Eine Pflegefachfrau bereitet Booster-Impfungen mit dem Corona-Impfstoff von Moderna vor.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/KEYSTONE | Michael Buholzer)

Schutz gegen das Coronavirus

Ulmer STIKO-Chef Mertens will Booster-Impfungen ab 18 empfehlen

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Deutschland diskutiert über die Konsequenzen der vierten Corona-Welle. Ein Schwerpunkt ist die Auffrischung des Impfschutzes. Der Ulmer STIKO-Chef Mertens preschte im TV voran.

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO), der Ulmer Virologe Thomas Mertens, hat am Dienstagabend angekündigt, die Booster-Impfung gegen das Coronavirus für alle Menschen ab 18 Jahren zu empfehlen. In der ZDF-Talkshow von Moderator Markus Lanz teilte Mertens mit, dass die STIKO am Mittwoch erneut über ihre Empfehlung für Booster-Impfungen beraten werde. "Und das wird nicht lange dauern, und dann wird die jetzt von Ihnen reklamierte Empfehlung auch kommen", sagte Mertens.

Auf Nachfrage des Moderators, ab welchem Alter die STIKO die Auffrischungsimpfungen empfehlen will, nannte Mertens das Alter von 18 Jahren.

Gesundheitsminister Spahn empfiehlt frühere Booster-Impfung

Unterdessen hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Ärzten in Deutschland empfohlen, allen Erwachsenen schon vor Ablauf der Sechs-Monatsfrist eine Covid-Auffrischungsimpfung zu geben. "Der gemäß Zulassung vorgesehene Abstand von sechs Monaten zur vollständigen Immunisierung bei Personen ab 18 Jahren ist als zeitliche Richtschnur zu verstehen, der natürlich nicht tagesgenau einzuhalten ist", heißt es in einem Schreiben des geschäftsführenden Ministers und des Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, an alle Vertragsärzte in Deutschland, das dem Berliner "Tagesspiegel" vorliegt.

Die Ärzte könnten daher "jede Patientin und jeden Patienten ab 18 Jahren, auch wenn sie nicht zu den Risikogruppen gemäß der aktuellen STIKO-Empfehlung wie ältere Personen, Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie medizinisches und pflegerisches Personal gehören, zeitnah und auch vor Ablauf der sechs Monate im eigenen Ermessen impfen", schrieben Spahn und Gassen demnach.

Wegen vieler Impfdurchbrüche war zuletzt der Druck gewachsen, trotz der STIKO schon deutlich vor Ablauf von sechs Monaten nach der zweiten Impfung grünes Licht für sogenannte Booster-Impfungen zu geben.

Stiftung Patientenschutz für Impfpriorisierung bestimmter Gruppen

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, fordert bei der Impfauffrischung dagegen eine Vorrangprüfung für bestimmte Bevölkerungsgruppen ähnlich wie zu Beginn der Corona-Impfkampagne. "Eine Priorisierung nach Alter, Krankheit sowie Berufsgruppe muss erneut in Betracht gezogen werden", sagte Brysch.

Hausärzteverband: Boostern bei jungen gesunden Menschen nicht sofort nötig

Bei Ärztevertretern und Patientenschützern stoßen die Forderungen von Spahn teilweise auf Kritik. "Vor allem bei weniger gefährdeten jüngeren gesunden Menschen ist es nach den bisherigen medizinischen Erkenntnissen nicht erforderlich, auf den Tag genau nach sechs Monaten eine Booster-Impfung durchzuführen", sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Der Schutz insbesondere vor schweren Verläufen bestehe auch darüber hinaus, betonte Weigeldt. Bei dem Wunsch nach einer Booster-Impfung deutlich vor der Sechsmonatsfrist sei "zu berücksichtigen, dass dies möglicherweise zu Lasten von vulnerablen Patienten erfolgen würde".

Coronavirus-Booster-Impfungen: Hausärzte am Limit

Hausärztinnen und -ärzte berichten indes von einem regelrechten Ansturm auf die Praxen. Weil Impfzentren geschlossen wurden, sind die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte erste Anlaufstation und werden zum Teil überrannt. "Was die Booster-Impfung angeht ist die Nachfrage enorm. Deshalb machen wir teilweise schon Impfaktionen am Wochenende", so beispielsweise der Karlsruher Hausarzt Jan Zimmermann. Vor Ort wird immer häufiger von einer Überlastung der Hausarzt-Praxen gesprochen.

Kein Comeback der Impfzentren

Am Dienstag hatte Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) dem Comeback von Impfzentren, auch unter Verweis auf die hohen Kosten, eine Absage erteilt und auf die Kritik, unter anderem der SPD, reagiert. Die Impfzentren seien für 2.000 Leute am Tag ausgerichtet, "da hätten sich die Leut' verlaufen", sagte Lucha. Hingegen meinte SPD-Fraktionschef Andreas Stoch: "Die Nachfrage ist riesig, und diese Stützpunkte wären jetzt so notwendig wie nie, für das Boostern wie für die Erstimpfungen."

In der vergangenen Woche hatte die Landesregierung eine "Impfoffensive" angekündigt. So sollen künftig rund 155 mobile Impfteams im Einsatz sein, um die Haus- und Fachärztinnen und -ärzte zu unterstützen. Mit diesen mobilen Impfteams werden laut Landesregierung in jedem Stadt- und Landkreis feste regionale Impfstützpunkte eingerichtet - auch, um die Booster-Impfungen voranzutreiben.

Ende Oktober hatte Lucha an die Bevölkerung appelliert, sogenannte Booster-Impfungen wahrzunehmen. Wichtig sei dies vor allem für die Menschen, deren Zweitimpfung länger als sechs Monate zurückliegt. Beim Impfstoff von Johnson & Johnson ist eine Booster-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff bereits nach vier Wochen möglich. Gerade bei der Delta-Variante lasse der Impfschutz mit der Zeit nach, hatte Lucha betont.

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Andrang auch bei mobilen Impfangeboten

Wie groß der Wunsch nach Auffrischungsimpfungen bei den Menschen in Baden-Württemberg ist, zeigt das Beispiel aus der Region Heilbronn. Vor dem Impfbus im Zentrum Heilbronns bilden sich seit Tagen lange Schlangen, am Donnerstag eröffnet der neue "Impfpunkt" in der Kaiserstraße - eine Art Mini-Impfzentrum, das sich vor allem an Menschen wendet, die sich "boostern" lassen wollen. Denn mittlerweile machen Booster-Impfungen rund ein Drittel aller Impfungen aus, wie Zahlen des Heilbronner Impfbusses zeigen.

Wenn der geplante Impfpunkt zusätzlich zum Impfbus eröffne, erreiche man laut einer Sprecherin der Stadt Heilbronn fast wieder die Kapazität des geschlossenen Kreisimpfzentrums - gut 1.000 Impfungen am Tag.

Die Praxis zeigt: Der Wiederaufbau dieser Impfzentren, die zu Beginn Anlaufstelle für tausende Impfwillige waren, gestaltet sich schwierig. "Die technische Ausstattung ist nicht mehr da. Auch kein Personal, die Verträge sind alle zu Ende, die ganze Organisation existiert nicht mehr", so Markus Moll, Sprecher des Main-Tauber-Kreises. Um ein Imfpzentrum wieder aufzubauen, müsste man komplett von vorne anfangen. Stattdessen setzt auch der Main-Tauber-Kreis auf Impfpunkte. Sie sollen demnächst in Wertheim, Tauberbischofsheim und Bad Mergentheim entstehen. Ziel sei ein Impfangebot an sieben Tagen in der Woche.

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