Geld, Krankenkassenkarten und ein Stethoskop  (Foto: dpa Bildfunk, dpa / Daniel Karmann)

Welle der ungeimpften Covid-19-Patienten schwappt in Krankenhäuser

Corona: Müssen Ungeimpfte höhere Krankenkassenbeiträge zahlen?

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Immer mehr Ungeimpfte landen auf Intensivstationen. Auch das ist ein Grund dafür, dass jetzt eine Versicherung höhere Krankenkassenbeiträge für Ungeimpfte verlangen will.

34.200 Euro kostet durchschnittlich ein beatmeter Covid-19-Patient. Das hat die AOK bei einer Erhebung für das ARD-Politmagazin "Report" festgestellt. Kosten, die durch eine Impfung in weiten Teilen vermeidbar gewesen wären. Die R+V-Versicherung trägt sich daher laut einen Interview mit den Vorstandsvorsitzenden Norbert Rollinger beim Portal "t-online.de" mit dem Gedanken, "möglicherweise Tarife nach Impfstatus zu unterscheiden."

Er argumentierte dabei, schon jetzt dürften private Krankenkassen beim Tarif zwischen Rauchern und Nichtrauchern unterscheiden. "Das sind schließlich Kosten der Gemeinschaft", sagte er. "Wenn jemand wegen Corona auf der Intensivstation landet, ist das deutlich teurer als eine Impfung."

Eine Intensivkrankenschwester steht auf einer Intensivstation im Zimmer eines Covid-19-Patienten. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)
Eine Intensivkrankenschwester steht auf einer Intensivstation im Zimmer eines Covid-19-Patienten. picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Kliniken in vierter Welle

Auch der Medizinische Leiter des Klinikums Stuttgart, Jan Steffen Jürgensen, sieht eine zunehmende Beanspruchung der Intensivkapazitäten durch Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben. 32 Personen befinden sich aktuell im Klinikum Stuttgart in stationärer Behandlung, 14 davon auf der Intensivstation. "Alle sind ungeimpft. Die Aufgabe ist im Moment, den Routine-Betrieb für alle anderen ohne Einschränkungen aufrecht zu erhalten und gleichzeitig den Covid-Kranken gerecht zu werden", betonte er und konstatiert, dass die Kliniken sich bereits in der vierten Welle befinden.

Kritische Krankheitsverläufe vermeidbar

"Aktuelle Prognosen sagen erfreulicherweise zunächst eine Stagnation der Patientenzahlen voraus. Der Einfluss saisonaler Effekte bleibt schwer vorhersehbar", so Jürgensen gegenüber dem SWR. Bei einem weiteren Anstieg drohten Szenarien der ersten Welle, in denen planbare Eingriffe verschoben werden mussten, um Ressourcen für Covid-Patienten zu mobilisieren. Das sei problematisch und vor dem Hintergrund des verfügbaren sicheren Impfschutzes, der zuverlässig vor kritischen Krankheitsverläufen schützt, auch enttäuschend, weil vermeidbar, so Jürgensen. Er verwies dabei auf die hohe Zahl der Ungeimpften. Sie jedoch mit eigenständigen Krankenkassen-Tarifen zu belegen hält der Stuttgarter Klinikchef für "verkehrt und unsolidarisch. Von anderen Patienten, wie Alkoholkranken, Unfallopfern durch zu schnelles Fahren oder Übergewichtigen werden auch keine anderen Beiträge oder Sonderzahlungen verlangt. So funktioniert eine Solidargemeinschaft nicht, auch wenn es ärgerlich, unvernünftig und ein vermeidbarer Risikofaktor ist."

"Keine zusätzliche Bestrafung"

Oftmals seien es Menschen aus bildungsfernen Schichten, die nicht geimpft seien. Ihnen fehle oft die Beratung oder auch ein Hausarzt. "Es handelt sich bei den Ungeimpften oft um Benachteiligte, die man durch spezielle Krankenkassentarife nicht noch zusätzlich bestrafen sollte", so der Stuttgarter Klinik-Chef. Er bezeichnete den Vorschlag nach speziellen Tarifen als abwegig und als Zeichen der Entsolidarisierung der Gesellschaft. Stattdessen plädierte er für Bildung, Information und weitere positive Anreize zur Stärkung der Prävention.  

AOK ist gegen Sondertarife

Das sieht der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württtemberg, Johannes Bauernfeind, ähnlich. Die Impfung sei der einzige, erfolgversprechende Weg aus der Corona-Pandemie. Wer sich impfen lasse, schütze sich und andere, und übernehme damit gesellschaftliche Verantwortung, so der AOK-Chef in Stuttgart.

"Sondertarife, die sich an spezifischen Krankheiten oder Risikofaktoren orientieren, erscheinen mir nicht sinnvoll. In der Gesetzlichen Krankenversicherung ist das Solidarprinzip ein hohes Gut. Im Krankheitsfall übernimmt die Solidargemeinschaft der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler die Kosten unabhängig vom individuellen Risiko oder Lebensstil."

Das gelte sowohl für die Behandlung einer Covid-Erkrankung als auch für die Behandlung anderer Krankheiten, bei denen sich durch gesunde Lebensführung oder auch durch eine Impfung das Risiko oder die Schwere der Erkrankung beeinflussen lässt, so Bauernfeind. Aus diesem Grund diskutiere die AOK auch nicht über Sondertarife für Raucher oder für Freizeitsportler mit erhöhten Unfallrisiken.

Kein Thema im Verband und bei der Landesregierung

Eine Sprecherin des Verbands der Privaten Krankenversicherung teilt dem SWR auf Anfrage mit, es gebe innnerhalb ihres Verbandes keine Überlegungen in die Richtung Tarife für Ungeimpfte einzuführen. Aber "jedes einzelne Versicherungsunternehmen kann seine eigenständige Entscheidung treffen", so die Sprecherin mit Blick auf den Vorstoß des R+V-Versicherungschefs. Auch Baden-Württembergs Sozialminister Lucha lehnt entsprechende Vorstöße ab. Auf die Frage des SWR, ob es Krankenkassen-Tarife für Ungeimpfte brauche, antwortete er am Dienstag schlicht mit "Nein".

Impfgegner beteiligen sich im Mai an einer Protestaktion gegen Corona-Schutzmaߟnahmen. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
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Impfquote erhöhen anstelle von Beiträgen

Es sei sinnvoll und richtig die Impfquote zu erhöhen, da ist sich auch Peter Griebele, Chef der Abteilung Versicherung, Pflege und Gesundheit bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg in Stuttgart sicher. "Den Versicherungsumfang bei Ungeimpften zu reduzieren oder den Beitrag zu erhöhen ist nicht der Weg, den die Verbraucherzentrale als richtig ansieht", erklärte er.

"Bei diesem Thema sind die politischen Entscheidungsträger gefragt. Die Diskussion darf man nicht auf die Krankenkassen abwälzen."

Privaten Krankenkassen stehe es frei, wie man seine Tarife gestalte. Bei der gesetzlichen Krankenversicherung gebe es keinen Anlass für eine Änderung. Anders würde es sich nur verhalten, wenn es eine gesetzliche Impfpflicht gäbe. Doch sich darüber Gedanken zu machen, ob das sinnvoll sei, läge im Ermessen der Politik, so Griebele weiter.

Ein Intensivpfleger kümmert sich auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel Berlin um eine an Covid-19 erkrankte Patientin. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Mit der neuen Corona-Verordnung in Baden-Württemberg rückt die landesweite Lage auf den Kliniken in den Mittelpunkt. Steigt die Belastung, treten erst die Warn- dann die Alarmstufe in Kraft, was vor allem für Ungeimpfte Einschränkungen bedeutet. Picture Alliance

KV will keine Änderungen im System

Auch die Kassenärtzliche Vereinigung (KV) in Baden-Württemberg will nicht von den geltenden Tarifen abweichen. "Wir halten nichts davon, weil sonst das Gesundheitswesen extrem durcheinander gerüttelt würde", erklärte ein Sprecher in Stuttgart dem SWR. "Wir lehnen eine generelle Impfpflicht ab. Aber Geimpfte sollen mehr Freiheiten genießen als Ungeimpfte", hieß es weiter. Die Diskussion um verschiedene Tarife für Menschen, die unterschiedlich in ihrem Lebensstil seien, gebe es seit vielen Jahren, bei einer Änderung der bisherigen Regeln in der gesetzlichen Krankenversicherung "würden die Nachteile die Vorteile bei weitem überwiegen", so der Sprecher weiter.

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