Lehrermangel in Baden-Württemberg Lehrer-Gewerkschaft fordert deutlich mehr Stellen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert von der Landesregierung in Baden-Württemberg mehr Engagement gegen Lehrermangel. Angesichts steigender Schülerzahlen müsse schnell etwas passieren.

Dauer

Es gebe bis zum Jahr 2030 einen Bedarf von mindestens 6.000 Stellen an den weiterführenden Schulen und den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (früher: Sonderschulen).

Dieser Aufbau sei allein schon wegen der steigenden Schülerzahlen nötig, sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz am Mittwoch in Stuttgart. Wenn man noch berücksichtige, dass zum Beispiel die Ganztagsangebote an den Schulen besser werden sollten und die Vertretungsreserven aufgebaut werden müssten, seien in den kommenden Jahren sogar 10.500 neue Stellen nötig.

Ein Schild "Wegen Lehrermangel geschlossen" hängt am Eingang eine Schule. (Foto: dpa Bildfunk, Hendrick Schnmidt)
Auch weiterhin Unterrichtsausfall aufgrund von Lehrermangel in BW? (Archivbild) Hendrick Schnmidt

Moritz: Auch neue Studienplätze reichen noch nicht aus

Dem kurzfristigen Mangel könne man nicht gerecht werden, aber auch für die Zukunft müsse man sich jetzt schon rüsten: "Wer 2025 eine Lehrerin oder einen Lehrer braucht, sollte darauf vertrauen können, dass diese ihre Ausbildung jetzt schon begonnen haben. Gut fünf Jahre brauchen wir da ja mindestens", sagte Moritz. Problematisch sei auch, dass die 400 zusätzlich von der Landesregierung geschaffenen Studienplätze in dieser Hinsicht zu spät kämen.

Moritz stützte sich auf eine von der GEW in Auftrag gegebene Studie des Essener Bildungswissenschaftlers Klaus Klemm. Um die schwierige Lage wegen des Lehrermangels kurzfristig zu entspannen, forderte Moritz unter anderem, dass die Reserve von Vertretungslehrern vor allem für Gymnasien aufgestockt werde.

Die meisten Lehrer hören vorzeitig auf

Zudem müssten Anreize geschaffen werden, damit mehr Lehrer als bisher bis zur Altersgrenze unterrichteten.

"Nur 26 Prozent aller Lehrer arbeiten bis zur gesetzlichen Altersgrenze."

Doro Moritz, GEW-Landesvorsitzende

Planungen des Kultusministeriums seien nicht realistisch

Dem CDU-geführten Kultusministerium warf Moritz vor, unzureichende Berechnungen und Bedarfsplanungen zu machen.

Das Ressort gehe von einer sehr konservativen Entwicklung der Schülerzahlen aus. Sie habe in den jüngsten Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass nicht einmal die anstehenden Pensionierungen angemessen berücksichtigt würden.

Eisenmann verweist auf neue Studienplätze

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wies gegenüber dem SWR die Kritik der GEW zurück. Das Ministerium arbeite schon an einer langfristigen Prognose, wie viele Lehrkräfte es braucht – bei der auch neueste Zahlen und Änderungen in der Schulpolitik berücksichtigt würden.

Außerdem verwies sie darauf, dass sie mehr Studienplätze für das Lehramt geschaffen habe.

Bildungsforscher: "Handwerkliche Fehler in der Politik"

Auch Ulrich Trautwein, Bildungsforscher an der Universität Tübingen, sieht Fehler in der baden-württembergischen Bildungspolitik, die zu einem Lehrermangel führten.

Ulrich Trautwein (Foto: Pressestelle, Andreas Weise/factum)
Ulrich Trautwein, Professor für Empirische Bildungsforschung, Universität Tübingen Pressestelle Andreas Weise/factum

Zum einen seien dies handwerkliche Fehler, sagte er am Mittwoch dem SWR: "Dass man konkret Warnsignale nicht beachtet hat, dass man sich verrechnet hat, dass man im Prinzip auf Kante genäht hat, also versucht hat, nur so viele Lehrkräfte zu produzieren, wie man auf jeden Fall braucht."

Auch sei Bildung allgemein zu wenig wertgeschätzt worden:

"Wir haben vor vielen Jahren eine Bildungsrepublik ausgerufen. Diese sieht man aber nicht, man hört das bloß in den Sonntagsreden. Es kann nicht sein, dass wir so schlampen bei der Ausbildung, Einstellung und Weiterbildung der Lehrkräfte."

Ulrich Trautwein, Bildungsforscher an der Universität Tübingen

Beispiel aus Hockenheim: Der "Dauerlehrer"

Wegen des Lehrermangels kommt es vielerorts zu Unterrichtsausfällen. Das zeigt auch ein Beispiel aus dem Rhein-Neckar-Kreis, das Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Hockenheim. Die Schule hat inzwischen den Lehrer Karl-Ludwig Matz zum fünften Mal aus dem Ruhestand zurückgeholt.

Dauer

Dass kurzfristig beispielsweise Pensionäre wieder eingestellt werden, ist laut Kultusministerin Eisenmann eine Maßnahme, die im ganzen Bundesland durchgeführt wird. Bildungsexperte Trautwein sieht dies allerdings zwiespältig, entscheidend sei der richtige Einsatz der Ruheständler:

"Das Lehramt ist etwas, wo Erfahrung sehr, sehr positiv sein kann. Generell ist es so, dass ältere Lehrer schneller in die Situation kommen, von der komplexen Beanspruchung im Unterricht überfordert zu sein. Nicht alle, aber manche."

Ulrich Trautwein, Bildungsforscher an der Universität Tübingen

Man müsse daher überlegen, wie man den Ruheständlern ermögliche, in Situationen zu arbeiten, die ihren Stärken entgegenkommen würden.

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