Erdhaufen liegen während der Erschließungsarbeiten für ein Neubaugebiet auf einem Feld zwischen weiteren Einfamilienhäusern. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Wenige Bauplätze, hunderte Interessenten

Bauplatzmangel in Baden-Württemberg: Junge Familien suchen oft vergeblich

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Viele junge Familien träumen von den eigenen vier Wänden. Doch Bauland in Baden-Württemberg ist nicht nur teuer, sondern auch rar. Die Suche nach einer Baufläche ist für viele frustrierend.

Als vor eineinhalb Jahren das zweite Kind zur Welt kam, stand für Rebecca Baumann fest: Die Eigentumswohnung reicht nicht mehr aus, ein Eigenheim muss her. Die 38-Jährige und ihr Ehemann hatten eine klare Vorstellung, wie es aussehen sollte. Ein größeres Haus wollten sie bauen, mit mehr Zimmern, damit Tochter und Sohn ihre eigenen Kinderzimmer haben, einen Garten, eine geschlossene Küche. Eineinhalb Jahre lang bewarb sich die junge Familie auf zahlreiche Bauplätze in der Rottenburger Gegend. Vergeblich. Frustriert und enttäuscht mussten Rebecca Baumann und ihr Ehemann ihre Pläne wieder aufgeben. "Es war aussichtslos", sagt sie.

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Die Nachfrage ist enorm, das Angebot rar

Wie Familie Baumann ergeht es zahlreichen anderen jungen Familien in Baden-Württemberg. Viele träumen von ihrem Eigenheim in einem Neubaugebiet. Die Nachfrage ist enorm, das Angebot allerdings rar. Wie das im Extremfall auf dem angespannten Immobilienmarkt aussieht, zeigte sich zuletzt in Gutenzell-Hürbel im Kreis Biberach. In der 1.900 Einwohner zählenden Gemeinde wurden 20 Bauplätze nach dem sogenannten Windhundverfahren vergeben. Wer zuerst kam, bekam Bauland. Die zahlreichen Interessenten campten dafür tagelang vor dem Rathaus.

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Im Schnitt hundert Bewerbungen auf zehn Bauplätze

Christopher Heck, Sprecher des baden-württembergischen Gemeindetags, kennt das Problem. "Im Schnitt kommen auf zehn Bauplätze hundert Bewerbungen", sagt er. Heck sagt auch: Die Situation könnte sich in den kommenden Jahren verschärfen. Die Bevölkerung wachse. Prognosen zufolge müsste bis 2025 Wohnraum für rund eine Million Menschen in Baden-Württemberg geschaffen werden. Aus Sicht des Gemeindetags sollten die Kommunen, um Wohnraum entwickeln zu können, auch mehr Flächen schaffen können.

"Denn perspektivisch werden wir mehr Flächen brauchen."

Baulücken im Ortsinneren können nicht bebaut werden

Doch hier fängt für viele Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg das Problem an. Um dem Bedarf gerecht zu werden, kann eine Kommune nicht einfach so Flächen ausweisen. Erst müssen die Baulücken im Ortsinneren geschlossen werden. Das ist gesetzlich so vorgeschrieben. Hubert Schnurr (Freie Wähler), Oberbürgermeister der Stadt Bühl, rechnet vor: Etwa 700 Baulücken hätte er im Ortsinneren - das seien rund 35 Hektar baureifes Land. Aber die Stadt könne nicht drauf bauen. Denn viele Grundstücke seien in privater Hand, und die Eigentümer wollten nicht verkaufen. "Da haben wir kein Verfügungsrecht", sagt Schnurr.

In Baden-Württemberg herrscht nicht nur Bauplatzmangel. Auch die Preise steigen seit Jahren. Im vergangenen Jahr erreichten die Baulandpreise mit durchschnittlich 245 Euro pro Quadratmeter ein Rekordhoch:

Der Landesregierung ist das Problem bekannt. Deshalb gibt es für Kommunen bald ein neues, steuerliches Instrument, das die Regierung im Oktober beschlossen hat. Für baureife Grundstücke im Ortsinneren können Rathäuser künftig höhere Steuern erheben. So sollen Eigentümer dazu animiert werden, die Baulücken zu schließen. Die Steuer wird 2025 eingeführt.

Wohnbauministerium: "Innenentwicklung hat Vorrang"

Das baden-württembergische Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen will am Lösungsansatz festhalten, mehr Wohnraum im Ortsinneren zu schaffen. "Innenentwicklung hat Vorrang, und die Fläche ist in der Tat der Schlüssel", sagt Ministerin Nicole Razavi (CDU) zum SWR. Allerdings: "Angesichts des prognostizierten Bedarfs an Wohnraum insbesondere in Ballungsräumen gehört zur Wahrheit aber auch: Ganz ohne die Ausweisung neuer Baugebiete wird es auch in Zukunft nicht gehen."

Kommunen droht Abgang der jungen, einheimischen Generation

Andernfalls könnte das Folgen für Kommunen haben. Bernd Dürr, Bürgermeister der Gemeinde Bondorf (Kreis Böblingen), betont: Jüngere Menschen, die in der Gemeinde aufgewachsen sind und gern in ihrem Heimatdorf weiterleben würden, drohen abzuwandern. Das rund 5.800 Einwohner zählende Dorf brauche bis 2035 rund 460 weitere Wohnungen, um dem Bedarf der jungen Generation zu decken. "Das ist wirklich schwierig", gesteht Dürr. Dabei sei in die Statistik der Zuzug von Auswärtigen nicht einberechnet. An mehr Neubaugebieten führe daher kein Weg vorbei, meint der Bürgermeister.

Auch Rebecca Baumann und ihre Familie mussten die Gemeinde verlassen, in der sie mehrere Jahre gelebt hatten. Vor Kurzem kauften sie schließlich ein bereits gebautes Haus in einem Neubaugebiet bei Nagold (Kreis Calw). "Ein Glücksgriff", sagt Baumann, "Wir fühlen uns wohl hier."

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