Firmengebäude Marquardt in Rietheim (Foto: Pressestelle, Marquardt GmbH)

Wie spürbar ist der Abschwung? Kleiner Ort Rietheim in großer Sorge

Der Autozulieferer Marquardt ist in Rietheim im Landkreis Tuttlingen der größte Arbeitgeber. Der Ort wird von dem Familienunternehmen geprägt und ist in vielem von ihm abhängig.

Marquardt ist eigentlich überall in Rietheim: Gleich am Ortseingang stehen die ersten Firmenschilder, vor Dutzenden Häusern und Produktionshallen wehen Fahnen mit dem türkisen Marquardt-Schriftzug, auf riesigen Parkplätzen stehen die Autos der Mitarbeiter. In der Mitte des Dorfes – genau gegenüber vom Rathaus und von der Kirche – hat das Unternehmen kürzlich ein großes, modernes Forschungs- und Entwicklungszentrum gebaut.

Neues Firmenzentrum, aber Jobs werden ins Ausland verlagert

Auf das schaut Bürgermeister Jochen Arno immer, wenn er sich einen Kaffee holt. Momentan ist allerdings seine Freude über das neue Firmenzentrum getrübt. Marquardt wird in Rietheim bis zu 600 Stellen streichen, vor allem in der Produktion. Die Jobs werden ins Ausland an die Marquardt-Standorte in Rumänien, Mazedonien und Tunesien verlagert.

Dauer

Eine Katastrophe für viele in Rietheim. Von den 2.800 Einwohnern arbeiteten etliche beim Autozulieferer, sagt Gemeinderat Richard Hartelt. Er hat aus der Zeitung von dem geplanten Jobabbau erfahren. Für den Gemeinderat war die Zahl 600 ein Schock. 600 weniger Arbeitsplätze in Rietheim, das sei schon eine Hausnummer.

"Natürlich kann es Familien stark treffen, wo Mann und Frau – vielleicht sogar drei Personen aus einem Haushalt – bei der Firma Marquardt schaffen."

Gemeinderat Richard Hartelt

Momentan sind 2.500 Menschen beim Autozulieferer in Rietheim angestellt. Eine Frau erzählt dem SWR, dass sie und auch ihr Sohn bei Marquardt arbeiten. Derzeit habe sie ein richtig ungutes Gefühl. Gekriselt habe es schon öfters, Höhen und Tiefen habe sie mitgemacht. Nun fragt sie sich: Trifft es einen früher oder später - oder trifft es einen nicht?

Rietheim von oben betrachtet (Foto: SWR)
Von den 2.800 Einwohnern in Rietheim im Faulenbachtal arbeiten viele bei dem Autozuliefer Marquardt.

Gewerbesteuereinnahmen abhängig von Autobranche

Wenn die Gewerbesteuer von Marquardt zurückgehe, werde es bitter mit der Finanzplanung, sagt Bürgermeister Jochen Arno. Er erinnert sich noch an das Jahr 2009. Da war der Autozulieferer in der Krise, die Gewerbesteuereinnahmen brachen ein. Und auch sonst hängt vieles in Rietheim von Marquardt ab: Viele Mitarbeiter suchen nach Bauplätzen, brauchen eine Kindergartenbetreuung, und die Kinder gehen im Ort in die Schule. „Die gesamte Infrastruktur wird auf das Unternehmen aufgebaut“, so Arno. Aktuell plant die Gemeinde, ein neues Baugebiet zu erschließen – unter anderem für neue und jüngere Beschäftigte des Autozulieferers.

Marquardt liegt direkt neben Kirche und Rathaus in Rietheim (Foto: SWR, Geli Hensolt)
Die Firmengebäude von Marquardt liegen direkt neben Kirche und Rathaus in Rietheim. Geli Hensolt

Neue Jobs - aber nicht für alle

Bürgermeister Jochen Arno rechnet damit, dass in nächster Zeit einige Marquardt-Beschäftigte bei ihm im Rathaus vorbeischauen und Fragen stellen. Arno will versuchen, sie zu unterstützen. Es gebe ja auch noch andere Jobs in der Region. Marquardt selbst will nicht nur Stellen streichen, sondern auch neue schaffen im neuen Forschungs- und Entwicklungszentrum. Die Mitarbeiter aber, deren Stellen in der Produktion wegfallen, finden dort aber vermutlich keinen neuen Job.

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