STAND

"Bitte leise", so der Appell des ADAC an Motorradfahrende. Dieser soll gegen Motorenlärm helfen. Die Polizei Baden-Württemberg hat unterdessen mehr Kontrollen angekündigt.

Immer wenn die ersten Sonnenstrahlen den Frühling einläuten, wird es auf den besonders schönen Landstraßen in Baden-Württemberg laut. Anwohner beliebter Motorradrouten haben deshalb schon länger die Nase voll. Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer fühlen sich hingegen vom Protest gegängelt und missverstanden. Der Automobilclub ADAC will jetzt Streitschlichter sein und wirbt unter den Motorradfahrenden für Rücksichtnahme.

Video herunterladen (3,2 MB | MP4)

Gut 200 Schilder werben für Rücksichtnahme

Mit mehr als 200 großflächigen Schildern wollen der Autoclub, das Innenministerium Baden-Württemberg und die Aktion "Gib acht im Verkehr" Motorradfahrende dazu bringen, verstärkt an Anwohner und Erholungssuchende zu denken, die unter dem Lärm der teils überlauten Maschinen leiden. Eröffnet wird die Kampagne unter anderem von Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz. Die Aktion ist ein weiterer Versuch, Anwohner und Motorradfahrer zu versöhnen. Denn viele Gemeinden an den Biker-Strecken wollen den Motorradlärm nicht länger hinnehmen.

Hinweistafel des ADAC gegen Motorradlärm (Foto: SWR)
Die Aktion wirbt bei den Bikerinnen und Bikern um Rücksichtnahme.

160 Orte und Kreise mobilisieren gegen Motorradlärm

Anwohner protestieren schon lange gegen Motorradlärm. Rund 160 Orte und Kreise umfasst inzwischen die "Initiative Motorradlärm" der Landesregierung. Sie sind sich einig: So kann es nicht weitergehen. Sie fordern Rücksicht - und notfalls auch Verbote. Als Lärm-Hotspots in Baden-Württemberg gelten der Schwarzwald, die Schwäbische Alb, der Odenwald sowie die Löwensteiner Berge bei Heilbronn und die Bergstraße in Nordbaden.

An sogenannten Brennpunkten kontrolliert die Polizei verstärkt und geht gegen Raser vor. Dabei wird auch auf technische Manipulationen an Auspuffanlagen geachtet. Im Rahmen des ersten Aktionswochenendes der Polizei zum Saisonauftakt nehmen landesweit 600 Polizisten auffällige Motorräder unter die Lupe.

Topographie verstärkt Motorengeräusch

Allein im nördlichen Schwarzwald sind nach ADAC-Schätzungen an Sommertagen zwischen 3.000 und 6.000 Bikerinnen und Biker unterwegs. Der Lärmschutzbeauftragte der Landesregierung, Thomas Marwein (Grüne), beobachtet zudem immer lautere Maschinen vom Werk her. Teils verstärke aber auch die Topographie das Motorengeräusch. "Bei einer Tallage mit Steilwänden herum schallt der Lärm direkt in den Ort zurück."

Das kommt dann schnell Lärmbelästigung gleich. Laut Umweltbundesamt sollte ein Lärmpegel von 65 Dezibel am Tag und 55 Dezibel in der Nacht nicht überschritten werden. Bei einer Messung an der Bundesstraße 39 bei Löwenstein (Kreis Heilbronn) war laut Verkehrsministerium jedes zweite Motorrad mit 87 Dezibel oder lauter unterwegs.

Gesundheitsschäden durch Motorenlärm

Wer nahe einer Biker-Strecke wohnt, leidet nach Angaben des Lärmschutzbeauftragten der Landesregierung nicht selten unter Lärm von bis zu 100 Dezibel. "Das entspricht einem Presslufthammer."

Lärmmessungen in Baden-Württemberg Motorräder deutlich lauter als andere Fahrzeuge

Motorradlärm sorgt in Baden-Württemberg immer wieder für Konflikte. Im vergangenen Sommer hat das Land deshalb Lärmmessgeräte aufstellen lassen. Nun wurden die Ergebnisse analysiert.  mehr...

"Motorräder müssen leiser werden", fordert Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne)." Sollte die Kampagne samt Appell und gutem Zureden nichts nützen, soll laut Hermann künftig härter durchgegriffen werden. "Rücksichtsloses Fahren muss deutliche Folgen haben", sagt der Verkehrsminister. "Wer sich nicht an die Regeln hält, wird konsequent kontrolliert und angezeigt", ergänzt Innenminister Thomas Strobl (CDU) - "saftige Bußgelder inklusive".

Dafür seien aber auch neue Regelungen von der Bundesregierung nötig. Hermann beispielsweise fordert eine Lärmobergrenze, diese dürfe ein Motorrad in keinem Fahrzustand überschreiten. Diskutiert wird im Bundesrat aber auch über Fahrverbote nach dem "Tiroler Modell". In Österreich sind für laute Maschinen einige Bergstraßen von Juni bis Oktober gesperrt.

Verband: Mehrzahl der Motorradfahrer hält sich an Regeln

Der Bundesverband der Motorradfahrer unterstreicht, dass sich "die überwiegende Mehrzahl der Motorradfahrer" an Regeln halte. Bernd Obrecht, Motorradfahrer aus Freiburg und Vertreter des Motorradclubs "Kuhle Wampe", sagte bei einer Online-Diskussion, mit Streckensperrungen nur für Motorräder sei sein Verein nicht einverstanden. Damit würden alle für einige "schwarze Schafe" bestraft. Die meisten Motorradfahrer seien ordnungsgemäß unterwegs, meint auch der ADAC. Sie sollten nicht wegen einzelner Ausreißer benachteiligt werden. Schließlich sorgten auch sogenannte Auto-Poser für Frust bei Anwohnern.

Zahl der Motorräder erreicht neuen Höchststand

In Baden-Württemberg gibt es immer mehr Motorräder. Seit 2011 stieg die Zahl der Neuzulassungen laut Statistischem Landesamt um 22 Prozent auf fast 700.000 im vergangenen Jahr. Ein neuer Höchststand - in den letzten 50 Jahren hat sich der Bestand fast verzwanzigfacht, so der ADAC.

Mehr zum Thema

Laute Motorräder Warum gibt es bei uns keine Lärmblitzer?

Wer zu schnell unterwegs ist, kann mittels Blitzer erwischt werden. Wer aber mit einem zu lauten Fahrzeug unterwegs ist, für den sieht das anders aus. Denn sogenannte Lärmblitzer kommen in Deutschland nicht zum Einsatz.  mehr...

Karlsruhe

Jahrelanger Streit zwischen Bikern und Anwohnern Landesweite Kampagne gegen Motorradlärm im Nordschwarzwald gestartet

In Forbach ist mit großen Hinweistafeln eine landesweite Kampagne gegen Motorradlärm gestartet worden. Außerdem kontrolliert die Polizei am Wochenende in einer landesweiten Aktion Motorradfahrer.  mehr...

10. Juli - SWR1 Thema heute Motorradfahrverbote in Deutschland – Völlig übertrieben?

Den Bikern macht’s Spaß – aber am Wochenende werden wieder viele Anwohner der schönen Fahrstrecken im Land unter Motorradlärm leiden. Jetzt diskutiert der Bundesrat Fahrverbote.  mehr...

STAND
AUTOR/IN