Traktoren und Demonstranten auf einer Straße in Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Marijan Murat)

EU-Pläne zu Pflanzenschutzmitteln

100 Traktoren vor dem Umweltministerium: Bauern aus BW protestieren

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Bauern haben am Mittwoch in Stuttgart gegen einen Gesetzesentwurf der EU-Kommission demonstriert. Dieser sieht ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln in bestimmten Schutzgebieten vor.

Baden-württembergische Landwirtinnen und Landwirte haben am Mittwoch ihrem Ärger über Bestrebungen der EU nach deutlich weniger Pestizideinsatz Luft gemacht. Laut Veranstalter versammelten sich etwa 200 Landwirte mit rund 100 Traktoren vor dem Umweltministerium in Stuttgart und riefen dazu auf, die Brüsseler Pläne zu stoppen. Besorgt sind die Landwirte vor allem wegen des Vorhabens, konventionelle und Bio-Pflanzenschutzmittel auf "empfindlichen Flächen" weitgehend zu verbieten.

"Ob die Umweltministerin von Baden-Württemberg da noch Einfluss darauf hat, ist natürlich die Frage. Aber sie könnte immerhin noch bei der Bundesregierung Einfluss nehmen."

SWR-Reporterin Annika Jahn hat von den Protesten der Landwirtinnen und Landwirte in Stuttgart berichtet:

Landwirte fordern Korrektur des Gesetzentwurfs

"Wir erwarten eine deutliche Korrektur des Gesetzentwurfs", sagte Veranstalter Christian Coenen, ein Ackerbauer aus Philippsburg (Kreis Karlsruhe). "Wir möchten ein Miteinander und keine Verbote, wir möchten mit an den Tisch, wenn es um Veränderungen gehen soll", heißt es zudem im Aufruf zum Protest, der im Rahmen eines bundesweiten Aktionstags organisiert wird. Aus Sicht der Bauern sei die geplante EU-Verordnung praxisfern und gefährde ihre Existenz. Sie kritisieren, dass 38 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Baden-Württemberg dann nicht mehr bewirtschaftet werden könnte.

"Wir sind die Praktiker und es ist auch unsere Zukunft!"

Auch Landwirt Albrecht Rembold aus der Nähe von Öhringen (Hohenlohekreis) ist besorgt:

Auch Biobetriebe verwenden Pflanzenschutzmittel

Ein generelles Verbot von Pflanzenschutzmitteln in den Schutzgebieten würde nach Einschätzung der Bäuerinnen und Bauern für viele Betriebe mit Obst-, Wein- und Gemüseanbau, aber auch mit Ackerbau das Aus bedeuten. "Das gilt nicht nur für konventionelle Betriebe, sondern auch für Biobetriebe, denn auch die müssen Pflanzenschutzmittel anwenden", sagte Coenen.

Wolfgang Kölle vom Verein "Land schafft Verbindung" aus Bönnigheim (Kreis Ludwigsburg) setzt das Verbot der Pflanzenschutzmittel mit einem Berufsverbot gleich:

Verständnis von Landwirtschafts- und Umweltministerium

Das Landwirtschaftsministerium und das Umweltministerium zeigten Verständnis für den Frust der Bäuerinnen und Bauern. Agrarminister Peter Hauk (CDU) erklärte: "Sie sind nicht nur wie kaum eine andere Berufsgruppe direkt von den Folgen des Klimawandels betroffen, sondern werden auch mit immer mehr Bürokratie aus Brüssel überfrachtet". Die geplanten strengen Vorgaben zum Pflanzenschutz gingen weit über das Ziel hinaus. Es sei wichtig, dass Landwirtschaft, Naturschutz und Artenschutz Hand in Hand gingen. Mit einem Positionspapier hat sich Baden-Württemberg im Bundesrat bereits für Änderungen eingesetzt.

"Die Landwirtschaft muss dabei endlich als Teil der Lösung und nicht immer als Teil des Problems gesehen werden."

Auch Umweltministerin Thekla Walker (Grünen) hält ein Komplettverbot aller Mittel nicht für den richtigen Weg. Dagegen unterstützt sie eine Verminderung der Pestizide.

Viele Landwirtinnen und Landwirte fühlen sich von der Politik im Land im Stich gelassen und von der EU bevormundet. Ihre aktuelle Situation und Forderungen schildern sie hier dem SWR:

EU-Kommission und Umweltschützer widersprechen

Die EU-Kommission dagegen argumentierte, weniger Pestizide seien besser für die menschliche Gesundheit und die Umwelt. Zuletzt hatte zum Beispiel eine Studie gezeigt, dass selbst in Naturschutzgebieten die Insektenvielfalt zurückgeht. Auch deshalb, weil dort und den benachbarten Flächen zu viele Pestizide eingesetzt werden.

Auch Naturschützer nannten es einen Trugschluss zu glauben, dass Ernteerträge auf Dauer nur mit intensivem Pestizideinsatz gesichert werden könnten. "Das Gegenteil ist der Fall", sagte die Agrarreferentin des Naturschutzbundes Baden-Württemberg (Nabu), Anna Sesterhenn. "Die weltweite Ernährungssicherheit ist auf lange Sicht nur durch vielfältige und widerstandsfähige Ökosysteme zu erreichen. Wir riskieren nicht mit, sondern ohne eine drastische Pestizidreduktion in Europa eine Nahrungsmittelkrise."

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