Ein Auszubildender zeigt einer Auszubildenden wie ein Triebwerk gewartet wird. (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance/ dpa | Bernd Settnik)

27.000 Bewerber bleiben "unversorgt"

Azubi-Mangel in BW: Unternehmen sind laut DGB zu anspruchsvoll

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Immer mehr Ausbildungsstellen in BW bleiben unbesetzt. Doch fehlt es wirklich an Azubis im Land? Die Gewerkschaft DGB widerspricht und sieht die Schuld bei den Unternehmen.

Tausende Jugendliche haben bereits ihre Bewerbungen für eine Berufsausbildung verschickt. Erstaunlich viele werden im kommenden September allerdings mit leeren Händen dastehen. Laut dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Baden-Württemberg hat die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber, die keine Ausbildungsstelle bekommen, in der Corona-Krise noch einmal zugenommen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung verzeichnete vergangenes Jahr rund 27.000 junge Menschen, die "unversorgt" blieben. Der DGB rechnet damit, dass dieses Jahr erneut viele keine Lehrstelle finden werden.

BW: Nur 65.000 Ausbildungsverträge abgeschlossen

Gleichzeitig klagen Unternehmen seit langem über Azubi-Mangel. Anlass dazu gaben zuletzt die Zahlen des Statistischen Landesamts in Baden-Württemberg: Nur rund 65.000 Ausbildungsverträge wurden im vergangenen Jahr abgeschlossen - ein historisches Tief. Das Landeswirtschaftsministerium schlug Alarm. "Die Unternehmen suchen händeringend nach Auszubildenden", sagte Ministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) jüngst. Berechnungen des Industrie- und Handelskammertags zufolge soll wegen des Azubi-Mangels bald jede vierte Stelle unbesetzt bleiben.

Hier Tausende Jugendliche ohne Ausbildungsplatz, dort die Unternehmen, die ihre Lehrstellen nicht besetzt kriegen: Wie passt das zusammen?

DGB beklagt fehlende berufliche Orientierung

Die Gründe sind vielfältig. Zum einen bekommen die Unternehmen den demographischen Wandel zu spüren. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler im Land geht seit Jahren zurück. Immer mehr junge Menschen wollen zudem Abitur machen und studieren. Für die Jugendlichen kommt die Corona-Pandemie hinzu, in der es kaum Vermittlungsangebote gab.

"Ein riesiges Problem ist die fehlende berufliche Orientierung. Niemand kann sich für etwas entscheiden, was er oder sie nicht kennt."

DGB-Landeschef: Unternehmen übernehmen keine Verantwortung

Einen Azubi-Mangel, den die Unternehmen seit langem beklagen, sieht Burmeister allerdings nicht. Er verweist auf die 27.000 potentiellen Azubis, die im vergangenen Jahr bei der Stellensuche leer ausgingen. Das Problem sieht er bei den Betrieben selbst. "Es geht an dieser Stelle auch um die Unternehmen, die ihre gesellschaftliche Verantwortung nicht übernehmen und ihren Teil der Integration leisten, indem Sie jungen Menschen eine Chance geben, die mehr Unterstützung benötigen", kritisiert er.

Experten sehen das Übergangssystem als Sackgasse

Denn die Jugendlichen, die keine Ausbildungsstelle finden, müssen sich eine Alternative suchen. Viele mit niedrigem Bildungsabschluss kommen ins sogenannte Übergangssystem. In ein- bis zweijährigen Angeboten sollen sie für eine Berufsausbildung vorbereitet werden. Doch genau das geschehe laut einer Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin eben häufig nicht. Hauptautor Dieter Dohmen spricht von einer "Sackgasse", die meist nur zu geringfügiger Beschäftigung oder Arbeitslosigkeit führe.

DGB: Unternehmen habe zu hohe Ansprüche

Problematisch sei, dass Betriebe ihre Anforderungen an die potenziellen Azubis immer weiter nach oben schraubten, erklärt DGB-Landeschef Burmeister. "Für Berufe, die man früher mit einem Hauptschulabschluss ergreifen konnte, wird jetzt das Abitur verlangt", beklagt er. Bewerberinnen und Bewerber mit Haupt- oder Realschulabschluss hätten im Konkurrenzkampf um die Lehrstellen damit deutlich schlechtere Chancen.

Dem gewünschten Schulabschluss nach konnten sich Hauptschülerinnen und -schüler laut der Agentur für Arbeit in Stuttgart im vergangenen Jahr nur auf etwa die Hälfte aller gemeldeten Ausbildungsstellen bewerben. Rechnerisch standen für jeweils 100 Bewerberinnen und Bewerbern mit Hauptschulabschluss nur 85 Ausbildungsstellen zur Wahl. Mit Mittlerer Reife waren es immerhin 189, mit Abitur schon über 600.

Arbeitgeberverband weist Vorwürfe zurück

Ist der Azubi-Mangel also hausgemacht, weil Unternehmen zu hohe Ansprüche an ihre Bewerberinnen und Bewerber haben? Der Arbeitsgeberverband Südwestmetall weist den Vorwurf zurück. "Mehr als die Hälfte der ausgeschriebenen Ausbildungsstellen ist für Hauptschülerinnen und Hauptschüler zugänglich. Ich würde sagen: Das Glas ist halbvoll", sagt Stefan Küpper, Geschäftsführer des Bereichs Bildung und Arbeitsmarktpolitik.

Südwestmetall sieht wenig Flexibilität bei Bewerbern

Neben der Corona-Pandemie, die den Kontakt zwischen Unternehmen und potentiellen Azubis erschwert habe, führt Küpper ein weiteres Problem an: Bestimmte Ausbildungsberufe seien bei jungen Menschen besonders stark gefragt, andere hingegen deutlich weniger - beispielsweise im Hotel- und Gaststättengewerbe. Viele Jugendliche hätten einen Wunschberuf in einer Wunschregion, wo es nicht gerade viele offene Plätze gebe, sagt Küpper. Die Ausbildungssuche scheitere also auch daran, dass Bewerberinnen und Bewerber zu unflexibel seien.

Auch der DGB stellt fest, dass bestimmte Berufe beliebter bei Jugendlichen sind als andere. Entsprechend ist die Konkurrenz größer, die Chancen, einen Platz zu bekommen, geringer. Wenn man allerdings wolle, dass sich mehr junge Menschen für wenig gefragte Berufe bewerben, müsse man die Bedingungen verbessern. Burmeister nennt exemplarisch den Pflegebereich: "In der Pflege- und Erzieherinnen und Erzieher-Branche wird auch seit Jahrzehnten über den Missstand gesprochen, jedoch nichts geändert." Junge Menschen würden durchaus das Finanzielle abwägen. Sei die Vergütung für die Ausbildung zu schlecht, entschieden sie sich eben lieber für den Hilfsjob mit Mindestlohngehalt.

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