Interview mit Politikwissenschaftler

"Die Bundestagswahl ist für die CDU in Baden-Württemberg ein Alarmsignal"

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Politikwissenschaftler Andreas Wüst erklärt im Gespräch mit dem SWR, warum FDP und Grüne bei jungen Wählern in BW so beliebt sind und warum eine Ampel im Bund die grün-schwarze Landesregierung gefährdet.

Andreas Wüst (52) ist Professor für Politikwissenschaft an der Hochschule München. Zuvor war er Lehrbeauftragter am Institut für Sozialwissenschaften in Stuttgart und von 2011 bis 2018 als External Fellow am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung tätig. Sein Forschungsschwerpunkt ist die empirische Wahl- und Repräsentationsforschung. Wüst lebt in Karlsruhe und München.

SWR: Herr Wüst, der Landesvorsitzende der CDU, Thomas Strobl, hat von einem "schlimmen Ergebnis" für seine Partei gesprochen. Nicht nur im Bund, auch in Baden-Württemberg ist die CDU regelrecht abgestürzt und hat außerdem einige Wahlkreise verloren. Wie viel Mitschuld tragen Strobl und die Landes-CDU am Ergebnis?

Andreas Wüst: Die Schwäche der CDU in Baden-Württemberg ist sicher in erster Linie auf ihre Schwäche im Bund und ihren schwachen Kanzlerkandidaten zurückzuführen. Allerdings haben Strobl und der Landesverband Armin Laschet als Kandidat befürwortet oder zumindest mitgetragen. Da stellt sich schon die Frage, wie die CDU in Baden-Württemberg jetzt mit diesen Ergebnissen umgeht. Offensichtlich ist ja auch: Bei allen Wahlen der vergangenen 16 Jahre in Baden-Württemberg hat die CDU zunehmend an Stärke eingebüßt im Land und ist von den Grünen Schritt für Schritt überholt worden. Viele Wahlkreise konnte sie diesmal nur noch knapp verteidigen.

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Welche Konsequenzen muss die CDU aus ihrer Sicht aus dem Wahlergebnis ziehen?

Die CDU muss sich - zumindest im Bund - personell und inhaltlich neu aufstellen. Ich bezweifele stark, dass das in einer Jamaika-Koalition gelingen kann. Für die Union wäre es nicht unklug, wenn man die Ampel erstmal regieren lässt. Dann kann man eigene Sollbruchstellen in den eigenen Reihen schließen und sich in der Opposition erneuern. Ich glaube, das wäre die bessere Strategie für die Union.

Welche Folgen hätte eine Ampelkoalition im Bund für die Landesregierung in Baden-Württemberg? Ministerpräsident Kretschmann hatte sich nach der Landtagswahl ja gegen SPD und FDP und stattdessen für eine Koalition mit der CDU entschieden.

Wenn die Ampel im Bund zustande kommt, müssen die Grünen in Baden-Württemberg neu darüber nachdenken, ob man sich weiter an die CDU bindet. Die Mehrheit für eine Ampel in Baden-Württemberg ist ja da. Man kann also auch die Koalition wechseln. Grün-Schwarz erscheint mir zwar gerade als sehr stabile Verbindung, aber Winfried Kretschmann als treibende Kraft dieses Bündnisses wird nicht ewig Ministerpräsident bleiben. Daher wäre schon die Frage für seinen Nachfolger oder seine Nachfolgerin, ob sich die Grünen nicht doch für eine Ampel öffnen. Das ist natürlich -Stand heute - sehr viel Spekulation.

Auffallend bei der Bundestagswahl: Bei den jungen Wählern, insbesondere bei Erstwählerinnen und Erstwählern lagen FDP und Grüne auch in Baden-Württemberg klar vor allen anderen Parteien. Wie ist das zu erklären?

Die Jungen trauen FDP und Grünen offenbar sehr viel eher zu, die Probleme der Zukunft zu lösen - etwa den Klimawandel oder die Digitalisierung. Das ist ein Alarmsignal für CDU und SPD, die ja vor allem bei den älteren Wählern punkten. Es scheint sich also auf lange Sicht ein Wechsel der Parteienlandschaft anzubahnen mit einem neuen Gegensatzpaar. Auf der einen Seite die Grünen, die für staatliche Eingriffe und höhere Steuern werben. Auf der anderen Seite die FDP, die genau das Gegenteil will.

Es haben sich teilweise sehr junge Kandidatinnen in den städtischen Wahlkreisen in Baden-Württemberg durchgesetzt. In Freiburg etwa die erst 26-jährige Chantal Kopf von den Grünen. Sind das nur Ausreißer oder ein Trend?

Die Grünen sind traditionell erfolgreich in den Städten und bei Jüngeren. Ich denke auch der Erfolg von "Fridays for Future" hat dazu beigetragen, dass bei den Grünen teilweise sehr junge Kandidaten antreten durften - und eben teilweise auch erfolgreich waren. Hier zeigt sich sicher ein Wunsch nach politischer Veränderung in den Parteien und bei der Bevölkerung.

Die SPD hat nicht nur im Bund deutlich zugelegt, sondern auch in Baden-Württemberg. Wie ordnen Sie das ein?

Das ist sicherlich ein schöner Erfolg für die SPD in Baden-Württemberg. Allerdings war die Wahl eben keine Abstimmung über die Politik in Baden-Württemberg, sondern eine Bundestagswahl. Der Erfolg der SPD im Land ist also vor allem auf ihren starken Kanzler-Kandidaten Olaf Scholz zurückführen. Hinzu kommt, dass die SPD bei der Bundestagswahl 2017 sehr schlecht im Land abgeschnitten hat. Da war es so gesehen auch leichter und erwartbar, dass das Ergebnis diesmal besser ausfällt.

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