Ein Rebhuhn sitzt in einem Gehege des Zoologischen Gartens Wilhelma (Symbolbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sina Schuldt)

Gefährdete Vogelarten in Baden-Württemberg

Kaum Lebensraum übrig: Rebhuhn und Kiebitz sterben aus - Millionen-Programm gefordert

STAND

Feld- und Wiesenbrüter wie Rebhühner waren weit verbreitet. Heute sind sie in manchen Regionen Baden-Württembergs verschwunden - Naturschützer schlagen Alarm und fordern Hilfe.

Eine Naturschutz-Allianz warnt vor dem Verschwinden von Feld- und Wiesenbrütern wie Rebhühnern, Kiebitzen oder Braunkehlchen in Baden-Württemberg. Die bedrohten Vogelarten auf den Feldern müssen nach Ansicht der "Allianz für Bodenbrüter" - bestehend aus Naturschutzbund Deutschland (NABU), Landkreistag und Landesjagdverband - mit einem millionenschweren Programm vor dem Aussterben gerettet werden.

"Feld- und Wiesenbrüter zählen zu den am stärksten gefährdeten Vogelarten in Baden-Württemberg", sagte der NABU-Landesvorsitzende, Johannes Enssle, am Donnerstag in Stuttgart. Allerdings seien sie vor allem durch die zunehmend fehlenden Strukturen bei Feldern und Wiesen gefährdet - sie finden kaum noch Lebensraum.

Bodenbrüterprogramm auf jährlich rund sechs Millionen Euro geschätzt

Die grün-schwarze Landesregierung habe in ihrem Koalitionsvertrag ein Bodenbrüterprogramm versprochen. "Sie muss nun liefern", sagte Enssle. NABU, Landesjagdverband, die Ornithologische Gesellschaft und der Landkreistag schätzen die Kosten auf jährlich rund sechs Millionen Euro. Davon sollen nach Angaben des Landkreistages unter anderem vier Fachleute in jedem Regierungspräsidium bezahlt werden.

Die vierteilige Kombo zeigt Vögel, die zu den in Deutschland bedrohten Vogelarten gehören: Das Rebhuhn (links oben), die Feldlerche (rechts oben), und der Kiebitz (links unten) sind selten geworden. Die Großtrappe (rechts unten) ist sogar vom Aussterben bedroht. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Stefan Sauer, Roland Scheidemann, Andreas Neuthe, Thomas Schulze)
Rebhuhn (links oben), Kiebitz (links unten) und Feldlerche (rechts oben) sind in Baden-Württemberg wie in ganz Deutschland selten geworden. Die Großtrappe (rechts unten) ist sogar vom Aussterben bedroht. picture alliance / dpa | Stefan Sauer, Roland Scheidemann, Andreas Neuthe, Thomas Schulze

Baden-Württemberg würde ein Beschwerdeverfahren drohen

Aus Sicht der Verbände müssen mehrjährige Blühflächen angelegt und geschützt werden, es braucht Experten wie Vogelkundler vor Ort und die Landschaftserhaltungsverbände (LEV) als Schnittstellen zwischen Landwirtschaft und Naturschutz. "Wir müssen das Know-how in die Fläche bringen", sagte der Präsident des Landkreistages, Joachim Walter. Es sei zudem wichtig, die Landwirte ins Boot zu holen und sie für die Produktionsausfälle zu entschädigen, die durch das Umwidmen der Flächen anfielen. "Wir haben in unserer Feldflur eine Minute vor zwölf", warnte Landesjägermeister Jörg Friedmann. Er setzt sich unter anderem für ein Wegeverbot zur Brutzeit ein.

Auch rechtlich gebe es wegen des Rückgangs in den EU-Vogelschutzgebieten Handlungsbedarf. "Arten wie Kiebitz oder Rebhuhn sind nach EU-Recht streng geschützt", sagte Enssle. "Sollten ihre Bestände in Baden-Württemberg tatsächlich erlöschen, könnte das ein Beschwerdeverfahren bei der EU-Kommission zur Folge haben."

Rückgang durch Insektensterben, Bewirtschaftung und Bebauung

Rebhühner, Braunkehlchen und Kiebitze gelten als Verlierer einer immer intensiveren Bewirtschaftung von Ackerflächen sowie einer immer ausgedehnteren Bebauung. Sie finden in Baden-Württemberg wegen des Insektensterbens und der zunehmend fehlenden Strukturen von Feldern und Wiesen kaum noch Lebensraum und Nahrung. "Die Lücken sind riesig, in vielen Gebieten sind die Hühnervögel längst verschwunden, auch dort, wo sie einst sehr häufig waren", so Nabu-Landeschef. Selbst in Vogelschutzgebieten gehen die Bestände dramatisch zurück, beklagen die Verbände.

Die Tiere brauchen ein Mosaik aus offenen Grasflächen, um ausreichend Futter zu finden und sich vor ihren Feinden verstecken zu können. Doch ihr Lebensraum wird immer knapper. Strukturen wie Hecken oder Grabenränder gehen verloren und Rebhühner finden kaum noch Schutz. Sie werden an die Ränder der Felder gedrängt und können dort schneller von Füchsen aufgespürt werden. Wegen der Schädlingsbekämpfung gibt es zudem immer weniger Insekten. Sie dienen den Küken der Rebhühner aber als überlebenswichtige Nahrung.

Horb-Bildechingen

Akut vom Aussterben bedroht Monitoring: Rund um Horb die letzten Rebhühner suchen

Der Freudenstädter Wildtierbeauftragte Peter Daiker machte sich zusammen mit Freiwilligen auf die Suche nach Rebhühnern. Viele Tiere fanden sie nicht, denn ihr Lebensraum ist knapp.  mehr...

SWR4 BW aus dem Studio Tübingen SWR4 BW aus dem Studio Tübingen

Projekt versucht Rebhühnern wieder geeigneten Lebensraum zu bieten

Einen Hoffnungsschimmer für das Rebhuhn könnte es dennoch geben: Das Vogelschutzzentrum des Naturschutzbundes Mössingen (Kreis Tübingen) versucht in einem Projekt, Rebhühnern wieder geeigneten Lebensraum zu bieten - durch mehrjährige Blühbrachen zum Beispiel. Bislang werden im Land überwiegend einjährige Brachen gefördert. Für Rebhühner und viele andere Arten sind diese allerdings keine große Hilfe.

Der Kreis Tübingen gilt als eines der letzten Verbreitungsgebiete im Land. Das Projekt unter Trägerschaft des NABU-Vogelschutzzentrums Mössingen habe sich sehr gut entwickelt, sagte Kolja Schümann, Geschäftsführer des verantwortlichen Vereins "Vielfalt" (Verein für Inklusion, Erhaltung der Landschaft und Förderung des Artenreichtums im Landkreis Tübingen). Es zeige, dass es möglich sei, den weiteren Rückgang der Art zu stoppen und eine Trendumkehr zu erreichen.

Verein "Vielfalt": Landwirte müssen mitspielen

Wurden Mitte der 1980er Jahre noch rund 250 Reviere in der Region gezählt und im Jahr 2005 noch 70, so lag der Rebhuhnbestand 2015 bei nur noch 30 Revieren. Er hat sich seitdem vor allem durch das Projekt auf 51 Reviere (2021) erholt. "Auch wenn dies noch lange keine allein überlebensfähige Population ist, war das ein erster wichtiger Schritt dorthin", sagte Schümann.

Nach seinen Angaben müssen die Landwirte aber mitspielen. Es sei entscheidend gewesen, dass sie auf insgesamt etwa 60 Hektar mehrjährige Blühflächen angelegt hätten, viele beteiligten sich auch an der Heckenpflege. Allerdings läuft das auf fünf Jahre angelegte Projekt Ende des Jahres aus. Schümann zeigte sich zuversichtlich, dass ab dem kommenden Jahr Bundesmittel zur Verfügung stehen werden.

Bestände bis zu 92 Prozent eingebrochen

Die Bestände des Kiebitzes seien zwischen 1995 und 2020 um 92 Prozent eingebrochen, sagte Enssle am Donnerstag. Selbst Arten wie die Feldlerche verzeichneten in diesem Zeitraum Verluste von mehr als 70 Prozent. Nach Angaben der Deutschen Wildtier Stiftung sind die Rebhuhn-Bestände seit 1980 europaweit um 94 Prozent eingebrochen.

Mehr zum Thema:

Schefflenz

Konzertierte Aktion im Schefflenztal Das Rebhuhn soll (über)leben

Das Rebhuhn ist vom Aussterben bedroht. Im Schefflenztal haben sich deshalb Naturschützer, Landwirte und Jäger zusammengetan, um das Überleben der Vögel zu sichern. Auch die Behörden machen mit.  mehr...

Eriskirch

Schutz für gefährdete Ökosysteme in der Region Land kauft Moorflächen für Klima- und Naturschutz am Bodensee und in Oberschwaben

Das Land Baden-Württemberg hat Flächen erworben, die wichtig sind für den Natur- und Klimaschutz. Darunter sind auch viele Moorgebiete in Naturschutzgebieten in der Bodenseeregion.  mehr...

Feldberg

Stress für die Auerhühner Mehr Skitouristen am Feldberg: Ranger pochen auf Naturschutz

Auch im zweiten Corona-Winter stürmen die Skifahrer und Schneeschuhwanderer den Feldberg. Die Naturschutzwarte haben ein wachsames Auge.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
SWR