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Michael Ballwegs Firma will ihre Homepage in vier Wochen vom Netz nehmen. Denn große Unternehmen hätten ihr untersagt, sie als Referenzen aufzuführen - Ballweg will das wohl als Zensur darstellen. Doch die Unternehmen erzählen eine ganz andere Version der Geschichte.

Hochspezialisierte Fachkräfte, die im Ruhestand sind, noch einmal für ein Projekt in die Firma zurückholen – das ist angesichts des Fachkräftemangels eine wichtige Strategie besonders für große Unternehmen. Auf diesem Markt hat sich die Media Access GmbH erfolgreich mit einer Software eingebracht. Sie erlaubt es den Kunden aus der Industrie, die richtigen Mitarbeiter für das jeweilige Projekt ausfindig zu machen. Mindestens fünf Jahre lief das Geschäft gut, denn man hatte drei Großkunden gewonnen und warb auch damit auch auf der eigenen Webseite.

Ballweg will Webseite in vier Wochen schließen

Gründer und Geschäftsführer der Media Access GmbH ist Michael Ballweg, der seit Mitte April in Stuttgart und mittlerweile auch bundesweit Demonstrationen gegen die Coronaregeln und "für das Grundgesetz" veranstaltet. Wegen dieses politischen Engagements würden ihm seine Kunden nun untersagen, mit ihnen zu werben, so liest sich ein Eintrag auf der Webseite der Softwarefirma. Diese werde "in 4 Wochen geschlossen", denn die großen Kunden hätten die Media Access aufgefordert, "die Referenzen von der Webseite zu löschen". Die knapp gehaltene Mitteilung trägt die Überschrift "Zum Status der Demokratie". Zum Abschluss wird Artikel 5 des Grundgesetzes zitiert, der die Meinungsfreiheit garantiert. Die Botschaft soll offenbar sein: Die Kunden der Media Access GmbH wollen Ballweg und seine Querdenker-Bewegung zum Schweigen bringen.

Ein Screenshot der Webseite der Firma Media Access vom 18. August 2020. Dort wird angekünidgt, dass die Seite in vier Wochen vom Netz genommen wird. (Foto: Quelle: https://www.media-access.net/Screenshot: SWR)
Screenshot der Firmenseite: Media Access kündigt an, dass die Webseite in vier Wochen vom Netz genommen wird. Quelle: https://www.media-access.net/Screenshot: SWR

Warum Ballweg die Webseite einstellen will, nur weil ihm Kunden untersagen, mit ihrem Namen zu werben, bleibt unklar. Was er nicht sagt: Alle drei Unternehmen haben die Verträge mit ihm gekündigt, die Robert Bosch GmbH schreibt: "Die finale Entscheidung fiel bereits Anfang des Jahres aus wirtschaftlichen Gründen." Auch die ZF Friedrichshafen AG und Thyssenkrupp bestätigen diesen zeitlichen Ablauf.

ZF: Aus für Software selber angekündigt

Auf dem Telegram-Kanal von Querdenken-711 stellt Ballweg seine Version der Geschichte dar und fordert die mehr als 27.000 Teilnehmer auf, "Feedback" an die Unternehmen zu schicken. Doch deren Version der Geschichte stellen alle drei gegenüber dem SWR ganz anders dar. So schreibt ein Sprecher der ZF Friedrichshafen AG: "Wir hatten vernommen, dass das Unternehmen Media Access beabsichtigt, das von uns bisher genutzte Software-Produkt nicht mehr fortführen zu wollen. Als Folge daraus müssten wir einen neuen Anbieter auswählen, weshalb wir die Firma Media Access schriftlich um die Bestätigung der Einstellung gebeten haben sowie darum, die Referenznennung von der Unternehmens-Webseite zu entfernen."

Bosch: Entscheidung aus wirtschaftlichen Gründen

Auch die beiden anderen Kunden der Media Access bestätigen: Media-Access-Geschäftsführer Ballweg habe die Software nicht weiterführen wollen, daher habe man die Verträge gekündigt. So heißt es von der Robert Bosch AG: "Die finale Entscheidung fiel bereits Anfang des Jahres aus wirtschaftlichen Gründen."

Das Aus für das Produkt der Media Access hat Michael Ballweg offenbar selbst beschlossen, und zwar bevor er sich dem Kampf gegen die Corona-Verordnungen und angebliche Grundgesetzverstöße gewidmet hat. Dies schreibt Ballweg aber nicht. Stattdessen schreibt er, er sei er aufgefordert worden, "die Referenzen von der Webseite zu löschen". Dazu teilt Thyssenkrupp mit: "Gemäß einer Referenzvereinbarung, die eine Anlage des Vertrags darstellt, kann ohne Nennung von Gründen verlangt werden, die Nutzung des Logos und Namens als Referenz einzustellen. Wir haben die media access GmbH am 11.8.20 darum gebeten, die Nutzung der Referenz einzustellen."

Diese zeitliche Abfolge unterschlägt er aber und stellt sich stattdessen als Opfer eines politisch motivierten Boykotts durch drei führende Industrieunternehmen dar. Eine Bitte um Stellungnahme seitens der Media Access GmbH blieb unbeantwortet.

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