Frau mit Mütze und Mundschutz und Aufschrift 1. Mai (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Soeder)

Tag der Arbeit in Krisenzeiten

Was die Corona-Pandemie für Gewerkschaften und Betriebsräte bedeutet

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In der Krise sind keine großen Kundgebungen möglich. Dafür gibt es Kurzarbeit und Homeoffice. Gewerkschaften und Betriebsräte stehen in der Pandemie vor großen Herausforderungen - auch in Heilbronn.

Der 1. Mai, der Tag der Arbeit, ist für Gewerkschaften der wichtigste Tag des Jahres. Auf den Kundgebungen mobilisieren sie ihre Mitglieder. Deren Zahl geht seit Jahren zurück. Gleichzeitig sind die Gewerkschaften in Zeiten der Krise besonders gefragt. In vielen Betrieben im Land haben Betriebsräte und Gewerkschaften das Thema Gesundheitsschutz vorangetrieben.

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Das Unternehmen Knorr in Heilbronn zum Beispiel zahlt Mitarbeitenden, die sonst mit Bus und Bahn kommen, die Taxikosten. So sind sie besser geschützt. "Die Chance sich anzustecken ist definitiv geringer, ich finde das eigentlich nicht schlecht", sagt ein Mitarbeiter. Denn man wisse nie, wer Corona hat und wer gesund ist. "So ist es besser, wenn ich alleine mit dem Taxi nach Hause fahre."

Es ist nicht die einzige Sicherheitsmaßnahme: Am Werkstor wird gemessen, ob die Beschäftigten Fieber haben. Nur wer gesund ist, kommt überhaupt aufs Gelände. Ohne Gewerkschaft und Betriebsrat wäre das alles wohl nicht möglich gewesen. Knorr hat sogar eine Testpflicht für Mitarbeitende. Sie bekommen dafür die angenehmeren, aber deutlich teureren Gurgeltests - dank des Betriebsrats. "Nach einigen Diskussionen haben wir das so genehmigt bekommen und von daher gesehen war auch für uns dann die Bereitschaft da, auch die Verpflichtung, mitzugehen", so Thilo Fischer, Betriebsratsvorsitzender von Knorr Unilever.

Profitieren Gewerkschaften von ihrem Einsatz?

Die Knorr-Spitze steht wegen der Sicherheit voll hinter den Maßnahmen. Doch profitieren die Gewerkschaften auch von ihrem Einsatz für die Mitglieder in Sachen Gesundheitsschutz? Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Baden-Württemberg hatte 2020 noch 803.000 Mitglieder. Das sind 12.000 weniger als im Vorjahr.

Die Gewerkschaften sagen, das liege aber vor allem daran, dass sie die jährliche Zahl der Austritte durch Rente, Tod oder Arbeitslosigkeit derzeit nicht ausgleichen können. Durch die Pandemie sei es schwieriger, an potentielle Neumitglieder heranzukommen.

Eintritte und Austritte bei IG Metall und Verdi

Die IG Metall zum Beispiel hatte 2020 435.000 Mitglieder, 16.200 Eintritte konnten 26.7000 Austritte nicht ausgleichen. Bei der Nummer zwei im DGB, Verdi, ist es weniger gravierend: 215.000 Mitglieder, 14.800 Eintritte, 15.100 Austritte: ein leichtes Minus.

Experten sagen: Corona zeige die Schwächen des veralteten Rekrutierungssystems einiger Gewerkschaften. "Die Corona-Frage ist schon wichtig, aber das Hauptrekrutierungsfeld von Gewerkschaften ist der Betrieb. Das ist aber auch zugleich eine Schwäche der Rekrutierungsstrategie. Eigentlich müssten sie aus dieser extrem konservativen Organisationsstrategie längst rausgekommen sein, weil es nur noch begrenzt funktioniert", so Josef Schmid, Politikwissenschaftler an der Universität Tübingen.

Beschäftigte durch soziale Medien erreichen

Der DGB setze stark auf die sozialen Medien, um an die Beschäftigten heranzukommen. Denn viele seien in Kurzarbeit Null oder im Homeoffice, sagte der Bezirksvorsitzende Martin Kunzmann am Freitag im SWR. "Wir haben Aufholbedarf, keine Frage, aber da arbeiten wir sehr stark daran", so Kunzmann.

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Unilever übernimmt Vorschläge des Betriebsrats

Bei Knorr profitieren alle Mitarbeitenden von den weitreichenden Hygienemaßnahmen, egal ob sie Gewerkschaftsmitglieder sind oder nicht. Und nicht nur in Heilbronn. Der Mutterkonzern Unilever hat die Vorschläge des Betriebsrats an allen Deutschland-Standorten übernommen - auch die Taxifahrten.

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