junge männer in jogginghosen (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Kleiderordnung in Schulen Psychologe: Es gibt zentralere Probleme als Jogginghosen

Eine Realschule in Rottenburg verbietet Jogginghosen. Der Freiburger Entwicklungspsychologe und Jugendforscher Klaus Fröhlich-Gildhoff meint: Es gibt Wichtigeres als Kleiderordnung.

SWR Aktuell: Herr Professor Fröhlich-Gildhoff, mit dem Verbot von Jogginghosen und Baseball-Kappen an einer Rottenburger Realschule soll erreicht werden, dass die Schulkleidung "angemessen" ist. Was halten Sie von so einem Verbot?

Klaus Fröhlich-Gildhoff: Grundsätzlich ist es so, dass Regeln, die in einem Zusammenleben aufgestellt werden, Sinn machen. Sie geben Orientierung, sie geben auch manchmal Halt. Ich als Entwicklungspsychologe sehe solche Verhaltensweisen, Kleidungs- und Musikstile von Jugendlichen als einen Ausdruck, sich auszuprobieren und als Weg zur Identitätsbildung. Da muss ich mich natürlich als Erwachsener fragen: Wieso fällt es so schwer, dass als solches hinzunehmen und dann möglicherweise Jugendliche auf diesem Weg einzuschränken?

Solche Diskussionen kommen in den letzten Jahren immer öfter auf, früher waren derartige Regelungen eher selten. Sehen Sie da eine Tendenz, dass man immer weniger aushält?

Nein, das glaube ich nicht unbedingt. Wenn man an die Diskussion über die langen Haare von vor 50 Jahren denkt - die wurden wohl ähnlich vehement geführt. Ich habe nur die Befürchtung, dass wenn ich an diesen aus meiner Sicht kleineren Punkten an den Stellschrauben drehe, dass ich dann kaum noch Kraft habe, Regeln aufzustellen, durchzuhalten und konsequent umzusetzen, wenn es um wirklich zentrale Punkte im Zusammenleben geht.

Ist die Definition "Jogginghose" ihrer Ansicht nach etwas schwammig? Es gibt ja ganz ordentliche Jogginghosen und es gibt total zerschlissene, dreckige Jeans. Wo zieht man da die Grenze?

Genau, an dieser Stelle fängt das Problem an. Wenn ich eine Regel aufstelle, macht sie nur Sinn, wenn ich das mit Konsequenzen bewähre und wenn ich das umsetze. Was ist eigentlich eine Jogginghose, wo fängt die an? Dann brauche ich unheimlich viel Energie, um das zu kontrollieren und die Konsequenzen durchzusetzen. Und diese Energie fehlt mir an anderen Stellen - im Kontakt, in der Beziehungsgestaltung und im Verstehen von diesen Lebensäußerungen der Kinder und Jugendlichen. Ich beurteile das - ohne die Vorgeschichte zu kennen, das muss ich immer sagen - als ein Stück Verzweiflung, als Ausdruck von Konflikten, die an einer ganz anderen Stelle gelaufen sind.

Es ist anzunehmen, dass sich Lehrkräfte, vielleicht sogar auch Schülerinnen und Schüler, an den Jogginghosen gestört haben. Gibt es in Ihren Augen Alternativen zu einer Kleiderordnung, um den Schulfrieden wiederherzustellen?

Eine ganz gute Form, die wir in Baden-Württemberg auch schon in vielen Schulen haben, ist der Klassenrat. Also wo ich eine Möglichkeit habe, dass Schüler untereinander oder auch mit Unterstützung und Beteiligung des Lehrers, über alle Themen, die das Zusammenleben betreffen, sprechen. Um dann gemeinsam für sich Lösungen zu finden. Menschen fühlen sich immer wohl, wenn sie ernst genommen werden und wenn sie beteiligt werden. Solche Formen von Partizipation kann ich mir auch klassenübergreifend vorstellen. Aber man muss wirklich gut miteinander ins Gespräch kommen, man muss gemeinsam nach Lösungen suchen.

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