Lastwagen stehen nebeneinander auf einem Parkplatz an der Autobahn 5 (A5) an der Raststätte Breisgau in Baden-Württemberg- (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Patrick Seeger)

Sorge vor leeren Regalen und Fabrikhallen

Lkw-Fahrermangel in BW: Arbeitslose sollen Problem lösen

STAND

In Deutschland fehlen zehntausende Lkw-Fahrer. Weil man die aber dringend braucht, lassen die Arbeitsagenturen in BW jährlich mehr als 3.000 Arbeitslose zu Lkw-Fahrern ausbilden.

In Deutschland fehlen dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung zufolge 60.000 bis 80.000 Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer. Und das Problem wird immer größer. Jährlich wachse die Lücke um 15.000. Um den Mangel an Lastwagenfahrern zu mildern, lassen die Arbeitsagenturen und Jobcenter in Baden-Württemberg Jahr für Jahr mehr als 3.000 Arbeitslose zu Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrern ausbilden. "Dazu gehört die vollständige Berufsausbildung, mögliche Teilqualifizierungen sowie Führerscheinerwerbe und (beschleunigte) Grundqualifikationen", heißt es in einer Antwort des Wirtschaftsministeriums auf einen Antrag der FDP im Landtag. Zudem gehe es etwa um Zusatzqualifikationen, zum Beispiel für den Transport von gefährlichen Gütern.

In der Industrie gibt es besser bezahlte Jobs

Warum ist der Job als Lkw-Fahrerin oder Fahrer aber so unattraktiv? Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium hat als eine Erklärung, dass es in anderen Branchen schlichtweg mehr Geld zu verdienen gibt. In einer Stellungnahme des Ministeriums, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es, viele Fahrerinnen und Fahrer entschieden sich für besser bezahlte Jobs in der Industrie, wo sich auch Beruf und Familie leichter vereinbaren ließen als im Fernfahrerjob. Auch eine sich verschärfende Verkehrssituation mit vielen Staus und Baustellen sowie der Mangel an Stellplätzen an Hauptverkehrsachsen machten den Beruf unattraktiv.

Lkw-Fahrermangel auch in anderen EU-Staaten

Deutschland und Baden-Württemberg sind mit dem Problem des Lkw-Fahrermangels nicht alleine. Und das macht die Suche nach Fachpersonal zusätzlich schwierig. Ein Problem sieht das BW-Wirtschaftsministerium darin, dass es im Ausland keine entsprechende Berufskraftfahrerausbildung gibt und der Beruf nur selten im Rahmen einer geregelten und in Deutschland anerkennungsfähigen Ausbildung erlernt wird. Da die EU-Mitgliedstaaten ebenfalls Engpässe haben, sei man auf Menschen aus Ländern außerhalb der EU angewiesen. Dass Führerscheine nicht umgeschrieben werden könnten, erschwere hier das Anwerben von Berufskraftfahrern. Das trifft laut Wirtschaftsministerium auf Länder wie Kosovo, Albanien, die Ukraine und die Türkei zu.

Lkw-Führerschein aus Nicht-EU-Staaten wird nicht anerkannt

Bürokratische Hürden machen die Suche nach qualifiziertem Personal nicht leichter. Wer seinen Lkw-Führerschein außerhalb der EU gemacht hat, muss in Deutschland nochmal zur Prüfung. Genauso muss die Grundqualifikation für Berufskraftfahrerinnen und Berufskraftfahrer neu erworben werden. Diese Qualifizierungsmöglichkeit werde jedoch von Arbeitgebern in Deutschland wenig genutzt, da das Misserfolgsrisiko aufgrund der notwendigen Sprachkenntnisse und der Kosten von regelmäßig über 5.000 Euro für den Erwerb des Führerscheins und der Grundqualifikation möglicherweise als zu groß eingeschätzt werde, heißt es in dem Schreiben aus dem Wirtschaftsministerium.

Sprache weitere Hürde

Ein weiteres Problem ist die Sprache. Denn die Prüfungen müssen hierzulande ausschließlich in deutscher Sprache abgelegt werden. "Diese sprachlichen Hürden sind teilweise nur schwer zu überwinden", heißt es in dem Schreiben. Im vergangenen Jahr wurden in Baden-Württemberg laut Ministerium 238 neue Fahrerbescheinigungen für Fahrerinnen und Fahrer aus sogenannten Drittstaaten ausgestellt. Zum 31. Dezember 2020 seien 468 Fahrerbescheinigungen im Umlauf gewesen.

FDP fordert zum Handeln auf

Der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Christian Jung, forderte schnelle Maßnahmen. Der Mangel an Fahrern sei keine abstrakte Gefahr. "Wenn die Logistik-Kette reißt, dann bleiben Kühlschrank, Werkbank und Fabrikhalle leer." Der hohe Fachkraftstandard sei ein Hemmschuh erster Güte, weil es solche Ausbildungsberufe im Ausland oft nicht gebe, so Jung. Er forderte deutlich mehr Sprachförderung und das Sprachniveau in den erforderlichen Zusatzqualifikationen und Prüfungen auf eine einfache Sprache umzustellen. Er hält es für möglich, dass die Prüfungen auch in anderen Sprachen abgelegt werden können.

Rastanlagen sollen an Bedürfnisse von Lkw-Fahrern angepasst werden

In Deutschland ist der Bund generell für den Betrieb und die Ausstattung der Autobahnraststätten zuständig. Jung forderte aber auch die Landesregierung auf, sich für die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen einzusetzen. So könnte das Land aus seiner Sicht innovativ voranschreiten und zum Beispiel abseits der Autobahnen Übernacht-Stellplatzmöglichkeiten schaffen.

Die baden-württembergische Landesregierung will die Zahl der Stellplätze für Lkw erhöhen und auch sicherstellen, dass diese sicher und zum Beispiel mit Möglichkeiten zur Versorgung mit Lebensmitteln oder zum Duschen ausgestattet sind.

Mehr zum Thema

Baden-Württemberg

Drohen auch in Baden-Württemberg leere Tankstellen? LKW-Fahrer verrät: So schlecht sind die Arbeitsbedingungen

Leere Tankstellen, lange Schlangen - dazu hat der Kraftfahrermangel in England geführt. Auch in Baden-Württemberg fehlen 60-70.000 LKW-Fahrer:innen. Das sind die Gründe dafür.  mehr...

Baden-Württemberg

3G am Arbeitsplatz und Kundenkontakt Ungeimpfte LKW-Fahrer:innen: Drohen leere Supermarktregale?

Nicht-immunisierte Arbeitnehmer:innen müssen täglich einen negativen Corona-Test vorlegen — auch LKW-Fahrer:innen. In der Praxis führt das zu Problemen.  mehr...

Baden-Württemberg

BW-Logistikverband warnt Lkw-Fahrer verzweifelt gesucht - Krise in Großbritannien ein Weckruf?

Die Lieferkrise in Großbritannien könnte ein Weckruf sein. Nach Einschätzung des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg fehlen deutschlandweit bis zu 60.000 Lkw-Fahrer.  mehr...

STAND
AUTOR/IN