Zukunft britischer Unternehmen in Europa Hat Baden-Württemberg die Brexit-Chance verpasst?

Vor dem Brexit verlagern viele britische Unternehmen ihren Standort in andere europäische Länder. Baden-Württemberg habe bisher nicht genügend getan, um diese im Land anzusiedeln, kritisiert die BW-FDP.

Damit sei eine Chance verpasst worden, sagt der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Erik Schweickert. Die Niederlande haben am erfolgreichsten in Europa um britische Firmen geworben. Seit 2018 haben sich dort 42 Unternehmen aus Großbritannien angesiedelt, um die Folgen des Brexit abzufedern.

Die baden-württembergische und die britische Flagge nebeneinander montiert (Foto: Colourbox)
Könnten mehr britische Unternehmen seit dem Referendum ihren Firmenhauptsitz in Baden-Württemberg haben? (Montage: SWR)

FDP: Standortbedingungen in BW zu schlecht

Nach Baden-Württemberg dagegen habe seit dem Brexit-Referendums kein einziges Unternehmen aus dem Königreich seinen Hauptsitz verlagert. "Wenn wir uns die Fakten anschauen, dann muss man sehen, dass wir seit 2016 in Großbritannien durch die Brexit-Diskussion unsichere Standortbedingungen haben", sagt Schweickert. Auch hätte sich die Zahl der jährlichen Neuansiedlungen (Filialen von britischen Unternehmen) in Baden-Württemberg seit dem Referendum nicht signifikant erhöht. "21 Unternehmensansiedlungen in 2015, nach dem Referendum seit 2016 gerade einmal 60. Das heißt, da hat sich nichts getan."

Wirtschaftsministerium widerspricht

Das Wirtschaftsministerium sieht das anders und verweist darauf, dass Großbritannien bei den Firmen-Niederlassungen im internationalen Vergleich auf Rang vier in Baden-Württemberg liegt. Dagegen belegen die Briten beim Export aus dem Land nur den sechsten Platz. Allein auf den Hauptsitz zu schauen, greife zu kurz, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) und sieht die 60 Neuansiedlungen als Erfolg. "Das ist eine positive Entwicklung vor allem auch im Vergleich zum Handelsvolumen, das Baden-Württemberg mit Großbritannien hat."

Noch sei der Brexit nicht vollzogen, sagt die Ministerin. Und so lange nutze Baden-Württemberg mit seiner Technologieführerschaft die Chance, für weitere Neuansiedlungen aus Großbritannien zu werben. "Baden-Württemberg hat Alleinstellungsmerkmale im Bereich Mobilität, auch im Maschinen- und Anlagenbau, auch in der Gesundheitswirtschaft, wir haben kurz nach dem Referendum eine Kontaktstelle im Wirtschaftsministerium eingerichtet. Und wir haben bei unserer Landesagentur 'Baden-Württemberg international' Personal abgestellt, um für den Standort Baden-Württemberg zu werben."

IHK: Digitale Infrastruktur muss sich verbessern

Die Werbetrommel zu rühren genügt aber möglicherweise nicht mehr. Was ist in den Niederlanden für britische Firmen attraktiver als in Baden-Württemberg? Günther Gülker von der IHK-Außenhandelskammer in Den Haag macht vor allem die Standortbedingungen für die Attraktivität der Niederlande verantwortlich: "Die Niederlande haben unlängst noch mal die Körperschaftssteuer gesenkt, die Infrastruktur ist Eins A, vor allem die digitale. Das sind gute Gründe für Unternehmen, sich in den Niederlanden niederzulassen."

Funklöcher und lahmes Internet sind dagegen echte Investitions-Hindernisse. Der IHK-Experte empfiehlt dem Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg daher, die Standortbedingungen zu verbessern. Insbesondere bei der Digitalisierung. "Es ist allerhöchste Zeit, dass wir die digitale Infrastruktur in ganz Deutschland schnell verbessern. Das hat sich zu einem wirklich deutlichen Standortnachteil entwickelt. Da muss weiterhin Druck gemacht werden. Der Wettbewerb ist schärfer geworden, er wird auch noch viel schärfer werden."

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