Flüchtlinge aus der Ukraine werden nach ihrer Ankunft am Hauptbahnhof empfangen. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sven Hoppe)

Herausforderung für Lehrkräfte

Zwischen Hoffnung und Trauma: Ukrainische Flüchtlingskinder bald in Schulen und Kitas

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Ioanna Kiriakidou

Nach ihrer Flucht aus der Ukraine sollen Kinder so gut es geht zurück in den Alltag finden. Dazu gehört der Besuch einer Schule oder Kita. Kann das ohnehin überlastete Bildungssystem in BW das stemmen?

Angekommen in Baden-Württemberg können geflüchtete Kinder und Jugendliche künftig die Schulen und Kitas im Land besuchen. "Das ist das Mindeste, was wir tun können und sollten", sagte Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) am Mittwoch. Die Schulen und die Schulverwaltung sollen dabei pragmatisch handeln und den Kindern mit dem Schulbesuch wieder etwas Struktur und auch Ablenkung ermöglichen.

Aber brauchen diese Kinder und Jugendlichen nicht noch viel mehr als einen Platz in der Kita oder der Schule? Was ist mit der psychologischen Betreuung, wie soll das Erlebte verarbeitet werden?

Grundschullehrerin optimistisch, aber mit Bedenken

Es sei wichtig, dass die Kinder in den Schulen aufgenommen werden, sagt Elena Schwanitz (Name geändert), Lehrerin aus dem Raum Stuttgart, im SWR-Gespräch. Die Entscheidung des Kultusministeriums sei richtig:

"Jeder hat das Bedürfnis zu helfen und ich als Grundschullehrerin möchte meinen Teil dafür tun, damit sich die ankommenden Kinder in Deutschland wohlfühlen."

Für die 30-Jährige ist das Unterrichten von Kindern aus Kriegsgebieten nicht neu. Bereits im Jahr 2015 unterrichtete sie Schüler aus Syrien. "Da habe ich einiges mitgenommen, wie man den Unterricht mit Flüchtlingskindern gestalten könnte." Man müsse die Kinder dann selbstständiger arbeiten lassen und individuelle Aufgaben an die Schülerinnen und Schüler verteilen. Um wirklich "guten und differenzierten Unterricht zu machen", fehle es jedoch an Personal und Ressourcen, bedauert die Klassenlehrerin einer zweiten Klasse. Lehrerinnen und Lehrer könnten ihr bestes tun, aber auf Kinder, die zum Beispiel traumatisiert seien, sei man nicht immer vorbereitet.

Kritik in den Sozialen Medien

Hunderte Menschen aus der Ukraine sind mittlerweile in Baden-Württemberg angekommen. Der Städtetag Baden-Württemberg rechnet in den nächsten Wochen mit mehreren Tausend Kriegsflüchtlingen im Land. Unter den in der Landeserstaufnahmestelle registrierten Menschen seien auch zahlreiche Kinder, so ein Experte des Städtetags. Das Interesse der Flüchtlinge etwa an den Kitas sei groß.

Facebookkommentare zum Thema ukrainische Kinder in Schulen und Kitas (Foto: SWR)
Ein Auszug der Kommentare unter dem SWR Aktuell Facebookpost "Flüchtlingskinder sollen in BW Kitas besuchen können".

In den Sozialen Medien macht sich derweil die Kritik breit, dass Kitas und Schulen im Land bereits jetzt personell am Limit seien. Es sei nur schwer möglich, einen Platz für das eigene Kind zu bekommen. Ein User kommentiert einen SWR Aktuell Facebookpost wie folgt: "Toller Plan. Und woher sollen die Kapazitäten dafür kommen? Die Kitas haben bereits seit Jahren zu wenig Personal [...]."

Der Städtetag will die Kommunen unterstützen, damit die Aufnahme und die Integration der Kinder aus der Ukraine leichter gelingt.Posted by SWR Aktuell on Monday, March 7, 2022

GEW: Zeitnah Plätze an Schulen und Kitas schaffen

Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg müssen die Kinder und Jugendlichen so schnell wie möglich Unterstützung erhalten und dürfen nicht wochenlang darauf warten, in Kitas und Schulen einen Platz zu finden. Bei der Verteilung der Kitaplätze wird das Kultusministerium nicht konkret. Es zeige sich "zuversichtlich" und möchte "gemeinsam mit den Trägern Lösungen finden", die "allen Interessen gerecht" werde. Sie seien dazu in engem Kontakt, heißt es.

Die Stadt Ulm fordert zum Beispiel eine unbürokratische Lösungen von der Politik. Schon jetzt sei die Lage nicht einfach: Wegen Personalausfällen hätten fast alle Kindertageseinrichtungen große Probleme, das bisherige Betreuungsangebot aufrecht zu erhalten, wie Sozialbürgermeisterin Iris Mann dem SWR sagte. Wenn nun zusätzlich Kinder von geflüchteten Familien aufgenommen werden sollen, müssten die gültigen Qualitätsstandards zumindest vorübergehend gelockert werden, so ihre Forderung. 

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag von SWR und "Stuttgarter Zeitung" zeigt, dass unter den Befragten eine sehr große Solidarität mit der Ukraine herrscht:

Ukrainische Kinder sollen in Vorbereitungsklassen kommen

Damit Kinder aus der Ukraine Deutsch lernen und im Unterricht möglichst bald mithalten können, setzt das baden-württembergische Kultusministerium auf bekannte Konzepte: die sogenannten Vorbereitungsklassen. Hier lernen Schulkinder in den Klassen eins bis vier unter anderem die deutsche Sprache. Die GEW erwarte dazu klare Konzepte und Zahlen zur Situation in den Vorbereitungsklassen. Denn: "Der GEW liegen Informationen vor, dass zum Teil Klassen bereits im Januar 2022 voll waren", heißt es gegenüber dem SWR.

Grundschullehrerin Schwanitz berichtet, dass die Vorbereitungsklasse an ihrer Schule erst kürzlich aus Personalmangel aufgelöst wurde - die Kinder wurde dann auf "normale", sogenannte Regelklassen, aufgeteilt. Seit den Weihnachtsferien hat sie dadurch zwei neue Kinder in der Klasse, die sie in den aktuellen Unterricht einbinden muss. Sie versuche die Kinder so gut es gehe mitlaufen zu lassen, aber eine richtige Förderung, wie sie sie eigentlich bräuchten, könne sie als Lehrerin alleine kaum stemmen. Das eine Kind aus der ehemaligen Vorbereitungsklasse spreche aktuell kaum Deutsch und wirke traumatisiert, berichtet sie.

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Lehrkräfte mit traumatisierten Kindern alleine?

Auf Nachfrage beim baden-württembergischen Kultusministerium heißt es dazu: "Beim Umgang mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen können Lehrerinnen und Lehrer auf die Unterstützung der 28 schulpsychologischen Beratungsstellen in Baden-Württemberg zurückgreifen." Außerdem könnten speziell ausgebildete Beratungslehrkräfte beim Umgang mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen helfen.

Unterstützung von Psychologen oder Betreuern gäbe es an Schwanitzs Schule allerdings nicht direkt, erklärt sie: "Ich muss mir selber Hilfe suchen." Es gebe kein extra Personal, an das sie sich wenden könne.

Zwei Schulsozialarbeiter für mehr als 2.660 Schüler

Ähnliche Erfahrungen macht auch eine Lehrerin am Friedrich-Schiller Gymnasium in Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg), eines der größten Gymnasien Deutschlands. An ihrer Schule gebe es lediglich zwei Schulsozialarbeiter - für mehr als 2.600 Schülerinnen und Schüler. Sie berichtet dem SWR, dass Kinder und Jugendliche aus Kriegsgebieten mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten und sich nur schwer auf andere Menschen einlassen konnten. "Vor allem, wenn man nicht weiß, wie lange man hier im Land bleibt."

Für die Betreuung von geflüchteten beziehungsweise traumatisierten Kindern und Jugendlichen brauche es auf lange Sicht mehr Ausbildungsangebote für Lehrkräfte im Studium als auch im Referendariat - diese gebe es laut der Gymnasiallehrerin bisher gar nicht. "Ich habe während meines Studiums keine Erfahrungen damit machen können", kritisiert die 25-Jährige. Das Erlernte und die Erwartungen an Schulen lägen dabei weit auseinander.

"Auch hier rächt sich erneut, dass die Regierung Kretschmann auf der Schuldenbremse beharrt, statt mutig in Bildung zu investieren. Seit Jahren ist Baden-Württemberg bei der Ausstattung mit Schulpsychologen Schlusslicht in Deutschland."

Unterstützung in ukrainischer und russischer Sprache

Dass an den Schulen und in den Kitas im Land ein Fachkräftemangel bestehe, sei dem Kultusministerium "bekannt". Dennoch sei es zuversichtlich, dass es trotzdem gelinge, "die aktuelle Herausforderung zu meistern", heißt es auf SWR-Nachfrage. Das Kultusministerium in Baden-Württemberg möchte zur Unterstützung der Erzieherinnen und Erzieher und Lehrkräfte im Land außerdem Hilfskräfte einsetzen, die ukrainisch und russisch sprechen. Dazu befinde sich das Ministerium "in ersten Gesprächen". So solle ein "niederschwelliges herkunftssprachliches Angebot" geschaffen werden. Das könne eine Erleichterung für die Lehrkräfte sein, sagt Schwanitz. Die Hilfskräfte könnten beispielsweise bei der Sprachförderung und bei den Hausaufgaben unterstützen.

"Von unserer Seite ist klar: Wenn ein Kind in die Schule möchte, dann darf es auch in die Schule gehen."

Grundrecht auf den Besuch von Kita und Schule

Rechtlich steht weder dem Kita- noch dem Schulbesuch etwas entgegen. Das Recht zum Besuch einer Schule besteht laut Kultusministerium von Anfang an. Eine Schulpflicht beginnt sechs Monate nach dem Zuzug aus dem Ausland. Sie endet mit Ende des 18. Lebensjahres. Die verzögerte Schulpflicht trägt möglichen Traumata der Kinder Rechnung. Sie sollen Zeit haben, sich in ihrem neuen Umfeld zu orientieren und die Erlebnisse der Flucht zu verarbeiten.

In den Klassen und Gruppen angekommen werden die ukrainischen Kinder sicherlich mit offenen Armen empfangen: "Wir machen das Beste daraus, das ist meine Devise." Dennoch fühle sich Schwanitz "nicht zu hundert Prozent vorbereitet, aber das war in den letzten drei Jahren nie der Fall". Bereits in der Corona-Pandemie habe man sich daran gewöhnt, vorgegebene Entscheidungen kurzfristig umzusetzen, erklärt sie.

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