Ärztin impft Patientin, Betriebsärzte großer Unternehmen stehen für Corona-Impfungen bereit, auch in Karlsruhe (Foto: IMAGO, Lagencia)

"Aktuelle Lage ist sehr ernst"

Corona-Impfungen in BW: So läuft das Boostern in den Unternehmen

STAND
AUTOR/IN

In Baden-Württemberg steigt die Nachfrage nach Corona-Impfungen. Hausärzte sind überlastet, bei Impfaktionen bilden sich Schlangen. Nun fahren Unternehmen ihre Impfkapazitäten hoch.

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Baden-Württemberg steigt massiv. Die Landesregierung verschärft vor allem für Ungeimpfte die Corona-Regeln. Viele, die bislang auf eine Impfung verzichtet haben, entscheiden sich nun für die Immunisierung. Dazu wollen viele Bürgerinnen und Bürger ihren Schutz auffrischen lassen. Bei Impfaktionen oder in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte heißt es deshalb: Schlange stehen. Verstärkung kommt von den Betriebsärztinnen und -ärzten im Land.

Unternehmer fordern ausreichend Impfstoff für Betriebe

In der nun grassierenden vierten Welle bauen Betriebe ihre Impfkapazitäten wieder aus. Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), Peer-Michael Dick, sagte in Stuttgart, wichtig sei jetzt, dass die Booster-Impfungen überall - und damit auch in den Betrieben - ins Laufen kämen und ohne großen Verfahrens- und Dokumentationsaufwand durchgeführt werden könnten. "Und die Politik muss dafür sorgen, dass ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht."

Betriebliche Nachfrage hauptsächlich beim Boostern

Man habe im Frühjahr die Betriebe, die sich an der ersten Impfkampagne beteiligt haben, umfassend informiert und beraten; sie kennen also das Verfahren. Daher werde aktuell auch kein erhöhter Nachfragebedarf gespürt, so Dick. "Hinzu kommt, dass sich für die Beschäftigten, die sich damals im Betrieb haben impfen lassen, das empfohlene Zeitfenster für die Booster-Impfung erst in den nächsten Wochen öffnet." Deshalb würden auch viele Unternehmen erst jetzt wieder Schritt für Schritt mit betrieblichen Impfungen beginnen. Der SWR hat sich bei Verbänden und einigen Unternehmen umgehört.

Appell von Gewerkschaften und Arbeitgebern

Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften in Deutschland hatten in einem Appell zum Impfen in den Unternehmen aufgerufen. "Die aktuelle Lage ist sehr ernst", heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung. Teil der Impfkampagne seien auch weiterhin die Betriebsärztinnen und -ärzte. "Sie haben dabei geholfen, die Impfkampagne in die Breite zu tragen und noch mehr Menschen zu erreichen."

Hohe Nachfrage nach Corona-Impfungen in BW

"Wir erwarten einen größeren Ansturm", sagte der Landesvorsitzende des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW), Stephan Schlosser, dem SWR. Das Hochfahren des Impfbetriebs bei den Betriebsärztinnen und -ärzten laufe gut, so Schlosser.

Impffortschritt Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Deutschland:

Kantinen als Impfzentren

Der Walldorfer Softwarekonzern SAP steckt in den Vorbereitungen: "Zurzeit fahren wir unsere Kapazitäten hoch, sodass wir alleine bis Mitte Dezember mehr als 3.300 Termine anbieten können. Wir halten die Kapazitäten vor, um allen Mitarbeitenden in den nächsten Monaten ein Angebot für Erst-, Zweit-, und Boosterimpfungen machen zu können", so ein Sprecher.

Geimpft werde in den betriebseigenen Impfzentren, zum Beispiel in den Kantinen des Konzerns, teilte ein Sprecher auf SWR-Anfrage mit.

Corona-Impftage bei ebm-papst

Beim Mulfinger Ventilatorenhersteller ebm-papst können sich Mitarbeitende an bestimmten Schwerpunkttagen immunisieren lassen. So gab es laut Unternehmen am Freitag vergangene Woche einen Impftag am Standort in St. Georgen (Schwarzwald-Baar-Kreis), am Freitag davor wurde am Standort in Mulfingen (Hohenlohekreis) geimpft. Dort hätten 126 Mitarbeitende Impfungen erhalten, davon seien 76 erstgeimpft worden, so ein Sprecher.

Beim Rest habe es sich um Boosterimpfungen gehandelt. Der nächste Impftag soll am 3. Dezember in Mulfingen stattfinden. "Wir versuchen aber auch darüber hinaus Impfangebote zu schaffen", sagte ein Sprecher im Gespräch mit dem SWR. "Wir erwarten eine große Nachfrage." Bei der ersten Kampagne im Frühjahr habe das Unternehmen mehr als 1.600 Corona-Impfungen verabreicht.

Erst-, Zweit- und Drittimpfung bei Zulieferern

ZF in Friedrichhafen richtet das hauseigene Impfzentrum im Werk 2 wieder ein, wie ein Sprecher des Automobilzulieferers mitteilte. Beschäftigte können dort demnach die Erst-, Zweit- und Drittimpfung erhalten - vorab müssen sie sich über eine eigene Online-Plattform registrieren und einen Termin buchen.

Der Automobilzulieferer Bosch bietet seit Mitte Oktober Auffrischungsimpfungen an, wie der Konzern mitteilte. Gemäß der Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) können sich seit vergangener Woche auch alle Mitarbeitende ab 18 Jahren boostern lassen. Die Erst- und Zweitimpfungen laufen laut Unternehmen seit Anfang Juni. Seitdem hätten das medizinische Team 62.000 Impfungen vorgenommen, so eine Sprecherin.

Stuttgarter Autohersteller starten mit Boostern

"Wir haben seit Juni 2021 regelmäßig Impftermine angeboten. Mit den Booster-Impfungen starten wir nächste Woche und bieten auch weiterhin Erstimpfungen an", heißt es vom Stuttgarter Sportwagenhersteller Porsche auf SWR-Anfrage. Dafür nutze man die Räume der Betriebsmedizin, die als Impfzentren fungierten. Am Standort in Stuttgart kann das Unternehmen laut eigenen Angaben 1.500 Impfungen gegen das Coronavirus pro Woche vornehmen.

Daimler teilte auf SWR-Anfrage mit, man wolle seinen Beschäftigen noch in diesem Jahr wieder Angebote zur Erstimpfung machen. "Zudem planen wir, Booster-Impfungen für alle Beschäftigen anzubieten und bereiten aktuell die Durchführung ab Januar 2022 vor", so eine Sprecherin. Von Juni bis September hatte der Konzern eine breit angelegte Impfaktion an den Standorten durchgeführt, bei der mehr als 58.000 Impfungen verabreicht worden waren, wie Daimler mitteilte.

Werksärzte spät in Impfkampagne aufgenommen worden

Im Juni sind die Betriebsärztinnen und -ärzte in die Impfkampagne der Landesregierung eingebunden worden - und damit deutlich später als Hausärzteschaft und Impfzentren, die im Sommer noch geöffnet hatten. Weil die Betriebe nur schleppend mit Impfstoff versorgt worden waren, blieben deren Impfzentren lange leer. Beschäftigte holten sich die Impfung im Zentrum oder bei der Hausärztin oder dem Hausarzt.

Biontech-Begrenzung trifft auch Unternehmen

Grundsätzlich sei die Versorgungslage die gleiche wie bei Hausärztinnen und Hausärzten, sagte VDBW-Landesvorsitzender Schlosser. Das heißt auch: Die Bestellmenge des gefragten Impfstoffs von BioNTech ist begrenzt. Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will verstärkt das Vakzin von Moderna ausliefern, um dessen größere Vorräte abzubauen. Das hatten Arztpraxen massiv kritisiert.

Nun ist laut VDBW die Liefermenge des BioNTech-Impfstoffs halbiert worden. Schlosser vom VDBW betonte gegenüber dem SWR die Wirksamkeit des Moderna-Vakzins: "Beide Stoffe sind absolut vergleichbar", sagte er. Unternehmen müssten ihre Impfplanung nun entsprechend anpassen.

Grundsätzlich bestellen Werksärztinnen und -ärzte Impfstoffe bei den Apotheken mit einer Woche Vorlauf.

SAP teilte zur Versorgung mit, man könne ausreichende Mengen Impfstoff bestellen. Ein Sprecher des Mulfinger Ventilatorenherstellers ebm-papst sagte dem SWR dazu, man wolle allen Mitarbeitenden ein Impfangebot machen. Von ZF in Friedrichshafen heißt es, man nutze alle auf dem Markt verfügbaren Kapazitäten. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, noch vor Weihnachten Hunderte Impfungen zu realisieren", so ein ZF-Sprecher.

STAND
AUTOR/IN