STAND

Schon vor der Freigabe der Corona-Impfungen in den Arztpraxen in Baden-Württemberg ist die Nachfrage sehr groß. Die Priorisierung wird dort am Montag für alle Impfstoffe aufgehoben.

Video herunterladen (3,8 MB | MP4)

"Die Leute sind pandemiemüde, sie wollen diesen nächsten Schritt", teilte der Hausärzteverband Baden-Württemberg mit. Allerdings stehe den meisten Medizinerinnen und Medizinern nach wie vor nicht genügend Impfstoff zur Verfügung. Komme dieser in die Praxen, erwartet der Verbandsvorsitzende Berthold Dietsche "einen großen Schritt in Sachen Impfung."

Impfreihenfolge ab Montag aufgehoben

Von Montag an soll die Impfstoff-Priorisierung bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten für alle Impfstoffe aufgehoben werden. Das haben das Sozialministerium Baden-Württemberg und die Kassenärztliche Vereinigung gemeinsam beschlossen. Mediziner können dann nach eigenem Ermessen entscheiden, welche Patientinnen und Patienten besonders dringend mit einem Corona-Vakzin geimpft werden sollen. Sie müssen sich nicht mehr an die vom Land vorgegebene Reihenfolge halten. Die Ärzte hätten ihre Patientinnen und Patienten im Blick, sagte Dietsche. "Sie können am besten entscheiden, wer zum Beispiel wegen Vorerkrankungen oder wegen betreuender Familienangehöriger eine Impfung nötig hat."

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) begrüßte den Schritt gegenüber dem SWR. Weil Mediziner nicht mehr in jedem Einzelfall prüfen müssten, ob eine Patientin oder ein Patient impfberechtigt sei, falle ein bürokratisches Hindernis weg. Niedergelassene Ärzte könnten flexibler handeln, wenn sie alle Personen über 18 Jahren impfen dürfen, so die KVBW.

Lucha: "Weiter Geduld gefragt"

Zugleich wies Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Mittwoch erneut darauf hin, dass die Impfstoffmenge in Baden-Württemberg noch immer begrenzt sei. Die Nachfrage übersteige nach wie vor das Angebot deutlich, so Lucha. Deshalb bedeute die Tatsache, dass man impfberechtigt sei, noch nicht, dass man direkt einen Impftermin buchen könne. "Es ist weiter Geduld und Solidarität gefragt", sagte Lucha. Er halte es aber für möglich, dass die Priorisierung in den Impfzentren voraussichtlich ab Anfang Juni aufgehoben werden könne, so Lucha weiter. Ab diesem Zeitpunkt sollen auch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte mehr Corona-Impfstoffe bekommen, hieß es.

Derzeit mehr Zweitimpfungen im Land

Zu Wochenbeginn hatte das Sozialministerium mitgeteilt, dass der Bund auch im Mai nicht genügend Impfstoff liefere. Deshalb könnten die Impfzentren im Land derzeit noch nicht unter Volllast laufen. In der nächsten Zeit erwartet Baden-Württemberg den Angaben zufolge durchschnittlich etwa 330.000 Corona-Impfdosen pro Woche. Viele Bürgerinnen und Bürger würden nun ihre Zweit-Impfung erhalten. Solange der Bund allerdings eine gleichbleibende Impfstoffmenge zur Verfügung stellt, werde die Zahl der Erstgeimpften nicht mehr so stark steigen wie zuletzt, hieß es.

Stiftung Patientenschutz kritisiert "Spaltpilz"

Kritik an der Freigabe aller Corona-Impfstoffe in den Arztpraxen kommt von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Solange es nicht genügend Impfstoff gebe, setze die Politik mit einer solchen Entscheidung einen "Spaltpilz" in die Gesellschaft, sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch am Mittwoch. "Nicht die Priorisierung ist der Hemmschuh beim Impffortschritt, sondern einzig der Mangel an Impfstoff," so Brysch.

Die Entscheidungen in Baden-Württemberg und auch in Bayern seien ein Beispiel dafür, "wie man sowohl den Impfdruck auf Ärzte erhöhen kann und Frust in der Gesellschaft schafft." Das werde die Aggressionen nicht nur zwischen Arzt und Patient, sondern auch Konflikte zwischen den Generationen steigern, so Brysch weiter.

Impfzentren öffnen für Prioritätsgruppe 3

In den Impfzentren kann sich nach Angaben des Sozialministeriums ab Montag die gesamte Prioritätsgruppe 3 impfen lassen. Dazu zählen auch diejenigen, die aus beruflichen Gründen eine Impfberechtigung erhalten - zum Beispiel Polizei und Feuerwehr, Verkäuferinnen und Busfahrer oder Menschen, die in der Jugendhilfe tätig sind. Zunächst hatten "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" berichtet.

In Baden-Württemberg sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts vom Dienstag bisher 32,6 Prozent der Bevölkerung einmal gegen das Virus geimpft worden. Eine zweite Schutzimpfung, die bei manchen Wirkstoffen nötig ist, haben 9,2 Prozent erhalten; sie gelten damit als vollständig geimpft.

Mehr zum Thema

Baden-Württemberg

Das Coronavirus und die Folgen für das Land Live-Blog zum Coronavirus in BW: Landesweite Inzidenz sinkt leicht auf 12,6

Das Coronavirus beeinflusst den Alltag der Menschen im Land. Im Live-Blog fassen wir die neuesten Entwicklungen rund um die Pandemie und die Beschränkungen zusammen.  mehr...

Verstöße gegen Priorisierung bei Corona-Impfungen Minister Lucha nennt Corona-Impfdrängler "schäbig"

Geimpfte genießen auch in Baden-Württemberg Vorteile. Manche Menschen verschaffen sich wohl deswegen einen Impftermin gegen das Coronavirus, ohne dazu berechtigt zu sein. Dieses "Drängeln" kritisiert nun Gesundheitsminister Lucha.  mehr...

STAND
AUTOR/IN