Keine Schweine-Massenzucht in Bad Dürrheim (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Jens Büttner)

Brandbrief an Politik und Handel

BW: Mehr als jeder zweite Schweinehalter im Land will aufgeben

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Über die Hälfte der Schweinehalter in Baden-Württemberg will ganz oder teilweise aussteigen. Wegen schlechter Preise. Der Bauernverband schreibt einen Brandbrief an die Politik.

Nur noch 1.900 Bauern in Baden-Württemberg halten überhaupt Schweine. 2017 gab es noch 2.300. Die Zahl ist allein im letzten Jahr um 100 gesunken. Auch die Zahl der Schweine ist in diesem Zeitraum drastisch zurückgegangen: um mehr als elf Prozent. Auf die Probleme macht jetzt eine aktuelle Umfrage des Landesbauernverbands (LBV) mit fast 300 teilehmenden Schweinehaltern aufmerksam.

Ferkelmast lohnt nicht mehr

Baden-Württemberg hat traditionell viele Betriebe, die Ferkel produzieren und an Mastbetriebe im Norden Deutschlands weiterverkaufen. Sie erhalten nach Angaben des Verbands nur noch 26 Euro für ein Ferkel. Die Schlachtschweinepreise sind seit Monaten sehr niedrig und zuletzt auf 1,20 Euro gesunken. Das liegt auch für erfolgreiche und große Betriebe weit über dem, was sie aufwenden müssen. Nach Angaben des Bauernverbands wären das 70 Euro je Ferkel bzw. mindestens 1,80 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Gleichzeitig sind die Futter- und sonstigen Kosten erheblich gestiegen. Seit fast zwei Jahren seien die Schweinepreise nicht annähernd ausreichend, um die Kosten zu decken. Besonders kleinere Familienbetriebe treffe die Krise hart, Rücklagen seien aufgebraucht, heißt es in dem Schreiben des LBV unter anderem an mehrere Landtagsabgeordnete.

 "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, einige von uns haben die Ställe bereits zugesperrt, andere stehen kurz davor."

Mehrere Gründe für Preisrückgang

Das Einkommen je Familienarbeitskraft sei innerhalb eines Jahres von knapp 62.000 Euro auf unter 26.000 Euro gesunken, so der Bauernverband. Als Grund für die Preismisere sieht der Verband vor allem die schlechte Nachfrage: wegen Corona sind Restaurants geschlossen und Grillfeste ausgefallen. Marktanalysten sagen, wichtig sei aber auch die afrikanische Schweinepest. Weil es auch in Deutschland Fälle gab, hat China Importe gesperrt. Die Chinesen nehmen traditionell Teile wie Ohren, Rüssel und Schwänze. Die bringen jetzt kein Geld mehr und das senkt die Erlöse pro Tier. Außerdem fehlen – wegen Krankmeldungen und Quarantäne – in den Schlachtbetrieben viele Mitarbeiter. Das führt zu einem Abnahmestau.  

So berichtete SWR aktuell am 13. Dezember 2021:

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Auch strategische Nachteile für Schweinehalter im Land

Neben den aktuellen Problemen gibt es aber auch eine latente Überproduktion an Schweinefleisch in der EU und besonders in Deutschland. Außerdem haben die Bauern im Süden Deutschlands auch strategische Nachteile. Die Schweinefleischerzeugung hat sich seit vielen Jahren im Nordwesten konzentriert. Zunächst, weil dort wegen der Nähe zu den Seehäfen Importfuttermittel besonders günstig waren. Mit der Zeit hat das aber auch zu einer Konzentration der Infrastruktur geführt. Von großen Schlachtunternehmen bis zu Hochschulen mit spezialisierten Studiengängen findet sich nun alles verstärkt in der Region. Baden-Württemberg hat sich im Wettbewerb mit dem Nordwesten noch relativ gut gehalten. Knapp die Hälfte des Schweinfleischs kommt hier noch aus dem eigenen Land.

So berichtete SWR Aktuell am 26. Februar 2021:

Bauern fordern Hilfe von der Politik

Die Bauern sind wütend auf den Handel, der immer nur mehr Druck auf die Erzeuger mache und viel zu wenig für Regionalprogramme tue. Sie sind laut LBV "ernüchtert von den leeren Versprechungen und Marketingaktionen des Lebensmitteleinzelhandels". Hilfe fordern sie aber jetzt vor allem von der Politik. Die müsse Hürden beim Stallbau abbauen und sich für einheitliche Tierwohlstandards in der EU einsetzen. Außerdem müssten die Empfehlungen der so genannten Borchert-Kommission umgesetzt werden, schreibt der Vizepräsident des Landesbauernverbands in Baden-Württemberg, Hans-Benno Wichert. Die hatte schon vor zwei Jahren eine Tierwohlabgabe auf Fleisch vorgeschlagen, mit der der tiergerechte Umbau von Ställen finanziert werden sollte.  

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