Eine dreckige FFP2-Maske liegt auf dem Gehweg. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christophe Gateau (Archiv))

Übergang zur Endemie

BW-Gesundheitsminister fordert in Brief: Bund soll Ende der Pandemie erklären

STAND

Wenn es nach der BW-Landesregierung geht, soll der Bund die Corona-Pandemie zur Endemie erklären. Die Gesundheitsämter könnten schon lange nicht mehr alle Infektionen verfolgen.

Baden-Württemberg hat den Bund zu einem baldigen Wechsel von der pandemischen in die endemische Phase aufgefordert. In einem Brief an Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der dem SWR vorliegt, verlangt der Stuttgarter Sozialminister Manfred Lucha (Grüne), dieser Strategiewechsel solle für Ende April, also nach den Osterferien, eingeleitet werden.

Dann sei auch die Saison der Atemwegserkrankungen vorbei. Als Grund für seine Forderung führt der Grünen-Politiker an, die Gesundheitsämter hätten wegen der rasanten Ausbreitung der Omikron-Variante sowieso keinen Einfluss mehr auf das Ausbruchsgeschehen.

Minister: Keine Tests und keine Isolation mehr

Das würde bedeuten, dass von diesem Zeitpunkt an das Coronavirus wie das Grippevirus eingestuft würde. Es gäbe keine anlasslosen Tests mehr, außer etwa in Pflegeheimen, erklärte Lucha. Positiv getestete Menschen und deren Kontaktpersonen müssten sich nicht mehr absondern und Erkrankte nicht mehr zu Hause bleiben.

"Das Verhalten sollte vielmehr in die Eigenverantwortung gegeben werden, für Erkrankte gilt weiterhin die Aufforderung, zu Hause zu bleiben", schreibt der Grünen-Politiker. Das Infektionsgeschehen werde dann vor allem mit Hilfe von Meldedaten der Ärzte überwacht.

Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne). (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)
Für Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) ist der Infektionsverlauf durch die Gesundheitsämter nicht mehr kontrollierbar. picture alliance/dpa | Christoph Schmidt

Infizierte geben Virus oft vor Quarantäne schon weiter

Bisher sei es so, dass Kontaktpersonen die Infektion oft schon weitergegeben hätten, bevor ihr Status bekannt werde und die Quarantäne greifen könne. "Derzeit werden durch die Gesundheitsämter mit enormem Aufwand vielfach Meldedaten asymptomatischer Personen erfasst sowie Mehrfachmeldungen durch 'Freitestversuche' symptomatischer Personen - aus denen keine weiteren Maßnahmen folgen und die das Infektionsgeschehen zudem zunehmend unzureichend abbilden", schreibt der Landesminister an Lauterbach.

Zudem seien viele Menschen als Geimpfte oder Genesene von einer Quarantäne befreit. Wenn die Gesundheitsämter von diesen überflüssigen Aufgaben entlastet würden, könnten sie sich darauf konzentrieren, Pflegeheime und Krankenhäuser zu beraten, um größere Ausbrüche zu vermeiden oder besser unter Kontrolle zu bringen, erklärte Lucha.

Landkreise wollen "Datenfriedhöfe" vermeiden

Unterstützung erhielt der Minister vom Landkreistag. "Es ist wichtig und notwendig, die Berliner Politik mit den fachlichen Realitäten von vor Ort zu konfrontieren", sagte Präsident Joachim Walter (CDU). "So macht es beispielsweise keinen Sinn, durch die tausendfache Meldung von positiven Testergebnissen beim Robert Koch-Institut Datenfriedhöfe zu schaffen, ohne dass daraus irgendwelche Konsequenzen gezogen werden."

Die FDP begrüßte den Vorstoß, zeigte sich aber verwundert: Während Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sich beim Bund beschwere, es fehlten die Instrumente im Kampf gegen die Pandemie, wolle Lucha das Coronavirus nun wie jedes andere Grippevirus behandeln, so Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke. Er fragte: "Ist bessere Erkenntnis oder schiere Resignation der Grund für den plötzlichen Gesinnungswandel?" Er forderte das Land auf, die Regeln für die Quarantäne selbst abzuschaffen, dazu brauche es den Bund nicht.

Corona-Infektionszahlen werden nur noch werktags übermittelt

Das Landesgesundheitsamt (LGA) will künftig an Wochenenden und Feiertagen keine Covid-19-Fälle mehr von den Gesundheitsämtern an das Robert Koch-Institut übermitteln. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums soll daran anknüpfend auch die Covid-19-Berichterstattung des LGA an Wochenenden und Feiertagen eingestellt werden. Montags bis freitags will die Behörde die Daten aber weiterhin im Lagebericht darstellen.

Der Bericht soll sich allerdings auf die wichtigsten Zahlen beschränken. Begründet wird der Schritt damit, dass seit dem 19. März 2022 eine neue Corona-Verordnung ohne das bisherige Stufensystem (Basis-, Warn- und Alarmstufe) gilt.

40.000 Neuinfektionen an einem Tag

Unterdessen bleibt das Infektionsgeschehen in Baden-Württemberg auf einem hohen Niveau. Laut aktuellen Daten des LGA (Stand: Donnerstag, 16 Uhr) beträgt die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz derzeit 1.921,1 und damit nur knapp weniger als beim Allzeithoch zu Wochenbeginn. Alleine an einem Tag wurden den Behörden demnach fast 40.000 Neuinfektionen gemeldet, 38 weitere Personen sind an oder mit Corona gestorben. Damit stieg die Zahl der Todesopfer in Baden-Württemberg seit Pandemie-Beginn auf 14.916. Die Situation auf den Intensivstationen im Land bleibt den Zahlen zufolge unverändert (249 Covid-19-Fälle).

Gleichzeitig bleibt die Zahl der verabreichten Impfdosen im Land auf niedrigem Niveau. So beträgt die Impfquote für Baden-Württemberg bei den Grundimmunisierten 74,1 Prozent, 56,8 Prozent der Menschen haben bereits eine Booster-Impfung erhalten. Damit liegt das Land weiter hinter dem Bundesschnitt. Entsprechend wird das Impfangebot in Baden-Württemberg ab April zurückgefahren, zuvor hatte das Sozialministerium eingestanden, dass das Impftempo seit Jahresbeginn deutlich an Fahrt verloren hat.

Epidemiologie Auch eine Corona-Endemie könnte gefährlich sein

Schon seit einiger Zeit wird die Endemie als Ende der Corona-Pandemie herbeigesehnt. Manche Experten warnen allerdings davor, die Endemie als erstrebenswertes Ziel anzusehen.  mehr...

Baden-Württemberg

Das Coronavirus und die Folgen für das Land Live-Blog zum Coronavirus in BW: Bundesgesundheitsminister Lauterbach befürchtet schweren Corona-Herbst

Corona-Regeln, Zahlen und Impfungen: Die wichtigsten Entwicklungen rund um das Coronavirus in Baden-Württemberg hier im Live-Blog.  mehr...

Baden-Württemberg

Neue Strategie für Gesundheitsämter - aber Quarantäne bleibt Corona-Kontaktnachverfolgung: Infizierte müssen Kontakte selbst informieren

Baden-Württemberg hat einen Strategiewechsel bei der Kontaktnachverfolgung beschlossen. Infizierte und ihre Kontaktpersonen bekommen jetzt nicht mehr routinemäßig einen Anruf vom Gesundheitsamt.  mehr...

STAND
AUTOR/IN