Ein Supermarktregal ist gefüllt mit alkoholischen Getränken.  (Foto: IMAGO, IMAGO / Geisser)

Aktionswoche zur Alkoholprävention

Verändertes Verhalten beim Alkoholkonsum auch in Baden-Württemberg

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Über 130.000 Alkoholpatientinnen und -Patienten gab es 2020 in Baden-Württemberg. Um auf die Risiken von Alkohol für Kinder und Jugendliche hinzuweisen, findet die "Aktionswoche Alkohol" statt.

Eine Badewanne voll alkoholischer Getränke trinken die Menschen in Deutschland durchschnittlich pro Jahr - so eine Studie der Hauptstelle für Suchtfragen. Um auf die Risiken von Alkohol für Kinder und Jugendliche hinzuweisen, findet die bundesweite "Aktionswoche Alkohol" vom 14. bis 22. Mai auch in Baden-Württemberg statt.

Lucha: "Erwachsene sind auch beim Alkoholkonsum Vorbilder"

"Erwachsene sind oftmals Vorbilder für Kinder und Jugendliche - gerade auch beim Thema Alkoholkonsum. Wir sollten ihnen deshalb einen verantwortungsvollen Umgang vorleben", sagte der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) am Freitag. "Kinder und Jugendliche sind Nachahmer. Sie beobachten, wie Erwachsene mit Alkohol umgehen und wollen es ihnen gleichtun."

Rund neun Prozent der 12- bis 17-Jährigen trinken in Deutschland einmal pro Woche Alkohol. Etwa jeder siebte in dieser Altersgruppe (14,7 Prozent) berichtet von einem Trunkenheitserlebnis im letzten Monat, so eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2019. Auch steigt das Risiko für eine spätere Alkoholabhängigkeit bei frühem und regelmäßigem Konsum.

Baden-Württemberg steht vergleichsweise gut da

Im Ländervergleich steht Baden-Württemberg noch verhältnismäßig gut da. Auf 100 Einwohner kommen im Jahr 2020 "nur" 1,2 Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit. Das zeigen Zahlen vom BARMER Institut für Gesundheitsforschung in Berlin. Rheinland-Pfalz hat als einziges Bundesland einen geringeren Wert (1,1). Allerdings ist in Baden-Württemberg die Zahl der Patientinnen und Patienten mit Alkoholabhängigkeit in Baden-Württemberg die letzten Jahre angestiegen. 2020 ist die Zahl erstmals etwas zurückgegangen, da waren es knapp über 130.000.

Das zeigt sich auch bei bei Jugendlichen in Baden-Württemberg: Im Jahr 2020 wurden weniger wegen Alkoholkonsum im Krankenhaus aufgenommen. Das teilte das Statistische Landesamt Baden-Württemberg Anfang März mit. Eine Ursache für den deutlichen Rückgang könnte nach Einschätzung der Statistiker die Corona-Pandemie gewesen sein: Weil es weniger Partys gab und Klubs längere Zeit nicht offen hatten, hätten möglicherweise bei Jugendlichen die Anlässe gefehlt, Alkohol zu trinken.

Forscher stellen fest: Trinkverhalten hat sich verändert

Aber auch insgesamt hat sich das Trinkverhalten verändert, sagt Professor Hasso Spode. Er forscht als Historiker und Soziologe zur Kultur- und Sozialgeschichte des Alkoholkonsums. Das Klischee vom Bauarbeiter mit der Bierflasche in der Hand sei zum Beispiel schon lange überholt. "Wir erleben eine deutliche Ernüchterung der Arbeitswelt. Das ist ein Trend, der in der freien Wirtschaft schon in den 1980er-Jahren eingesetzt hat. Gerade im Handwerk ist Alkohol ziemlich verpönt."

Hören Sie hier das gesamte Interview mit Hasso Spode zum Thema Alkoholkonsum mit SWR Aktuell-Moderator Jonathan Hadem:

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In der Freizeit werde allerdings weiter getrunken. Es hätten sich "Enklaven entwickelt, wo Rauschtrinken in der Öffentlichkeit noch erlaubt ist." Das bekannteste Beispiel sei Fastnacht oder Karneval. "Wenn Sie von Bonn nach Köln mit der Straßenbahn fahren, rollen die Flaschen durch den Gang. Da ist das noch erlaubt."

Die Phasen im Umgang mit Alkohol

"Die Forschung hat gezeigt, dass es im Umgang mit dem Alkohol ein stetes Auf und Ab gibt", erklärt Spode. Alle 20 bis 40 Jahre würde das Verhalten beim Alkoholkonsum kippen. "Vom fröhlichen Suff dann wieder zum schlechten Gewissen. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: vom Hedonismus zum Asketismus."

In der Phase des Asketismus würde sich die Gesellschaft aktuell befinden. Allerdings sei schwer zu sagen, wie lange diese anhalten wird. Vielleicht 50 oder 60 Jahre. "Auslöser, dass das gesellschaftliche Klima kippt, sind meistens große Katastrophen. Und wir leben in einer Zeit, die im Moment nicht ganz ohne diese Katastrophen auskommt." Wenn diese überwunden sind, könnte es sein, dass auch der Alkoholkonsum wieder in eine Phase des Aktionismus und der fröhlichen Feierei kippt. Ähnlich wie vor rund 100 Jahren, als man die Überwindung des ersten Weltkriegs in den sogenannten goldenen 20er-Jahren feierte.

Aktionswoche "Alkohol"

Die Aktionswoche "Alkohol? Weniger ist besser!" findet in der Regel alle zwei Jahre statt. Vom 14. bis 22. Mai 2022 wird die bundesweite Präventionskampagne bereits zum achten Mal aufgelegt. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) und das Blaue Kreuz Deutschland e.V. (BKD) organisieren die Aktionswoche Alkohol 2022. Der thematische Schwerpunkt liegt dieses Mal im Bereich der Sucht-Selbsthilfe. In Baden-Württemberg wird unter anderem mit einer Plakatkampagne auf die Aktion und auf Aufklärungsangebote aufmerksam gemacht.

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