Landwirte fahren während einer Sternfahrt mit Treckern durch die Innenstadt (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa)

Zur Netzdiskussion nach Bauern-Protesten "Bauern-Bashing" und Kritik an Verbrauchern - das sagt ein Experte

Landwirte aus Baden-Württemberg haben am Dienstag gegen die Agrarpolitik und teilweise auch gegen die Verbraucher demonstriert. Auf Facebook wurde dazu heftig diskutiert. Wir haben Werner Eckert aus der SWR-Umweltredaktion um eine Einordnung gebeten.

In Baden-Württemberg zogen am Dienstag zahlreiche Bauern mit Traktoren durch die Innenstädte. Damit demonstrierten sie gegen das neue sogenannte Agrarpaket der Bundesregierung. Das sieht unter anderem verschärfte Düngeregeln vor.

Der entsprechende Post auf der SWR Aktuell-Facebook-Seite wurde stark kommentiert. Die Meinungen unserer User gingen dabei weit auseinander: Viele sympathisierten mit den demonstrierenden Bauern, wiederum andere hatten kein Verständnis für die Landwirte. Sie seien unwillig sich auf mehr Umweltschutz einzulassen, so beispielsweise die Position einer Userin. Wir haben Werner Eckert aus der SWR-Umweltredaktion um eine Einschätzung gebeten.

Netzdiskussion nach Bauern-Protesten So diskutierten die User auf Facebook

Einige unserer User beklagen, dass die protestierenden Bauern wenig konkrete Forderungen haben, sondern nur ihrer Wut Ausdruck verleihen. Was hat die Bauern so bewegt, dass sie in diesem Ausmaß auf die Straßen gehen?

Eckert: Viele Bauern nehmen die Diskussion um Insektensterben und Grundwasserverschmutzung gerade so wahr: "Wir werden zum alleinigen Sündenbock gemacht." Sie sprechen von Bauern-Bashing und erzählen, dass Spaziergänger sie auf den Feldern übel beschimpfen, dass ihre Kinder in der Schule als "Brunnenvergifter" bezeichnet werden. Außerdem beklagen die Bauern, dass Verbraucher gerne von der Landwirtschaft allerlei verlangen, aber kaum bereit sind, für umweltgerechter erzeugte Lebensmittel mehr zu zahlen. Schaut man sich die Absatzzahlen an, stimmt das auch.

Einzelne Kommentatoren sehen den Einfluss der sogenannten Agrarindustrie als Ursache für die Proteste. Die Initiative "Land schafft Verbindung" hatte zu den Demonstrationen aufgerufen. Wer steckt dahinter?

Eckert: Das scheinen mir wirklich Bauern zu sein. Andere Frage: Was ist "die Agrarindustrie"? Bauern arbeiten mit Großtechnik und chemischen Stoffen, wie ein Bauunternehmer auch. Sie vertreten die Ansicht, wenn Pflanzenschutzmittel zugelassen sind, dann ist es auch erlaubt sie zu verwenden - und das ist auch so. Das macht sie nicht automatisch zu Bütteln der Chemieindustrie.

Beispiel Glyphosat: dieses Mittel macht es ihnen möglich, relativ schnell große Flächen zu bearbeiten. Mechanisch, mit einer Maschine, braucht man sehr viel mehr Zeit, es entstehen mehr Klimagase und die Wirkung ist schlechter. Deshalb wollen sie Glyphosat gerne weiter einsetzen.

Einige der Bauern kritisieren, dass gegen sie gehetzt werde. Werden die Landwirte zu Unrecht und zu pauschal verurteilt?

Eckert: Objektiv hat die Art, wie heute Landwirtschaft betrieben wird, viel mit den großen Umweltproblemen zu tun, die wir gerade zu Recht beklagen. Aber dafür ist nicht ein einzelner Bauer persönlich verantwortlich. Die Landwirte reagieren auch nur auf Rahmenbedingungen aus der Politik. Der Bauernverband, das ist richtig, beeinflusst diese Rahmenbedingungen auf der anderen Seite auch.

Außerdem werfen die Bauern den "Städtern" vor, sich um Dinge zu kümmern, von denen sie nichts verstehen. Nochmal das Beispiel Glyphosat: Die Bauern sind der Auffassung, dass sie schon am besten wissen, was gut und richtig ist. Sie fühlen sich als Fachleute und sind das ja in gewisser Hinsicht auch. Sie halten die Angst der Menschen für unbegründet – und bei nüchterner Betrachtung ist sie wahrscheinlich auch überzogen. Denn selbst wenn das Mittel grundsätzlich krebserregend sein sollte – die IARC, die Internationale Agentur für Krebsforschung, stuft das Risiko so hoch ein, wie das durch Fleischessen oder den Beruf des Friseurs - sehen sich die Bauern da als Opfer von Kampagnen.

"Die Verbraucher verhalten sich zwar in der Tat nicht sehr logisch – sie wollen ideale Produkte (...). Aber sie sind praktisch nicht bereit dafür zu zahlen."

Werner Eckert, SWR-Umweltredaktion

Eine Forderung der Bauern ist auch, dass der Verbraucher nachhaltiger einkaufen müsse, wenn er ökologischere Landwirtschaft möchte. Ist es so einfach und liegt die Verantwortung allein beim Verbraucher?

Eckert: Die Verbraucher verhalten sich zwar in der Tat nicht sehr logisch – sie wollen ideale Produkte (wobei die Wünsche an Tierwohl und Naturschutz in der Tat oft unerfüllbar sind), aber sie sind praktisch nicht bereit dafür zu zahlen. Das genau ist die größte Sorge der Bauern: dass sie selbst mit hohen Auflagen produzieren müssen und die ausländische Konkurrenz mit niedrigeren Öko- und Sozialstandards billig liefert und dann gekauft wird.

Die Verantwortung dafür aber sollte ebenfalls nicht auf den einzelnen Verbraucher abgewälzt werden. Wichtig ist der Rahmen: Ganz sicher brauchen wir strenge Umweltschutzvorschriften – das löst die Umweltprobleme und daran müssen sich die Bauern dann auch halten. Aber die Regeln müssen ihnen auch eine Chance geben, weiter von ihrer Arbeit zu leben. Entweder also "gleiche Regeln" für alle Produkte am Markt - das ist aber bei offenen Grenzen ziemlich utopisch - oder aber Ausgleichszahlungen für diese Umweltauflagen.

Schalte Eckert (Foto: SWR)
Werner Eckert aus der SWR-Umweltredaktion
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