Abzeichen Uniter (Foto: SWR)

Umstrittenes Soldatennetzwerk "Uniter" Gefährlich oder nur geheimnisvoll?

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Nach mehreren rechtsextremistischen Vorfällen befindet sich das Soldatennetzwerk Uniter im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Ist hier eine "Schattenarmee" entstanden, die einen Umsturz plant? 

Eine Medaille hat zwei Seiten. Nicht viel anders ist es bei dem umstrittenen Soldatennetzwerk Uniter. Der Verband rühmt sich, hilfsbereit, kameradschaftlich und sozial zu sein und ist gleichzeitig verschlossen, verschworen und geheimnisvoll. Aber ist er deswegen auch gefährlich? Nach mehreren rechtsextremistischen Vorfällen, die auch den Bundeswehr-Eliteverband "Kommando Spezialkräfte" (KSK) im baden-württembergischen Calw betrafen, geriet vor allem das als Verein organisierte Uniter-Netzwerk in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Ist hier in den vergangenen Jahren eine geheimnisvolle "Schattenarmee" entstanden, in der es Pläne für einen politischen Krisenfall in Deutschland gibt oder der sogar einen Umsturz plant? 

Medaille von Uniter (Foto: SWR)
Die zwei Seiten der Uniter-Coin

Recherchen des ARD-Hauptstadtstudios und des SWR liefern dafür keine Anhaltspunkte. Ein Blick in den Verein zeigt eine für Zivilisten durchaus befremdliche Welt von Uniform- und Waffenfreunden, sowie Menschen mit ausgeprägtem Sicherheitsbedürfnis. Zu einem großen Teil haben sie früher in den Spezialkräften von Polizei und Bundeswehr gedient. Auch ein Geschäftsmodell ist Uniter. Denn viele Mitglieder arbeiten heute in der privaten Sicherheitsbranche. Man schiebt sich gegenseitig Aufträge zu, sagt ein Insider. Misstrauen erregt auch die militärisch anmutende Organisationsform von Uniter und die Tatsache, dass der Verein Leistungsabzeichen, Einsatz- und Verdienstorden an seine Mitglieder vergibt. Eine Staatsgefährdung ist bislang jedoch nicht zu erkennen. Ein hochrangiger Vertreter von Uniter äußert sich im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio und dem SWR. 

"Selbsthilfeverein für Integration in Arbeitsmarkt"

Marco D’Arcangelo ist "Distriktleiter Süd" bei Uniter und war früher acht Jahre lang Soldat in einer "Spezialverwendung". Zu den Zielen des Vereins sagt er: "Eine Schattenarmee sind wir definitiv nicht. Wir machen auch keine verborgenen Missionen oder sonst irgendwas", der Verein sei vor allem dazu da, Soldaten und Polizisten aus Spezialeinheiten und nach Auslandseinsätzen die Integration in den zivilen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Man sei nicht rechtsextrem, sondern "unpolitisch".  

Marco D’Arcangelo (Foto: SWR)
Marco D’Arcangelo ist „Distriktleiter Süd“ bei Uniter

Fragt man Marco D’Arcangelo, ob Mitglieder seines Vereins einer Partei angehören, fällt ihm ein Mitglied "von der SPD" ein. Sonst niemand. Und auch über die Motivation seiner Mitglieder müsse man sich keine Sorgen machen, so D’Arcangelo: "Wir haben keine Leute, die aus Unzufriedenheit mit der Gesellschaft zu uns kommen. Es sind meist sehr ausgeglichene Menschen bei uns". Allerdings sei es für frühere Soldaten und Polizisten aus Spezialeinheiten oft schwer, Jobs in zivilem Umfeld zu bekommen, sagt der frühere Elitesoldat: "Die Leute kommen auf den zivilen Markt und was passiert dann? Die Konzerne, die wissen gar nicht, was sie mit einem Soldaten anzufangen haben, was der Soldat aus der Truppe mitbringt ins zivile Leben. Es wird nicht gesehen und es wird teilweise auch nicht geschätzt in der Gesellschaft und da bieten wir natürlich auch ein Auffangbecken."

Wofür steht Uniter wirklich?

Wofür Uniter aber wirklich steht und was der Verein sein will, ist schwer zu sagen. Zwar bietet Uniter neben allen möglichen, auch karitativen Veranstaltungen und Projekten auch Überlebens- oder auch Schießtraining an. Über eigene Waffen oder gar Waffendepots verfügt der Verein nach eigenem Bekunden jedoch nicht. Allerdings gebe es zahlreiche „Berufswaffenträger“ unter den Mitgliedern, also Personen, die dienstlich und mit Genehmigung Schusswaffen führen. Der Verein redet besonders gerne über sein soziales Engagement, wie ein Obdachlosenprojekt, oder über interkulturelle Seminare, wie Benimmkurse im Ausland. Oder über sein Vorzeigeprojekt, die „Medical Response Unit“. Dabei geht es um die medizinische Versorgung von Verletzten in Gefahrenlagen, beispielsweise bei gewalttätigen Ausschreitungen. Das ist unverfänglicher, als zu erklären, warum man den Mitgliedern Seminare zum Packen eines Überlebensrucksacks oder für Nahkampf anbietet. 

KSK-Soldat (Foto: dpa Bildfunk, Franziska Kraufmann)
Soldat einer Eliteeinheit der Bundeswehr Franziska Kraufmann

Stuttgart, an einem Samstagabend im Januar: Der Uniter-Verband für Süddeutschland trifft sich zum Neujahrsempfang in einem italienischen Restaurant. Es wird eine gewisse Förmlichkeit gepflegt, Dresscode inklusive: „gerne ist auch die UNITER Anzugsordnung erwünscht (UNITER Krawatte / Erkennungszeichen)“, heißt es in der Einladung. Fotos oder Filmaufnahmen sind dagegen unerwünscht, man möchte unter sich bleiben. „Wer gefilmt wird muss sich darüber im Klaren sein, dass er Leib und Leben von sich und seiner Familie riskiert“, heißt es zur Begründung. Denn in den sozialen Medien seien „Drohungen von linken Aktivisten ausgestoßen [worden], die an Deutlichkeit kaum zu übertreffen sind“. Auf dem Empfangsprogramm stehen Themen wie „Tauchsport, Reitsport, Dance Academy und Kids“, aber auch „Mega Marsch“ und „Jobs & Security“. 

Filmaufnahmen unerwünscht

Fernsehaufnahmen auf der Straße vor dem Lokal werden nicht gerne gesehen, einzelne Besucher werden handgreiflich. Districtleiter Marco D’Arcangelo versucht zu vermitteln – aber auch, die Bedingungen für Interviews zu bestimmen. Einzelne Mitglieder äußern sich trotzdem, sprechen vom Wunsch nach Zusammengehörigkeit und Freude an der Kameradschaft. Dabei fällt auf: Viele Teilnehmer haben erkennbar selbst einen Migrationshintergrund.  

Einer fehlt an diesem Abend: André S., genannt „Hannibal“, lässt sich nicht in Stuttgart sehen. Er ist Vizechef des gesamten Uniter Verbands– und gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Er soll bei der Bundeswehr „Teile einer Übungshandgranate“ gestohlen haben. Herausgekommen ist das bei einer Dursuchung bei „Hannibals“ Eltern, die der Generalbundesanwalt im Zusammenhang mit einer möglichen rechten Terrorzelle um den Offizier Franco A. durchgeführt hat.

Duboise Rolle des André S. alias "Hannibal"

„Hannibal“ war Zeuge in dem Verfahren, der Fund strafrechtlich eher eine Lappalie. In einzelnen Medienberichten hieß es gar, es sei eine Kiste Übungsmunition bei ihm gefunden worden. Das stimmt jedoch nicht. Doch André S. ist noch aus zwei anderen Gründen interessant: Er soll eine „Auskunftsperson“ des Bundeswehr-Geheimdienstes MAD innerhalb des Spezialverbandes KSK gewesen sein und gleichzeitig mehrere Chatgruppen geführt haben, in denen auch rechte Parolen und staatliche Untergangsszenarien verbreitet worden sein sollen. André S. behauptet, es sei vor allem darum gegangen, militärische Lagebilder zu verbreiten. Eine Möglichkeit zur Diskussion habe es in den Chatgruppen nicht gegeben. Dass Franco A. in einer dieser Gruppen war, sei ihm erst bewusst gewesen, nachdem dieser verhaftet worden sei. Daraufhin löschte André S. die Chats. 

Ein Interview gibt „Hannibal“ nicht. Weil er immer noch Geheimhaltungspflichten der Bundeswehr unterliege, sagt er. Doch die Vorwürfe der rechten Gesinnung bestreitet er. Hat er ganz andere Motive?

Ein früherer Kamerad hält André S. für eher unpolitisch. Im Interview mit dem SWR sagt der Soldat, er halte André S. für den eigentlichen Strippenzieher des Vereins Uniter. S. sehe in dem Verein ein Geschäftsfeld: „Bei knapp 2000 Mitgliedern, die jeder 50 Euro Beitrag zahlen, kommen da schon fast 100.000 Euro zusammen. Der Rummel um Uniter dürfte dem Verein in dieser Hinsicht gut gefallen. Nach der Berichterstattung über die vermeintliche „Schattenarmee“ habe man einen ungeheuren Zulauf an Mitgliedern, heißt es aus dem Verein.

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