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Acht Minuten und 46 Sekunden dauerte der Todeskampf des Afroamerikaners George Floyd. So lange haben am Samstag Demonstranten bei "Silent Demos" in vielen deutschen Städten geschwiegen - unter anderem auch in Stuttgart, Freiburg, Mannheim und Tübingen.

Die Protestwelle nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd hat Baden-Württemberg erreicht. In mehreren Städten im Land gab es Demonstrationen zum Thema Rassismus und "Black Lives Matter" (zu dt. "Schwarze Leben zählen"). Der Afroamerikaner Floyd starb am 25. Mai in den USA, nachdem ihm ein Polizist minutenlang sein Knie auf den Hals gedrückt hatte.

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Zu den Protesten im Land kamen mehr Menschen als erwartet: In Stuttgart waren 700 Teilnehmer angemeldet gewesen. Doch es strömten Tausende in den Schlosspark vor der Oper. In Mannheim kamen laut Polizei 6.000 Menschen zu einer "Silent Demo" zusammen, in Karlsruhe rund 3.000. Darüber hinaus gab es weitere Demos mit teils mehr als 1.000 Teilnehmern gegen Rassismus unter anderen Mottos, zum Beispiel in Karlsruhe, Tübingen und Konstanz.

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Ein Polizeisprecher sagte angesichts des großen Andrangs in Stuttgart, es sei offensichtlich sehr vielen ein Anliegen gewesen. Eine Auflösung der Demo wäre unverhältnismäßig gewesen. Und eine Auflage aufgrund der Corona-Pandemie, dass nicht mehr als 700 Teilnehmer kommen dürften, habe es auch nicht gegeben.

Stuttgart: Für acht Minuten und 46 Sekunden schweigen

Die "Silent Demos" hatten ihren Anfang mit der Idee von Nadia Asiamah genommen. Die 22-jährige Stuttgarterin hatte die Demo in Stuttgart angemeldet. "Für mich war es nicht genug, wenn man auf Social Media postet. Man muss mehr dafür tun", sagte Asiamah im Vorfeld der Demonstration. Das Video, das den Tod Floyds zeigt, habe sie sehr mitgenommen.

Die Stuttgarterin ist 22 Jahre alt und hat zum ersten Mal eine Demonstration angemeldet. Teil des Protests war ein acht Minuten und 46 Sekunden langes Schweigen - so lange dauerte der Todeskampf Floyds. Auch im weiteren Verlauf der Demonstration wurden Botschaften in erster Linie über Transparente und Körpersprache vermittelt. Auch gab es zahlreiche Reden von verschiedenen Akteuren.

"Ich stehe heute hier, weil der Traum von Martin Luther King nicht in Erfüllung gegangen ist."

Lionel Njoya, Demo-Mitorganisator in Stuttgart

Der von einem Polizisten getötete Floyd, die rechtsextremen Taten in Halle und Hanau - "all diese Vorfälle sind Teil einer langen Serie von Diskriminierung, rechtem Terror und Rassismus", sagte Njoya. "Ist es noch ein Einzelfall, wenn es ständig irgendwo passiert?" Rassismus begegne ihm im Fitnessstudio, im Zug, in den Medien oder im Urlaub. "Wann seht ihr mich endlich als Subjekt und nicht Vertreter einer Gruppe an?"

Es sei immer einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen. "In meinen Augen sind Menschen, die ungerechte Zustände und ungerechte Taten sehen und wegsehen, schlimmer als die Täter, die sie begehen. Denn diese Menschen wissen, dass es Ungerechtigkeit ist und entscheiden sich trotzdem aktiv dafür wegzusehen." Njoya setzte sich für friedliche Proteste ein: "Wir müssen nichts anzünden und zerstören, um Veränderung zu bringen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Generation sind, die Veränderung bringen kann!"

Demonstranten bei Black Lives Matter Demo (Foto: SWR, Stephanie Ley)
"Bin ich die Nächste?" steht auf dem Plakat einer jungen Demonstrantin in Mannheim. Stephanie Ley

Trotz des Aufrufs zu friedlichem Protest kam es vereinzelt zu Gewalt

Nach der eigentlichen Kundgebung im Unteren Schlossgarten kam es zu einzelnen Zwischenfällen. Laut Polizei hatten sich mehrere Aufzüge formiert: Personengruppen hätten sich dabei mehrfach in der Innenstadt und um den Stadtkern herum bewegt. "Die Stimmung in den Aufzügen war teils sehr aggressiv", hieß es. Der Landesverband der Deutschen Polizeigewerkschaft verurteilte am Sonntag die Angriffe auf die Beamten in Stuttgart.

Mannheim: Wut, Trauer und Hilflosigkeit machten Veranstalter sprachlos

In Mannheim blieb hingegegen alles ruhig, wie die Polizei mitteilte. Dort hatte es im Ehrenhof des Mannheimer Schlosses eine Protestaktion gegeben. Zu Beginn der Kundgebung setzten sich die Demonstranten auf den Boden und blieben auch hier für acht Minuten und 46 Sekunden still. Nach dem stillen Protest berichteten mehrere Redner darüber, wie sie auch in Deutschland immer wieder rassistisch beleidigt und attackiert wurden. Organisiert hatten die Demonstration zwei Schülerinnen. Sie hatten rund 650 Teilnehmer erwartet, laut Polizei kamen rund 4.000 Menschen. Die Corona-bedingten Abstände zueinander hielten die Demonstranten laut einem Polizeisprecher ein.

Karlsruhe: Auch zwei Kundgebungen

Bei der Stadt Karlsruhe wurden ebenfalls zwei Demonstrationen angemeldet. So gab es auf dem Schlossplatz einen stillen, friedlichen Protest gegen Rassismus auf der ganzen Welt. Die Demonstranten sollten ein schwarzes Oberteil und Mund-Nasen-Schutz tragen. Unter dem Motto "#WirSindKarlsruhe - Nein zu Rassismus" hatten verschiedene Organisationen zu einer weiteren Versammlung auf dem Friedrichsplatz aufgerufen. Insgesamt kamen zu den beiden Kundgebungen laut Polizei rund 4.000 Teilnehmer.

"Black Lives Matter"-Bewegung in Karlsruhe Über 4.000 Menschen demonstrieren gegen Rassismus

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Tübingen: Rassismus "muss aufhören"

In Tübingen hat eine Demonstration unter dem Motto "Justice for Floyd" stattgefunden. Dazu versammelten sich rund 1.000 Teilnehmer auf dem Holzmarkt. In ihrem Aufruf verwiesen die Organisatoren darauf, dass es auch in Deutschland Schikane von schwarzen Menschen und rassistisch motivierte Polizeigewalt gebe. "Das muss aufhören", forderten sie.

Black Lives Matter Demonstration in Tübingen (Foto: SWR)
Auch auf dem Tübinger Holzmarkt versammelten sich zahlreiche Menschen, um friedlich gegen Rassismus zu demonstrieren.

10.000 Menschen demonstrieren in Freiburg

In Freiburg haben am Samstagnachmittag rund 10.000 Menschen gegen Rassismus demonstriert. Bei einer Mahnwache auf dem Platz der Alten Synagoge gedachten sie George Floyd und anderer Opfer von Polizeigewalt. Viele der Demonstranten in Freiburg waren schwarz gekleidet. Auf Schildern waren Botschaften wie "Black Lives Matter" zu lesen. Zu der Mahnwache in Freiburg hatten das Antidiskriminierungsreferat der Universität und verschiedene Gruppierungen aufgerufen. Nach Polizeiangaben verlief die Veranstaltung friedlich.

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