Demonstranten stehen mit  Transparenten "Essen retten - Leben retten" auf der Straße. (Foto: SWR, Dinah Steinbrink)

Forderung: Wegwerfen von Lebensmitteln verbieten

Das treibt die Aktivistinnen und Aktivisten vom "Aufstand der letzten Generation" an

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Marc-Julien Heinsch
SWR-Redakteur Marc-Julien Heinsch Autor Bild (Foto: David-Pierce Brill)

In Freiburg blockieren sie Schnellstraßen, in Stuttgart verteilen sie weggeworfene Lebensmittel, die noch genießbar sind. Der Protest der "letzten Generation" wird lauter. Was treibt sie an?

Auch in dieser Woche blockieren sie wieder Schnellstraßen und Autobahnabfahrten. Zivilen Ungehorsam nennen sie das - oder gewaltfreien Widerstand. Die Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe "Aufstand der letzten Generation" sind auch in Baden-Württemberg aktiv. Am Montagmorgen um 8 Uhr begann der erneute Protest in Freiburg.

Auch in Stuttgart haben die Aktivistinnen und Aktivisten am Montagmorgen eine Hauptverkehrsader im Stuttgarter Zentrum lahmgelegt, um gegen Lebensmittelverschwendung zu protestieren.

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Aktionen in Stuttgart, Freiburg und Heidelberg

Die Aktivistinnen und Aktivisten haben bereits in Stuttgart und Heidelberg in den vergangenen Wochen weggeworfene Lebensmittel aus den Müllcontainern von Supermärkten geholt und anschließend nicht weit entfernt wieder verteilt. Das sogenannte Containern ist verboten und kann als Hausfriedensbruch oder Diebstahl geahndet werden.

Verteilaktion von Essen, das eigentlich schon im Müll gelandet war, am 18.2.2022 in Stuttgart nahe der Markthalle. Auf den Bannern steht der Name der Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten: Aufstand der letzten Generation. (Foto: SWR, Jolina Krell, Studio Stuttgart)
Die Aktivistinnen und Aktivisten prangern Lebensmittelverschwendung an, indem sie Hausfriedensbruch begehen, von Supermärkten entsorgte aber genießbare Lebensmittel wieder aus dem Müll holen und verteilen. Jolina Krell, Studio Stuttgart

In Freiburg haben Mitglieder der "Letzten Generation" die Abfahrt der Autobahn A5 blockiert, sich einfach auf die Straße gesetzt, ihre Hände mit Sekundenkleber festgeklebt, Staus verursacht. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Grüne), kritisierte sie dafür zuletzt scharf:

"Von Autobahnblockaden halte ich mal gar nichts. Das sind schwere Rechtsverletzungen, die man nicht rechtfertigen kann."

Doch wer sind die Aktivistinnen und Aktivisten, die sich selbst als "letzte Generation" wähnen? Was treibt sie an?

Studentin betont: "Menschheit auf dem Weg in den eigenen Untergang"

Zoë Ruge, 22, Studentin aus Freiburg im Breisgau, hält einen Vortrag per Videokonferenz. In 45 Minuten, so verspricht sie, will sie erklären, was hinter "Essen retten, Leben retten" steckt, dem Slogan der "Letzten Generation". Anschließend werde sie die digital Anwesenden fragen, ob sie mit ihr zusammen in den "friedlichen Widerstand" gehen wollen, sagt sie. Ruge spricht leidenschaftlich, ihre Stimme und ihr Gesicht sind tief bewegt. Sie referiert nicht einfach, sie hält eine politische Rede.

Die Welt steuert laut Ruge auf eine Katastrophe zu. Das Ziel, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, sei eine Illusion, bereits nicht mehr erreichbar. Kriege um Nahrungsmittel, Klimaflüchtlinge, Millionen Tote. "Es geht um die Vernichtung unserer Zivilisation", sagt Ruge, "wie eine Herde Rinder auf dem Weg zur Schlachtbank" sei die Menschheit auf dem Weg in den eigenen Untergang.

"Wir müssen in den Abgrund blicken, sonst werden wir nicht tun, was nötig ist."

Zwei Mal pro Woche halten Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe diesen Vortrag. Online kann man sich ansehen, wie ein anderer Aktivist fast wortgleich referiert. Nur: Warum blockiert eine Gruppe Klima-Aktivisten, die noch lange keine Bewegung der Massen ist, ein paar wenige Straßen in Deutschland, in Baden-Württemberg?

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Klimaaktivistin aus BW: "Es geht um nicht weniger als die Rettung der Welt"

Die "Letzte Generation" setzt sich für ein Gesetz ein, dass das Wegwerfen von Lebensmitteln verbieten soll. Außerdem wollen sie die Bundesregierung dazu zwingen, Maßnahmen für eine "echte Agrarwende bis 2030" festzulegen. Dabei berufen sie sich auf Empfehlungen des Bürgerrats Klima.

Bereits während des Bundestagswahlkampfs 2021 hatten die Aktivistinnen und Aktivisten mit einer Aktion Aufsehen erregt: Mehrere junge Menschen traten in einen Hungerstreik, an dessen Ende sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), damals noch nicht offiziell im Amt, zu einer Debatte bereit erklärte. Schon damals wurde deutlich: Die Aktivistinnen und Aktivisten der "Letzten Generation" sind überzeugt, nur noch zwei bis vier Jahre Zeit zu haben, um eine unumkehrbare Kette von Ereignissen auf dem Weg zur Klimakatastrophe zu verhindern.

In ihrem Vortrag zeigt Zoë Ruge aus Freiburg nur ein einziges Schaubild: Kein echter Graph, keine Auswertung einer Studie, einfach nur ein Strich, der immer steiler abfällt. An seinem Ende lodert ein Feuer. An der Kante zum steilsten Abhang liegt die Weltkugel, zwei Kreuze sollen "Kipppunkte" markieren, die bereits passiert wurden. Die Botschaft: Jetzt oder nie. Sofortmaßnahmen - oder das Klima ist nicht mehr zu retten.

Radikalisiert sich hier ein Teil der Klimabewegung?

Zoë Ruge sagt zum Ende ihres Vortrags: "Jetzt ist es an der Zeit, in den friedlichen Widerstand zu gehen." Und: Wenn sie die Zuhörenden nun frage, ob sie mitmachen wollen, dann stehe automatisch die Frage im Raum - was denn sonst machen? Der Kampf fürs Klima scheint alternativlos, Ruges Verzweiflung echt. Dafür gibt es viel Kritik aus der Politik. Aber auch aus der Bevölkerung. Menschen, die morgens zur Arbeit wollen, in die Kita oder vielleicht in den Kreißsaal, sind wütend. Online wird zusätzlich deutlich: Viele verstehen nicht, was Straßenblockaden mit Lebensmittelverschwendung zu tun haben sollen.

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Auch die Bundestagsabgeordnete aus Freiburg, Chantal Kopf (Grüne), sagt: "Ich betrachte diese Form des Protests mit großer Sorge und lehne sie mit aller Deutlichkeit ab." Und sie sieht die Gefahr einer "weiteren Radikalisierung" der Aktivisten. Die Gruppe beschreibe ein Weltuntergangsszenario und wähne sich und ihren Widerstand als einzigen Weg, den Untergang zu verhindern. "Diese Erzählung einer vermeintlichen Alternativlosigkeit ist gefährlich, denn sie lässt sich problemlos von friedliche auf weniger friedliche Formen des Protests übertragen."

In einer Demokratie müssten dringend politische und gesellschaftliche Mehrheiten gewonnen werden, um gegen Lebensmittelverschwendung und Klimaerwärmung vorgehen zu können, so Kopf weiter. Die "Letzte Generation" helfe nicht bei diesem Unterfangen.

Man müsse die Menschen verärgern - "so entstehen Diskussionen"

Am Tag nach ihrem Vortrag verteilt Zoë Ruge zusammen mit ihrem Mitaktivisten Tobias März in Freiburg containerte Lebensmittel. März, 42, Ingenieur, arbeitet an Projekten für Solarenergieanlagen in Pakistan. Er lebt und arbeitet auf einem Hof bei Freiburg, einem Projekt für gemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten. Im Videocall sprechen Ruge und März darüber, warum sie diese Art des Protests für angebracht halten.

"Petitionen sind schön und gut. Unsere Politikerinnen und Politiker in Baden-Württemberg können dann nicken und nicht groß Stellung dazu beziehen", sagt Ruge. Jetzt tue sie etwas Konkretes, störe und provoziere eine Reaktion. Das sei richtig, weil sich die Menschheit in einer Notsituation befände. "Wir müssen Menschen verärgern. Dadurch wird es interessant. Auch wenn es teilweise Streit gibt, entstehen so Diskussionen."

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Ziel ihrer Aktionen seien aber nicht vorrangig die Menschen, die dann im Stau stehen, sondern die politischen Entscheidungsträger, so Tobias März. Warum dann diese Art des Protests? "Wir haben einfach nicht mehr den Spielraum, um uns gemeinsam hinzusetzen und alles in Ruhe auszudiskutieren", sagt er. "Viele Menschen, die derzeit in Entscheidungspositionen sitzen - wie Herr Kretschmann - sind ja mit ein Grund, warum wir uns auf die Straße setzen." Die scharfe Kritik von dieser Seite deshalb - "vorhersehbar".

Eigentlich solle eine Demokratie in der Lage sein, auf die Klimakrise angemessen und schnell genug zu reagieren. Doch es passiere zu wenig. "Und da sagen wir halt, wir als Bürger sind in der Pflicht, die Regierung an ihre Pflicht zu erinnern und das Problem so publik zu machen, dass sie gar keine andere Möglichkeit mehr haben, als zu handeln."

Protest soll bis zur Gefängnisstrafe gehen - aber gewaltlos

Sie hoffe natürlich, dass die Politik auf ihre Forderung eingehe und ein Gesetz umsetzt, dass das Wegwerfen von Lebensmitteln verbietet, betont Zoë Ruge. Wenn es nicht so komme, seien die Aktivistinnen und Aktivisten der "Letzten Generation" aber bereit, ihre Aktionen immer weiterzuführen. Bis die Politik einlenke, oder jemand für seine Blockaden oder das Containern im Gefängnis lande. "Dann können wir aufzeigen, wie absurd diese Gesetze sind - und wie verzweifelt die Menschen hinter ihren Forderungen stehen."

Und wenn all der verzweifelte Protest, der zivile Ungehorsam, das "Stören" nichts verändern? Die Gewaltfreiheit sei elementarer Teil der "Letzten Generation", darüber sind Ruge und März sich einig. Sie und ihre Mitstreiter würden nie etwas zerstören oder Gewalt gegen Menschen anwenden, um ihre Ziele durchzusetzen. Aber, sagt März, die Situation sei so existenziell - er könne sich vorstellen, dass es in Zukunft Menschen gebe, "die sich so bedroht fühlen, dass sie bereit sind auch Dinge kaputtzumachen". Die "Letzte Generation" aber bleibe gewaltfrei.

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