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Noch immer gibt es kein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Am Montag wird bekanntgegeben, welche Standorte in Deutschland grundsätzlich in Frage kommen. Auch Baden-Württemberg dürfte auf der Liste stehen.

Das Atomkraftwerk in Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) soll noch gut zwei Jahre laufen - dann ist Schluss mit der Atomenergie in Deutschland. Was bleibt, ist der strahlende Müll. Der muss in ein Endlager gebracht werden. In einem Zwischenbericht will die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Montag mögliche Gebiete für solch ein umstrittenes Depot nennen - Baden-Württemberg dürfte auf der Liste stehen. Die BGE forscht seit 2017 nach einem Standort für hoch radioaktiven Abfall und prüft zunächst geologische Gegebenheiten.

Endlager soll eine Million Jahre bestehen

Sicher sei nur eins, sagt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD): Niemand wolle den Müll bei sich zu Hause haben. Das Kriterium müsse sein, wo er am sichersten lagere.

"Niemand möchte das bei sich zu Hause haben."

Svenja Schulze (SPD), Bundesumweltministerin

Sicher bedeutet: Der Abfall muss an seiner Endstation eine Million Jahre liegen können, und zwar mindestens 300 Meter unter der Erde. Es muss sichergestellt sein, dass Erdbeben das Lager nicht beschädigen können, kein Wasser eintritt, keine Vulkane entstehen oder dass Bergwerke nicht die Stabilität beeinträchtigen. Zur Not müssen die Castorbehälter auch wieder zurückgeholt werden können - das soll 500 Jahre lang sichergestellt sein. Lagern soll der radioaktive Müll am besten in Salz, Granit oder Ton.

Ministerpräsident Kretschmann ärgert sich über Bayern

Ton gibt es in Baden-Württemberg jede Menge, und zwar in der Gegend rund um Ulm, übrigens auch auf bayerischer Seite. Dort hat die Landesregierung aber klargemacht, dass man den Abfall nicht haben wolle. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ärgert sich darüber: "Sowas in einen Koalitionsvertrag zu schreiben, geht wirklich überhaupt nicht."

Kretschmann ärgert sich nicht ohne Grund: Eigentlich hatte man sich darauf geeinigt, dass die Suche bundesweit läuft. Das sollte von Null an passieren, um nicht wieder die gleichen Fehler zu machen wie in der Vergangenheit, zum Beispiel beim möglichen Endlager im niedersächsischen Gorleben. Warum der Salzstock dort überhaupt als Endlager vorgeschlagen und dann ausschließlich weiterverfolgt wurde, konnte nicht einmal mehr ein Untersuchungsausschuss herausfinden. Möglicherweise war das auch eine rein politische Entscheidung, die es so nicht mehr geben soll. Deshalb soll es jetzt streng nach wissenschaftlichen Kriterien gehen.

In diesem Sinne plädiert Ministerpräsident Kretschmann weiterhin für die Haltung "Geologie vor Geografie". Es müsse nach fachlichen Kriterien das bestmögliche Gestein gewählt werden, so ein Regierungssprecher. Die Entscheidung dürfe nicht von der Frage abhängen, ob es geografisch in den Kram passe.

Eine Grafik zeigt Gebiete in Baden-Württemberg, die laut einer Berechnung der Umweltorganisation Greenpeace für ein Atommüll-Endlager in Frage kommen: rund um Ulm und zwischen der Schweiz und dem Bodensee. (Foto: SWR)
Laut einer Berechnung der Umweltorganisation Greenpeace kommen in Baden-Württemberg zwei Gebiete für ein Atommüll-Endlager in Frage: rund um Ulm und zwischen der Schweiz und dem Bodensee.

Umweltminister Untersteller: Noch keine Vor-Festlegeung

Vor der Bekanntgabe des Berichts hat Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) für eine besonnene Debatte geworben. Er rechne allerdings dennoch mit einer "gewissen Aufregung", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist vollkommen nachvollziehbar, immerhin geht der Suchprozess damit in die nächste konkretere Phase." Der Bericht der BGE ist laut Untersteller allerdings noch keine Vor-Festlegung auf ein Bundesland, eine Region oder gar einen Standort. Jetzt müssten sich alle Beteiligten an das vereinbarte transparente und streng wissenschaftliche Verfahren halten. "Wir haben nur diese eine Chance, die Endlagerproblematik zu lösen - die dürfen wir nicht verspielen", sagte der Minister.

Standort soll 2031 feststehen

In dem Zwischenbericht der BGE soll aber schon einmal genauer gesagt werden, welche Gegenden grundsätzlich geeignet sind oder welche vielleicht schon rausfallen. In der jetzigen ersten Phase wurden nur Daten ausgewertet, die schon vorliegen, zum Beispiel Karten oder Untersuchungen des Untergrunds. In der zweiten Phase wird dann genauer untersucht. Es wird gebohrt, und später werden dann auch Bergwerke gebaut. Erst 2031 soll ein Standort feststehen.

Schweiz könnte Endlager an Grenze bauen

Felix Schreiner wird die Bekanntgabe am Montag ganz genau beobachten. Er ist Bundestagsabgeordneter für die CDU im südbadischen Kreis Waldshut direkt an der Grenze zur Schweiz - und kommt damit aus einem Gebiet, das grundsätzlich in Frage kommt. Das wisse man aufgrund der Diskussion, die bisher in der Schweiz stattgefunden habe. "Und dann könnte natürlich die Situation eintreten, dass wir von beiden Seiten betroffen sind." Denn die Schweiz wird ihr Endlager höchstwahrscheinlich genau an die Grenze zu Deutschland bauen.

In Deutschland sollen am Montag bis zu hundert kleinere Gebiete ausgewiesen werden, in denen dann bis 2031 weiter geforscht wird. Wo auch immer das sein wird - es wird mit Sicherheit nicht ohne Proteste abgehen.

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