Beschmiertes Wandbild, das die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne mit einem blauem Davidstern zeigt (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Carsten Koall)

Diskriminierung im Land

Studie belegt: Antisemitismus gehört in BW für viele Jüdinnen und Juden zum Alltag

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Antisemitismus erleben jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger hierzulande fast jeden Tag - das belegt eine aktuelle Studie.

Laut einer Studie ist der jüdische Teil der Bevölkerung hierzulande in den verschiedensten Lebensbereichen von Antisemitismus betroffen. Studien-Co-Autor Daniel Poesgen nannte Antisemitismus "eine alltagsprägende Erfahrung" für viele Betroffene. Die Vorständin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Susanne Jakubowski, sagte bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Stuttgart, Antisemitismus sei "eine Art Hintergrundrauschen für jedwedes jüdisches Leben, das einen immerfort begleitet".

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Beleidigungen und Drohungen gegenüber jüdischen Menschen

Die Studie beschreibt exemplarisch Vorfälle, Übergriffe und Straftaten: So sei eine Frau mit einem Davidstern-Schmuckanhänger in einem Bus als "Judenhure" beleidigt worden, eine jüdische Schülerin habe berichtet, ihr sei in der Schule gedroht worden, sie gehöre "in die Gaskammer". Eine Mutter erzählte den Studienautoren, ihr sei bei der Grundschul-Abschlussfeier ihrer Tochter gesagt worden, "die Juden" seien mitschuldig am Holocaust.

Blumen vor der Synagoge in Ulm nach dem versuchten Brandanschlag am 4.6.2021. (Foto: SWR, Annette Schmidt)
Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge am 4. Juni 2021. Annette Schmidt

Diskriminierung in der Schule oder auf dem Wohnungsmarkt

Jüdinnen und Juden berichteten laut Studie auch davon, dass sie sich nicht mehr trauten, Zeichen ihres Glaubens offen zu tragen. Der Vorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suliman, sagte, zunehmend würden Familien aus Angst vor Anfeindungen ihre Kinder nicht mehr zu Gottesdiensten oder jüdischem Religionsunterricht schicken. Eine Frau erklärte, sie habe eine bereits zugesagte Mietwohnung nicht beziehen können, weil die Vermieterin Angst vor antisemitischen Angriffen auf ihre Immobilie gehabt habe.

Meldestelle registriert Anstieg von Handlungen gegen Juden

Der Sprecher der Jugendstiftung Baden-Württemberg, Günter Bressau, verwies auf Zahlen des Projekts "Meldestelle #Antisemitismus". Dort seien 2020 rund 200 und im ersten Halbjahr 2021 etwa 300 antisemitische Vorfälle gemeldet worden. Die allermeisten bezögen sich auf Online-Hetze. Der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Michael Blume, sieht eine "digitale Radikalisierung, die noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat".

Gehäuft würden im Netz die Corona-Pandemie und die Klimakrise zum Teil einer jüdischen Verschwörung erklärt. Besorgt äußerte sich Blume auch über den israelbezogenen Antisemitismus, wie er in Teilen der politischen Linken zu beobachten sei. Die gegen Israels Palästinapolitik gerichtete Boykott-Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) habe sich radikalisiert, bedauerte er.

Die Studie wurde vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (Rias) in Kooperation mit den Israelitischen Religionsgemeinschaften sowie mit dem Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus erarbeitet. Die Basis bildeten Befragungen von 20 jüdischen Bürgern. Auch wurden die Polizeistatistik und Informationen von zivilgesellschaftlichen Initiativen ausgewertet. Die Studie bezieht sich auf die Jahre 2014 bis 2018. In diesem Zeitraum erfasste die Polizeistatistik im Land 671 antisemitische Straftaten. Die Dunkelziffer und die Zahl von Vorfällen, die unterhalb der Schwelle einer Straftat fielen, seien sehr hoch, so die Studienautoren.

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