Transport von Kälbern (Foto: Animal Welfare Foundation)

Lebewesen ohne Wert? Kälber-Transporte: Deswegen regt ein Gerichtsurteil so viele auf

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Kleine Kälber dürften nicht über lange Strecken transportiert werden, sagen Experten. Denn in den üblichen Fahrzeugen können sie nicht altersgerecht versorgt werden. Doch ein baden-württembergisches Gericht hat nun anders geurteilt – das schlägt hohe Wellen.

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Sendezeit
20:15 Uhr
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SWR Fernsehen BW

Der Widerstand gegen Kälbertransporte hat eine seriöse Grundlage: Dem "Handbuch Tiertransporte", verfasst von einer Arbeitsgruppe der Bundesländer. Der Text soll Verantwortlichen helfen, die europäischen Richtlinien für Tiertransporte auszulegen. Zum Thema Kälbertransporte heißt es eindeutig: "Derzeit vorhandene Versorgungseinrichtungen ermöglichen keine arteigene und verhaltensgerechte Versorgung von nicht abgesetzten Kälbern […].“

"Nicht abgesetzt" bedeutet: noch nicht entwöhnt. Es geht also um sehr junge Kälber, die noch auf Kuhmilch angewiesen sind.

Sigmaringer Urteil sorgt für Diskussionen

Das Verwaltungsgericht (VG) Sigmaringen hat einer Firma im Dezember trotzdem einen Kälbertransport bis nach Spanien erlaubt. Begründung: Alle europarechtlichen Vorgaben seien erfüllt worden. Die Anforderungen im Handbuch betrachtete das Gericht als nicht verbindlich.

"Verwirrend" findet das Baden-Württembergs Landestierschutzbeauftragte Julia Stubenbord: "Der Beschluss des VG Sigmaringen negiert eigentlich alle fachlichen Meinungen, vom Bundesinstitut für Tierschutz und auch von unserer Bundesministerin Julia Klöckner." Die Ministerin sage, so Stubenbord, es gehe derzeit nicht, Kälber über lange Strecken zu transportieren, weil die Versorgung nicht gewährleistet ist." Das zuständige Landratsamt Ravensburg hat mittlerweile gegen den Beschluss des Gerichts Beschwerde eingelegt.

Kälber haben Probleme mit dem Trinken

Auch Tierschützerin Iris Baumgärtner vom Verein "Animal Welfare Foundation" sieht bei den umstrittenen Transporten Probleme: Erstens würden die Kälber die metallenen Trinkvorrichtungen nicht als Nahrungsquelle erkennen. Zweitens werde ihnen dort nur Wasser angeboten, was den Hunger nicht stillt und laut Baumgärtner sogar gefährlich sein kann: "Es gibt Tiere, die trinken zu viel Wasser. Die saugen und saugen, aber sie werden nicht satt. Deshalb übertrinken sie sich."

Warum sind solche Transporte überhaupt möglich? Dahinter steckt ein Problem, das die gesamte Milchwirtschaft betrifft: Kälber - vor allem männliche, aber auch weibliche - sind ein Nebenprodukt der Milchproduktion. Kühe müssen regelmäßig gebären, damit sie Milch geben.

Kälber: Wertlose Tiere?

Die vielen Kälber sind so gut wie wertlos. Eines kostet im Moment nicht einmal neun Euro. Die Landwirtinnen und Landwirte sind gezwungen, sie möglichst schnell los zu werden. Das gilt für konventionelle Betriebe genauso wie für Bio-Bauernhöfe. Absatzmärkte finden sich zum Beispiel in den Niederlanden und in Spanien, wo die Tiere gemästet werden. Das bedeutet: Transporte von bis zu 19 Stunden sind möglich.

Lange Transporte von lebenden Tieren, auf der anderen Seite der Import von Kalbfleisch – das sei widersprüchlich und kann nicht die Lösung sein, sagt Stubenbord: "Wir brauchen regionale Vermarktungsstrukturen, die wir in Baden-Württemberg wieder aufbauen müssen." Ziel ist laut der Landestierschutzbeauftragten ein Kalb, das in Baden-Württemberg geboren ist und letztendlich auch hier vermarktet wird. Ihr schwebe ein "Schwabenkälble" vor.

Minister Hauk will echte "Wiener Schnitzel"

Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) wirbt parallel für mehr "Wiener Schnitzel", also aus Kalbfleisch bestehend. Da Milchwirtschaft bedinge, dass es auch Kälber gibt, dürfe man sie "nicht zu Abfallprodukten werden lassen." Die Tiere sollen laut Hauk zu Kalbfleisch verwertet und hochpreisig abgesetzt werden. Auch das habe mit Wertschätzung zu tun.

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