Eine Person klebt ein Schild mit der Aufschrift "Maske auf nicht vergessen!" an die Glasscheibe einer Zwischentür. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Hauke-Christian Dittrich)

Steigende Infektionszahlen und Intensivpatienten

BW-Ärztepräsident Miller: "Es ist überwiegend eine Pandemie der Ungeimpften"

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Die Belegung der Intensivbetten mit Covid-Patienten nimmt immer weiter zu. Die Inzidenz ist auf einem Rekordhoch. Für Landesärztekammer-Präsident Miller ist die Lage ernst.

Den Präsidenten der baden-württembergischen Landesärztekammer, Wolfgang Miller, beunruhigen die enorm steigenden Belegungszahlen auf den Intensivstationen und eine Inzidenz, wie wir sie noch nie erlebt hätten. "Die Situation ist durch die jetzt dramatisch steigende Inzidenz natürlich sehr ernst. Es ist tatsächlich überwiegend eine Pandemie der Ungeimpften." Er gehe davon aus, dass die "Alarmstufe" in den nächsten Tagen bis wenigen Wochen kommen wird und die Belegung der Intensivstationen weiter steigen wird. "Nur ein niedriger zweistelliger Bereich der Intensivbetten soll ausgelastet sein. Wir wollen nicht die Situation, dass wir mit dem Helikopter Intensivpatienten von einem Bundesland ins nächste fliegen müssen, weil die Kapazitäten ausgeschöpft sind."

Miller: Situation ist eine andere als im vergangen Jahr

Laut Miller befinden wir uns momentan "zum Glück" nicht in so einer Situation, weil das Land auch im Vergleich zum vergangenen Jahr Intensivbetten stark aufgerüstet hätte. Auch das öffentliche Leben könne ohne schwerwiegende Einschränkungen und Kontakt-Beschränkungen weitergehen, weil 65 bis 70 Prozent geimpft und fünf bis sechs Prozent genesen seien. "Wir haben viel mehr Wissen als im vergangenen Jahr, wir haben die Chance des Impfstoffs, wir wissen, dass schon die erste Impfung nach zehn bis 14 Tagen beginnt, einen gewissen Schutz zu entwickeln. Dann kommt die zweite Impfdosis und dann ist der Betreffende mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Schlimmsten raus."

Auch im Berufsleben, im öffentlichen Raum oder im Nahverkehr hätten sich die Menschen an gewisse Grundregeln wie die Maskenpflicht oder Abstandhalten gewöhnt. "Wir erleben aber leider auch, dass im Freizeitbereich, in der Gastronomie oder bei Veranstaltungen diese Abstandsregeln nicht so exakt eingehalten werden", kritisiert Miller.

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Miller: An 2G führt kein Weg vorbei

Aus Millers Sicht führe kein Weg an einer 2G-Pflicht in Baden-Württemberg vorbei - zumindest in Bereichen, die nicht lebensnotwendig seien, beispielsweise in der Gastronomie, aber auch nur für einen begrenzten Zeitraum. "Wir müssen das machen. Wir wissen, dass die Tests, auch die PCR-Tests, eine Lücke lassen bei denen, die infiziert sind, aber noch keine Krankheitssymptome haben. Wir haben auch durch die Impfung oder den Genesenen-Status zwar keine hundertprozentige aber eine deutlich zuverlässigere Situation, vor allem bezüglich schwerer Erkrankungen", meint Miller. Sollte die Zahl der Corona-Intensivpatientinnen und -patienten im Land an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen auf über 390 steigen, wäre die "Alarmstufe" erreicht und viele Bereiche nur für Geimpfte oder Genese (2G) zugänglich sein. Am Dienstag lag die Zahl bei 356 - Tendenz steigend.

Die Corona-Tests jetzt wieder kostenlos anzubieten, wäre aus seiner Sicht allerdings das falsche Signal an die Bevölkerung. "Dann sagen Impfunwillige, ich brauch mich ja nicht impfen lassen, wenn ich mich immer testen kann."

Booster-Impfungen: Noch keine STIKO-Empfehlung für alle Gruppen

Bei den Booster-Impfungen gegen Corona sieht der Mediziner eine Verunsicherung der Bevölkerung. "Weil wir von verschiedenen Stellen verschiedene Aussagen bekommen", kritisiert Miller gegensätzliche Meinungsäußerungen von Politik und Experten. Deshalb wollen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Ärzteverbände mit einer einheitlichen Linie für mehr Auffrischungsimpfungen werben. Eine Boosterimpfung soll demnach allen Geimpften angeboten werden, die vor sechs Monaten ihre Impfserie abgeschlossen haben. Auf der anderen Seite empfahl die Ständige Impfkommission (STIKO) sie vorerst in engerem Rahmen unter anderem ab 70 Jahren oder für Menschen mit Immunschwäche.

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Am Montag bezog die STIKO daraufhin Stellung - "aufgrund der aktuellen uneinheitlichen öffentlichen Aussagen zu den Zielgruppen für Auffrischimpfungen, die zur Verunsicherung in der Ärzteschaft und Bevölkerung geführt haben." In der Stellungnahme heißt es: "Aus immunologischen und infektionsepidemiologischen Gründen ist es sinnvoll, über die genannten Risikogruppen hinaus mittelfristig auch allen anderen Grundimmunisierten eine Auffrischimpfung anzubieten." Die STIKO wird voraussichtlich also in Zukunft allen Geimpften den sogenannten Booster empfehlen. "Die STIKO gibt ihre Empfehlung erst dann heraus, wenn sie ausreichend Zahlen und Erfahrungen hat, aber das ist eine Frage der Zeit, und diese Situation verunsichert die Menschen", sagt Miller.

Miller: Impfzentren sind nicht die Lösung

Eine Wiederöffnung der Impfzentren, um die Auffrischungsimpfungen durchzuführen, ist für Miller derzeit keine Option: "Die Impfzentren würden das Problem im Moment nicht lösen. Abgesehen davon, dass die Impfzentren nicht einfach auf Zuruf wieder öffnen können." Richtig sei es, weiter auf die Impfkapazitäten der Arztpraxen im Land zu setzen. So hätten vor zwei Wochen beispielsweise etwa 3.700 Arztpraxen in Baden-Württemberg etwa 100.000 Impfungen verabreicht. "Ich denke, dass wir mit allen Stellen, wo ärztliche Versorgung stattfindet, also in Arztpraxen oder bei Betriebsärzten schneller und zielführender sein werden, als nach den Impfzentren zu rufen, weil das in der jetzigen Situation weder erforderlich noch sinnvoll ist."

Momentan seien die Arztpraxen allerdings stark in Anspruch genommen, "weil dort jetzt natürlich - typisch für den Herbst, wenn es kälter wird - viele Erkrankte mit banalen Infekten die Sprechstunden wahrnehmen", so Miller. Andererseits gebe es eine große Nachfrage von Menschen, die ihre Boosterimpfung wollen, das teilweise vehement einfordern und so die Praxen organisatorisch belasten würden.

Ärztepräsident Miller ist angesichts steigender Erst-Impfungen zuversichtlich

Für die vierte Welle rät Miller zu einer Strategie, die bestehenden Impfangebote der Arztpraxen mit weiteren niederschwelligen Angeboten zu kombinieren. In der Planung sei eine weitere "Impfaktionswoche" Ende November, darüber sei die Landesärztekammer im Gespräch mit dem Sozialministerium. Ebenso sollen die mobilen Impfteams und Impfbusse in Zukunft verstärkt eingesetzt werden. "Es sind noch lange nicht alle sechs Monate nach Abschluss der Grundimmunisierung, aber die Erst-Impfungen nehmen deutlich an Fahrt auf und das macht mich trotz allem zuversichtlich."

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