell wieder jede Hand gebraucht wird, braucht es vor allem schnell eines: Konsumfreudige Verbraucher, die den Unternehmen Autos, Werkzeuge und Kleider abkaufen.  

Wie tief ist das Füllhorn?

Um den Unternehmen und Arbeitnehmern in der Krise zu helfen, hat der Bund ein Rettungspaket auf die Beine gestellt, das in der deutschen Geschichte seinesgleichen sucht: Auf mehr als 350 Milliarden Euro summieren sich die haushaltswirksamen Maßnahmen, dazu kommen Kreditgarantien in Höhe von mehr als 800 Milliarden. Schwindelerregende Summen, die nur durch einschneidende Maßnahmen zu finanzieren sind: Zum ersten Mal seit 2014 ist der Bund von der Schwarzen Null abgerückt. Der Nachtragshaushalt, den der Bundestag Ende März verabschiedet hat, sieht eine Neuverschuldung in Höhe von 156 Milliarden Euro vor.

Wie andere Bundesländer auch, hat die baden-württembergische Landesregierung diese Maßnahmen mit weiteren Hilfen flankiert, für die per Nachtragshaushalt neue Schulden in Höhe von fünf Milliarden Euro aufgenommen wurden.

Deutschland ist Weltmeister bei den Corona-Hilfen

Damit hat die Bundesrepublik dem Internationalen Währungsfond zufolge mehr getan als jedes andere Land der Welt, um seine Wirtschaft in der Corona-Krise zu stützen. Vom soloselbstständigen Künstler bis zum milliardenschweren Dax-Konzern - für fast jeden Teilnehmer des Wirtschaftskreislaufes hat die Politik eine Hilfsmaßnahme ins Corona-Hilfspaket hineingelegt.

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Möglich war das, weil die Wirtschaft der Bundesrepublik in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gewachsen ist - und die Politik zur gleichen Zeit eine sehr defensive Haushaltspolitik gefahren ist. Dennoch fragen sich derzeit auch in Baden-Württemberg viele Menschen: Wie teuer wird uns die Pandemie am Ende zu stehen kommen? Viele Interessensgruppen stehen bereits in den Startlöchern, um noch mehr staatliche Unterstützung einzufordern. Zuletzt im Gespräch: Ein eigener Rettungsfond für die Gastronomie und Absatzhilfen für die Autoindustrie.

Sorgen um das Ausland

Viel zu kurz kommt darüber oft, dass viele Nachbarländer an den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie wohl viel stärker zu tragen haben als die Bundesrepublik. Viele südeuropäische Länder, allen voran Spanien und Italien, hatten sich erst in jüngster Zeit von der Rezession erholt, die die Finanz- und Eurokrise in den Ländern angerichtet hatte. Ausgerechnet diese Staaten werden nun von der Pandemie besonders heimgesucht. Die wirtschaftlichen Fortschritte der letzten Jahre drohen komplett verloren zu gehen.

Den Menschen in Baden-Württemberg kann das nicht egal sein: Denn die Verflechtung der Wirtschaft im Land ist so stark wie in kaum einer anderen Regionen der Welt. Ungefähr jeder dritte Arbeitsplatz ist direkt oder indirekt vom Export abhängig. Mehr als die Hälfte der Ausfuhren geht in die EU-Partnerstaaten. Sollten diese wegen Corona in die nächste langwierige Wirtschaftskrise schlittern, könnten auch Daimler, Bosch und SAP ins Straucheln geraten.

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