Eine Baggerschaufel schwebt über einem Eisenbahngleis. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Jan Woitas)

Wegen schlechter Baustellenplanung

Streckensperrungen zwischen Singen und Stuttgart - Bahn will Baustellen besser koordinieren

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Frieder Kümmerer
Frieder Kümmerer (Foto: privat)

Die Eisenbahnstrecke von Stuttgart nach Zürich ist besonders anfällig für Zugausfälle und Streckensperrungen durch Baustellen. Das zeigt eine aktuelle Analyse für das Jahr 2022.

An 19,5 Prozent der Tage ist die Eisenbahnstrecke, die Stuttgart über Singen (Kreis Konstanz) mit Zürich verbindet, im Jahr 2022 durch Baustellen unterbrochen. Das bedeutet, dass durchschnittlich an jedem fünften Tag Züge auf der Gäubahn nicht durchgängig verkehren, sondern Streckenabschnitte zum Beispiel durch einen Ersatzverkehr mit Bussen bedient werden müssen. Das hat eine Analyse des Bundestagsabgeordneten und bahnpolitischen Sprechers der Grünen-Fraktion, Matthias Gastel (Wahlkreis Nürtingen/Filder), ergeben. Wenn die Tage mit eingerechnet werden, an denen die Gäubahn nur an Randzeiten für einige Stunden unterbrochen ist, sei im Schnitt sogar jeder vierte Tag betroffen, sagte Gastel dem SWR. Darin seien auch die Baustellen bereits eingerechnet, die noch im verbleibenden Jahr anstehen werden.

Grund für die ständigen Zugausfälle auf der Gäubahn zwischen Stuttgart und Singen sind Bauarbeiten. SWR-Reporter Frieder Kümmerer fasst zusammen:

Baustellen werden nicht gut aufeinander abgestimmt

"Eine Streckenverfügbarkeit von 75 bis 80 Prozent ist viel zu gering, um einen verlässlichen Bahnverkehr anbieten zu können", kritisierte Matthias Gastel das Baustellenmanagement der Deutschen Bahn. "Baustellen müssen viel stärker gebündelt werden. Dies bedeutet, dass während einer Sperrpause mehr Arbeiten erledigt werden müssen statt für jede Maßnahme eine eigene Baustelle mit entsprechenden Sperrungen einzurichten." Jede Baumaßnahme sei notwendig, betonte Gastel. Aber gegenwärtig würden oftmals Streckenabschnitte mehrmals unterbrochen werden, weil verschiedene Arbeiten von unterschiedlichen Verantwortungsträgern der Bahn zu unterschiedlichen Zeitpunkten durchgeführt werden.

So wurden beispielsweise im Abschnitt zwischen Herrenberg (Kreis Böblingen) und Rottweil bereits 2017 Brückenarbeiten durchgeführt, was zu einer Sperrung der Strecke führte, ein Jahr darauf war der Abschnitt erneut mehrere Tage nicht befahrbar. Diesmal mussten Gleise und Weichen erneuert werden. Im Jahr 2021 folgten dann weitere Sperrungen zwischen Herrenberg und Horb, einmal um Weichen und Bahnsteige zu erneuern und später im Jahr noch einmal wegen Weichenerneuerung.

Matthias Gastel für die Grünen (Foto: matthias-gastel.de Fotograf Stefan Kaminski)
Der Verkehrspolitiker Matthias Gastel (Grüne) hat untersucht, wie oft im Jahr 2022 die Gäubahn wegen Baustellen unterbrochen ist. (Archivbild) matthias-gastel.de Fotograf Stefan Kaminski

Verkehrsclub Deutschland: "Gäubahn wird unattraktiv für Bahnreisende"

Auch der Vorsitzende vom Verkehrsclub Deutschland in Baden-Württemberg würde sich wünschen, dass mehr Baustellen auf der Zugstrecke zwischen Singen und Stuttgart gebündelt werden. "Für viele Fahrgäste ist die Gäubahn nicht mehr berechenbar", erklärte Matthias Lieb dem SWR. "Man weiß gar nicht: Kann ich gerade durchfahren oder ist gerade wieder eine Baustelle." Daher werde vor allem für Berufspendlerinnen und -pendler die parallel verlaufende Autobahn immer attraktiver.

"Man kann nicht feststellen, dass hier ein fahrgastorientiertes Bauen der Bahn stattfindet."

Die Eisenbahnstrecke von Stuttgart über Singen nach Zürich (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Felix Kästle)
Die Eisenbahnstrecke von Stuttgart über Singen nach Zürich, die sogenannte Gäubahn, ist für ihre landschaftlich schöne Streckenführung bekannt. Aber oftmals fallen Züge auf der Gäubahn aus. picture alliance/dpa | Felix Kästle

Bahn: "Bauen ist alternativlos"

Auf SWR-Anfrage teilte die Deutsche Bahn in Stuttgart mit, dass sich die Nutzungsintensität auf dem deutschen Schienennetz seit der Bahnreform 1994 bis 2021 um mehr als 60 Prozent erhöht habe. "Um die dringend erforderliche Modernisierung der Infrastruktur voranzutreiben, investieren Deutsche Bahn, Bund und Länder bereits auf Rekordniveau." Die hohe Nachfrage bei gleichzeitig vielen Baustellen führe aber auch zu Staueffekten und Unpünktlichkeiten. Wenn man Maßnahmen verschieben und mit anderen bündeln könne, tue man das. "Bauen ist alternativlos", so die Bahn weiter. "Die Schieneninfrastruktur muss modernisiert werden für mehr Wachstum und Klimaschutz." So beinhalte ein wichtiger Bauabschnitt auf der Gäubahn den Ausbau auf zwei Gleise zwischen Horb und Neckarhausen bis 2023. "Fahrgäste profitieren künftig von einem stabileren Fahrplan und mehr Kapazität."

Auch auf anderen Zugstrecken schlechte Koordination der Baustellen

"Die Probleme, die wir auf der Gäubahn beim Baustellenmanagement analysiert haben, die gibt es auch anderswo", erklärte Matthias Gastel dem SWR. Wenngleich das Ausmaß auf der Gäubahn besonders hoch sei. Auf der Zugstrecke Stuttgart-Tübingen habe man in den vergangenen Jahren ähnliche Probleme beobachten können. "Das muss nicht sein, das darf nicht sein. Baustellen müssen miteinander abgestimmt erfolgen." Das würde vor allem bedeuten, dass die verschiedenen Abteilungen der Bahn, die Baustellen planen und veranlassen, besser miteinander kommunizieren als bisher.

"Wenn die Baustellen koordiniert abgewickelt würden, statt wie bisher unabhängig hintereinander, könnte man die Anzahl der Sperrungen verringern. Das würde bedeuten: weniger Schienenersatzverkehr und mehr Verkehr auf der Schiene."

Durch das Bahnprojekt Stuttgart 21 wird es zu weiteren Baumaßnahmen an der Gäubahnstrecke kommen:

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Besserung in Sicht?

Für Matthias Lieb vom Verkehrsclub Deutschland ist klar: So kann es nicht weitergehen. "Man muss ganz generell an den Abläufen bei der Bahn was ändern." Man müsse sich überlegen, wie eine zukunftsfähige Bahn aussehen kann. Dem stimmt auch der Grünen-Politiker Matthias Gastel zu. Er gehört seit kurzem dem Aufsichtsrat der DB Netz AG und der Beschleunigungskommission Schiene der Bundesregierung an. "Ich renne da nicht gegen geschlossene Türen an. Die Erkenntnis ist da und das muss jetzt endlich auch in die Praxis umgesetzt werden."

Auch die Bahn selbst teilte dem SWR mit, dass Baustellen besser gebündelt werden sollen. "Die DB wird künftig gezielt die Generalsanierung hochbelasteter Korridore angehen. Dabei sollen alle notwendigen Baumaßnahmen der kommenden Jahre gebündelt werden." Dafür würden zwar Streckenabschnitte längere Zeit gesperrt werden, die Bauarbeiten würden dafür aber besser vorgeplant und könnten zuverlässiger durchgeführt werden. "Wichtig ist, dass nach Durchführung der Korridormaßnahme Baufreiheit für mehrere Jahre herrscht und dadurch positive Impulse für Kapazität und Qualität im gesamten Netz entstehen."

"Wenn wir Maßnahmen verschieben und mit anderen bündeln können, tun wir das. Kundenfreundliches und kapazitätsschonendes Bauen steht ganz oben auf unserer Agenda."

Immer wieder wird der Zugverkehr durch Instandhaltungsarbeiten und Baustellen unterbrochen. Die Bahn hatte im Frühjahr angekündigt, dass ab dem Jahr 2024 eine Generalsanierung des Streckennetzes anstehen werden. Bahnkundinnen und Bahnkunden müssten sich dann auf noch längere Streckensperrungen durch Baustellen einrichten.

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