Kerzen stehen an einer Straße in Stuttgart (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Andreas Rosar/dpa)

Nach tödlichen Messerstichen in Stuttgart und Lörrach Gefühl oder Fakt: Häufen sich die Straftaten psychisch Kranker?

Mitten in Stuttgart wurde am Wochenende eine ältere Frau erstochen. Der Täter: mutmaßlich psychisch krank. Für manche fühlt es sich so an, als ob solche Meldungen sich häufen. Lässt sich das belegen?

In Stuttgart sticht am Sonntag ein Mann auf der Straße auf eine 77-Jährige ein, die später an ihren Verletzungen stirbt. Der mutmaßliche Täter ist offenbar psychisch krank, die Frau ein Zufallsopfer. Am selben Tag ersticht ein 38-Jähriger in Lörrach seine Nachbarin. Die Hintergründe sind noch unklar, der Mann wurde einstweilig in eine Psychiatrie eingewiesen. Häufen sich Fälle wie diese zuletzt im Land? Offenbar psychisch Kranke, die zu Gewalttätern oder Mördern werden?

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
19:30 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Noch nie so viele Menschen im Land im Maßregelvollzug

Tatsächlich saßen noch nie so viele Menschen wie heute im baden-württembergischen Maßregelvollzug. Dabei geht es um die Unterbringung von psychisch kranken oder suchtkranken Straftätern in Krankenhäuser oder Suchtkliniken. Ziel ist es, den Schutz der Bevölkerung, aber auch eine Therapie der Patienten zu gewährleisten. Stand Ende Oktober waren es laut Landes-Sozialministerium 720 Personen - ein Anstieg von mehr als zehn Prozent im Vergleich zu Ende 2018.

Wie das Sozialministerium dem SWR auf Anfrage mitteilt, "ist ein auffälliger Anstieg der Einstweiligen Unterbringungen nach § 126 a StPO zu verzeichnen, der in den meisten Fällen § 63 StGB Patienten zuzuordnen sein dürfte".

Zentren für Psychiatrie stoßen an Kapazitätsgrenzen

Laut Ministerium stoßen die Zentren für Psychiatrie an ihre Kapazitätsgrenzen. Im Maßregelvollzug seien daher Mehrausgaben in Höhe von 21,4 Millionen Euro im Jahr 2020 und 22,8 Millionen Euro im Jahr 2021 vorgesehen. "Damit gibt das Land im Jahr 2020 159,5 Millionen Euro und im Jahr 2021 164,6 Millionen Euro für den Maßregelvollzug aus und reagiert auf die gestiegenen Patientenzahlen", so Claudia Krüger, Pressesprecherin des Sozialministeriums.

Experte spricht von vermeintlicher Zunahme

Dass sich Fälle häufen, in denen offenbar psychisch kranke Menschen zu Gewalttätern oder Mördern werden - diesen Eindruck teilt Prof. Dr. Harald Dreßing nicht. Er ist Leiter der Forensischen Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Zahlen auf Bundesebene, die einen signifikanten Anstieg zeigten, lägen nicht vor. "Ich glaube, es hat mehr mit der Stigmatisierung von psychisch Kranken zu tun. Einzelfälle werden genutzt und über diese wird medial sehr intensiv berichtet", so Dreßing.

Das führe zu dem Eindruck einer vermeintlichen Zunahme, "aber dazu gibt es keine belastbaren Daten". Es gebe auch keinen Rückschluss darauf, wie viele psychisch kranke Straftäter es gibt, weil nicht jeder im Maßregelvollzug lande.

Dreßing warnt vor dem Stigma

"Es gibt Delikte von psychisch Kranken. Die hat es immer gegeben und die wird es auch weiter geben", so Dreßing. Die Mehrzahl von Straftaten werde aber nicht von psychisch Kranken begangen, und das statistisch erhöhte Risiko, das mit manchen psychischen Krankheiten einhergehe, lasse sich mit guter Behandlung minimieren. Dreßing warnt vor dem Stigma, psychisch Kranke seien gefährlich. "Und das stimmt auch nicht. Es ist für die vielen psychisch Kranken, die niemals in ihrem Leben gefährlich werden, verheerend."

Polizeigewerkschafter: "An dem Gefühlten ist meistens etwas Reales dran"

Anders nimmt Hans-Jürgen Kirstein, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Baden-Württemberg, die Situation wahr. Kirstein erzählt dem SWR, dass seine Kollegen ihm berichten, "dass das immer mehr zunimmt und auch gefühlt zunimmt. An dem Gefühlten ist meistens auch etwas Reales dran". Und wenn man die Zahlen erheben würde, so Kirstein, "gehe ich auch davon aus, dass sich das bestätigen wird".

Unabhängig, ob psychisch krank, oder nicht: Die Forderung, sogenannte Messerverbotszonen einzurichten, in denen die Polizei Menschen ohne Anlass kontrollieren könnte, befürwortet Kirstein. "Die sind in der Tat wichtig. Das könnten wir uns auch vorstellen bei Weihnachtsmärkten und sonstigen Veranstaltungen. Die Frage wird sein, wie können wir das umsetzen und wie können wir es am besten kontrollieren."

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