Eine Frau im Eingangsbereich eines Bordells (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Andreas Arnold/dpa (Archivbild))

"Runder Tisch" zur Prostitution in Baden-Württemberg Minister sieht weiter deutlichen Handlungsbedarf

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Der "Runde Tisch" zum Thema Prostitution in Baden-Württemberg hat sich am Donnerstag zum ersten Mal getroffen. Das Land will Prostituierte nachhaltig vor Ausbeutung schützen und ihre rechtliche und soziale Situation verbessern.

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19:30 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Grundsätzlich habe das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 Verbesserungen gebracht, sagte Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) am Donnerstag in Stuttgart. Aber an der Umsetzung hapere es noch etwas. Und er führte aus, wo es noch viel zu gibt: Bei Ruhezeiten, Meldeangelegenheiten, Kondompflicht, Hygiene, Beratung oder Zugang zu Gesundheitsleistungen. Auch ein Sprecher des Landkreistages räumte ein, dass die Herausforderungen vielfältig seien. So gebe es oft ein Unbehagen der Betroffenen gegenüber den Behörden. Auch Sprachbarrieren erschwerten es, Vertrauen zu schaffen.

Auch die Behörden hätten Probleme, beklagt der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen. Es fehlten Räume, Formulare und Stempel, vor allem aber fehle Personal und Motivation. Lucha gibt zu, dass es mühsam gewesen sei, qualifizierte Leute zu finden und in den Ämtern geeignete neue Strukturen aufzubauen. Aber diese "enormen Anstrengungen" hätten einen fast nahtlosen Übergang garantiert, als die Kommunen und Landkreise im November 2017 die Aufgabe vom Land übernahmen, die Prostituierten zu betreuen.

"Loverboy-Masche" ist oft der Einstieg

Prostituierte werden noch immer häufig Opfer von Gewalt und Ausbeutung, wie die Geschichte von zwei Aussteigerinnen zeigt. Es ist immer wieder die gleiche perfide Masche: Junge Männer, die die große Liebe versprechen und den Frauen von einem besseren Leben im Westen erzählen. Die beiden jungen Frauen Christina und Julia (Namen geändert, Anm. d. Redaktion) sind als Teenager ebenfalls auf sogenannte Loverboys hereingefallen.

Der junge Mann sagte ihr: Wir gehen nach Spanien und suchen uns einen Job. "Als wir dort waren, hat er gesagt, dass ich auf der Straße arbeiten muss - als Prostituierte", sagt Julia. Von dem Geld, das sie auf der Straße verdiente, blieb ihr nichts. Sie musste alles ihrem vermeintlichen Freund abgeben. So erging es auch Christina: "Ich war vielleicht zu dumm, um das Geld zu behalten, weil ich in ihn verliebt war."

Schläge und Tritte als Strafe

Wenn die beiden Frauen nicht genug Geld von der Straße mitbrachten, wurden die "Loverboys" gewalttätig. Julia wurde häufig mit der Faust geschlagen und getreten. "Es war immer, weil ich nicht genug Geld gemacht habe", sagt sie. Jahrelang arbeiteten Julia und Christina in Spanien und Italien als Prostituierte, bevor sie nach Stuttgart kamen.

Frauen wie Julia und Christina sollen in Deutschland durch das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 besser vor Ausbeutung, Gewalt und Gesundheitsschäden geschützt werden. Das Gesetz brachte unter anderem das Aus für besonders ausbeuterische Flatrate-Bordelle. Für Prostituierte gilt seitdem außerdem eine regelmäßige Beratungspflicht beim Gesundheitsamt. "Da geht es insbesondere um die Gesundheit, aber auch um Gewalt und Suchtaspekte," erklärt Florian Hölzl vom Gesundheitsamt Stuttgart.

Der Ausstieg in Stuttgart - kein Zufall

In Stuttgart gelang Christina und Julia endlich der Ausstieg - Christina bereits nach einer Woche, Julia nach einem halben Jahr. Das ist kein Zufall. In Stuttgart gibt es konkrete Hilfe von Vereinen wie "Sisters". Außerdem betreiben das Gesundheitsamt und die Caritas in der Altstadt eine Anlaufstelle mit Hilfsangeboten.

Das Prostituiertenschutzgesetz schreibt zwar ein Pflichtberatung vor, für Florian Hölzl vom Gesundheitsamt reicht das aber noch nicht: "Wir sind davon überzeugt, dass die Pflichtberatungen und die Anmeldung durchaus wirkungsvoll sind, aber dass darüber hinaus begleitende, niederschwellige Angebote wichtig sind, um den Schutz der Prostituierten weiter zu fördern. Es wäre sicherlich hilfreich, wenn das im Gesetz verankert werden würde."

Frauenrechtlerinnen halten Gesetz für den falschen Ansatz

Viele Frauenrechtlerinnen aus Baden-Württemberg halten das Prostitutionsschutzgesetz für weitgehend wirkungslos. Der Verein "Sisters", zu dessen Vorstand die SPD-Politikerin Leni Breymaier gehört, hält das Gesetz für den falschen Ansatz. Der Verein fordert stattdessen ein Prostitutionsverbot, Strafen für Freier und mehr Hilfsangebote für Frauen, die aus dem Gewerbe aussteigen wollen. Ähnlich positioniert sich auch der Landesfrauenrat. Als Vorbild dient den Frauenverbänden das sogenannte Nordische Modell, das in Schweden gilt. Sex gegen Geld ist nach dem Modell verboten, Freier werden bestraft und Prostituierte entkriminalisiert.

"Ich habe jetzt ein Zimmer, wo mich keiner schlägt"

Julia, ehemalige Prostituierte

Für Christina und Julia hat sich bereits vieles verbessert. Christina ist heute 21, Julia ist 28. Die beiden jungen Frauen arbeiten mittlerweile als Zimmermädchen und wollen eine Ausbildung machen. Für sie hat nach dem Ausstieg ein neues Leben begonnen - das wahre Leben, sagt Julia. "Ich habe eine Arbeit, ich habe ein Zimmer, in dem ich schlafen kann und wo mich keiner schlägt", sagt sie. "Ich will auch einen Deutschkurs machen und hier bleiben."

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