Baden-Württemberg, Ulm: Der Innenraum des Ulmer Münsters wird einen Tag vor dem bundesweiten Tag des offenen Denkmal illuminiert. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Felix Kästle/dpa)

Kultur- und Architekturgeschichte in Baden-Württemberg Tag des offenen Denkmals im Zeichen moderner Umbrüche

Auch in Baden-Württemberg hatten am Sonntag zahlreiche Bauwerke zum Tag des offenen Denkmals ihre Türen geöffnet. Das schlechte Wetter trübte die diesjährige Bilanz des Aktionstages jedoch ein.

Der Tag des offenen Denkmals hat bundesweit mehr als zwei Millionen Menschen in sonst nicht zugängliche Bauten und Stätten gelockt. Nach 3,5 Millionen Besuchern im vergangenen Jahr hätten wegen regnerischen Wetters nur zwischen zwei und drei Millionen das diesjährige Angebot am Sonntag genutzt, wie ein Sprecher der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in Ulm mitteilte.

Unter dem Motto "Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur" hatten allein in Baden-Württemberg rund 1.000 historische Baudenkmäler, Parks oder archäologische Stätten zum Besichtigen eingeladen. Bundesweit waren es rund 8.000. Viele der Denkmäler sind normalerweise nicht oder nur eingeschränkt für die Öffentlichkeit zugänglich.

Anlässlich des 100. Bauhaus-Jubiläums in diesem Jahr standen Denkmäler im Fokus, die "revolutionäre Ideen oder technische Fortschritte repräsentieren", wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz in Bonn mitteilte.

Im Ulmer Münster wurde der Tag des offenen Denkmals am Samstagabend feierlich begonnen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Felix Kästle/dpa)
Das Ulmer Münster erstrahlt am Samstagabend in der "Nacht des offenen Denkmals" in leuchtendem Türkis. picture alliance/Felix Kästle/dpa

Zentrale Eröffnungsfeier wegen Regens verlegt

Die zentrale Eröffnungsfeier in Ulm fand am Sonntagvormittag nicht wie ursprünglich geplant unter freiem Himmel auf dem Münsterplatz statt. Wegen des schlechten Wetters wurde sie ins Ulmer Stadthaus verlegt. Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU), Wirtschaftssekretärin Katrin Schütz (CDU) und Jörg Haspek von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gaben den Startschuss zum Tag des offenen Denkmals. Das Münster war trotz des Wetters Teil der Feierlichkeiten: mit einer Licht- und Klanginstallation am und im Münster und der "Nacht des offenen Denkmals", die bereits am Samstag um 21 Uhr begonnen hatte.

In Ulm stand nach dem Festakt unter anderem eine Podiumsdiskussion über Denkmalpflege auf dem Programm. Familien konnten an einer spielerischen Denkmal-Rallye durch die Stadt teilnehmen. Schon am Samstag veranstaltete die Landesdenkmalpflege Baden-Württemberg eine Nacht des offenen Denkmals. Zum Programm zählte ein Konzert mit Lichtinstallationen im Ulmer Münster. Insgesamt gab es am Denkmalwochenende rund 110 kulturelle Veranstaltungen in Ulm. Beliebt waren in Ulm Schaubaustellen zur Instandsetzung alter Gebäude.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:00 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

In Baden-Württemberg waren Dutzende Bauten, Gedenkstätten, Kirchen und Gärten in acht Städten und 35 Landkreisen geöffnet. Wir stellen eine Auswahl jener vor, die sonst nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sind:

Stuttgart

In Stuttgart hatten beispielsweise der Daimler-Turm von 1894 und die Gottlieb-Daimler-Gedächtnisstätte im Kurpark in Bad Cannstatt geöffnet. Beide Gebäude sind sonst nicht zugänglich. Die Gedächtnisstätte befindet sich im Gartenhaus von 1882 und war einmal die Werkstatt von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Ebenfalls sonst geschlossen ist der Diakonissenplatzbunker in der Forststraße. 1900 erhielt der Platz seinen Namen. Er wurde als Grünfläche und Park angelegt. Nach dem sogenannten Führersoforterlass wurde dort 1941 ein Tiefbunker erbaut. Er besitzt eine U-Form, hat fünf Eingänge und eine Grundfläche von 3.158 Quadratmetern. Damit ist er der größte zivile Schutzbunker in Stuttgart, besitzt einen Lazarettteil, Schutzräume mit 64 Wohnkabinen und war Luftschutzrettungsstelle. Nach dem Krieg wurde er als Hotel, Flüchtlings- und Männerwohnheim genutzt. 1980 wurde der Bunker für den Atomfall mit 1,4 Millionen DM generalsaniert.

Wie in jedem Jahr war auch wieder das Garnisonsschützenhaus auf der Dornhalde beim Tag des offenen Denkmals mit dabei. Das Haus auf dem Gelände des ehemaligen Militärschießplatzes ist sonst nicht geöffnet. Die Burschenschaft Hilaritas öffnete ihr Haus in der Stafflenbergstraße, das von Heinrich Jassoy gebaut wurde, der auch für das Stuttgarter Rathaus verantwortlich zeichnet. Eine Sammlung von Ackergeräten und historischen Werkzeugen beherbergt die Universität Hohenheim. Am Sonntag war sie frei zugänglich für alle und gibt einen Überblick über die Entwicklung der modernen Landwirtschaft. Den Rest des Jahres eher unregelmäßig geöffnet sind die sogenannten Kettenhäuser, die Wohnanlage Korinnaweg des chinesischen Architekten Chen Kuen Lee.

Ulm

In Ulm waren unter anderem zu besichtigen: das Böfinger Schlössle, die Dampfmaschine der Münsterbrauerei, das ehemalige Garnisonsarresthaus, das nach 1933 als sogenannte Filialstelle des Konzentrationslagers Heuberg diente, das ehemalige Offizierskasino, das Glockenbrunnenwerk (eins der fünf unterirdischen Brunnenpumpwerke von Ulm), die Gebäude Judenhof 10 und 11, die Jugendstilvilla des Unternehmers Max Wieland von Richard Riemerschmid, das Patrizierhaus des Ulmer Bürgermeisters Hans Ehinger, der Reichenauer Hof mit Minnesängersaal als seltenes Beispiel weltlicher Wandmalerei des Spätmittelalters, die übrigen Anlagen in Kloster- und Maienwald der Reichsfestung Ulm sowie die Villa Eberhardt als Patrizierschlösschen und das Wassermuseum.

Karlsruhe

Detailgetreu renoviert bot der Basler-Tor-Turm als letztes erhaltenes Stadttor der markgräflichen Residenzstadt Karlsruhe interessante Einblicke. Einzigartig in Baden-Württemberg ist die ehemalige Telegraphenkaserne als Sitz des Reitinstituts Egon von Neindorff - nie zerstört und nie umgenutzt. Bei einer Führung ließ sich der Jugendstil rund um den Europaplatz erleben. Umschwung in den Durlacher Fabriken: Wo früher Nähmaschinen und Fahrräder zusammengeschraubt, Zündholzmaschinen und Gerbereibedarf produziert wurden, sitzen heute Softwarefirmen und Planungsbüros.

Karlsruhe-Durlach (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Arco Images GmbH)
Karlsruhe-Durlach picture alliance / Arco Images GmbH

Nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen war die Dammerstocksiedlung von Walter Gropius. Und apropos Gropius: Auch sein Laubenganghaus ist sonst nicht zugänglich. Das südlichste Gebäude der Dammerstocksiedlung gilt als anschauliche Umsetzung des Wohnkonzepts des Neuen Bauens. Die Gästewohnung dort befindet sich fast noch im Ursprungszustand. Der Durlacher Stephan Blinn sammelt Kutschen nebst Pferdegeschirren, Werkzeugen und seltenen Accessoires. All das sowie die letzte noch funktionstüchtige Schmiedewerkstatt (bis 2000) waren bei ihm in der Mittelstraße zu besichtigen.

Freiburg

In Freiburg konnten ganz unterschiedliche Gebäude besichtigt werden: der Alte Zollhof, die zum Wohnhaus umfunktionierte Kirche Church-Chill, das Ensemble Altes Rathaus, Neues Rathaus und Gerichtslaube, der Glockenturm von Rainer Disse an St. Elisabeth, der Hörsaal der ehemaligen Zoologie, die Renaissance-Kapelle des Peterhofs, das Rokoko-Schloss Ebnet, Schloss Munzingen oder die Villa Eskdale. Außerdem fuhr am Sonntag die historische Straßenbahn.

Heidelberg

In der Studentenstadt öffnete das Corpshaus der ältesten Verbindung Heidelbergs, der Suevia. In Handschuhsheim konnte das Alte Rathaus besichtigt werden. Über die Geschichte der Familie Landfried, die als Bierbrauer in Heidelberg angefangen haben und schließlich eine Zigarrenfabrik eröffneten, gab es in deren Villa in Neuenheim einiges zu erfahren. An anderen Tagen nur auf Anfrage geöffnet ist der ehemalige Bahnwasserturm, der Tankturm. Für dessen optimale denkmalgerechte Sanierung gab es 2016 den Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg.

Baden-Baden

In der Bäderstadt war das ehemalige Haus von Johannes Brahms zugänglich. In einer Führung konnte das jüngste Villengebiet Annaberg bis zu den Grandhotels erschlossen werden.

das Brahms-Haus in Baden-Baden (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance/akg-images/Jost Schilgen)
Brahms-Haus in Baden-Baden (Archivbild) picture-alliance/akg-images/Jost Schilgen

Mannheim

In der ehemaligen Badischen Brauerei war vermutlich das letzte Mal altindustrielles Flair zu genießen, bevor das Areal vollständig für neue Wohnungen umgebaut ist. Das ehemalige Verwaltungsgebäude in der Neckarstadt mit dem Alten Volksbad, seit 2010 Kreativzentrum, öffnete seine Türen. Stündliche Führungen gab es durch die Bauhausvilla des Mannheimer Architekten Emil Gern in Feudenheim. Menschen, die kein Problem mit Klaustrophobie haben, konnten in die Abwasserkanalisation einsteigen. Apropos Abwasser: Auch das Pumpwerk Ochsenpferch, das Hauptpumpwerk der Stadt Mannheim, war am Sonntagnachmittag geöffnet. In Seckenheim öffnen die Drei- und Vierseithöfe der Fränkischen Bauernhöfe. Mannheims Wahrzeichen, der Wasserturm, ist sonst ebenfalls nicht zugänglich.

Wasserturm Mannheim (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/imageBROKER)
Wasserturm Mannheim picture alliance/imageBROKER

Schwarzwald-Baar-Kreis

In Triberg im Schwarzwald-Baar-Kreis war erstmals der Fachwerk-Schopf zugänglich. Bis zur Erfindung des Automobils diente der denkmalgeschützte Fachwerkbau den Obervögten der österreichischen Herrschaft Triberg beziehungsweise dann den Amtmännern des Badischen Bezirks Triberg als Remise und später Schopf für ihre Pferde. Zusammen mit dem gegenüberliegenden Amtshaus (erbaut 1694) erstrahlt das Ensemble der Öffentlichkeit frisch renoviert. In Villingen-Schwenningen konnte das legendäres MPS Tonstudio aus den 1960er-Jahren besichtigt werden, in dem viele bekannte Jazz- und Klassik-Musiker ein und aus gingen. Ebenfalls in Villingen-Schwenningen war das Wohnhaus des Architekten Ernst Möbs geöffnet, ein kubischer Bau im Stil des Neuen Bauens der Zwanziger.

Rhein-Neckar-Kreis

Die Jugendburg Rotenberg, ehemalige Ritterburg aus dem 13. Jahrhundert, heute Jugendbildungsstätte, hat eine bewegte Vergangenheit: viele Besitzer, oftmals genutzt als Pfand bei Schulden, im 30-jährigen Krieg niedergebrannt, später wiederaufgebaut. Während des Nationalsozialismus war sie Domizil der Hitlerjugend. In Weinheim war der neugotische Turm des ehemaligen Berckheimschen Schlosses zu besichtigen.

Rems-Murr-Kreis

In Stetten öffnete die spätmittelalterliche Schlossanlage, die durch unterschiedliche Herrschaften wie den Herren von Stetten, der Reichsritterschaft Thumb von Neuburg und dem Haus Württemberg über die Jahrhunderte nach und nach erweitert wurde. Die Kunst des Gerbens steht im Mittelpunkt im Röhm, der ehemaligen Rosslederfabrik in Schorndorf. In Waiblingen war in der Kernstadt als Teil der historischen Stadtmauer der Beinsteiner Torturm zu besichtigen.

Burg Stetten (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Arco Images GmbH)
Burg Stetten picture alliance / Arco Images GmbH

Ostalbkreis

In Trochtelfingen wird schon seit Jahren das Stolch'sche Wasserschloss saniert. Es ist die letzte noch erhaltene Burganlage der vormals fünf in Trochtelfingen bestehenden Burg- und Schlossanlagen. In Ellwangen war das ehemalige Kapuzinerkloster zu besichtigen, jetzt Kinderdorf Marienpflege.

Kreis Reutlingen

In Hülben konnte man am Sonntag in eine Tropfsteinhöhle einsteigen. Der etwa fünf Meter tiefe Schacht ist mit einem Seil abgesichert und leicht begehbar.

Tropfsteinhöhle auf der Schwäbischen Alb (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/imageBROKER)
Tropfsteinhöhle auf der Schwäbischen Alb (Archivbild) picture alliance/imageBROKER

Kreis Göppingen

Am Nachmittag geöffnet waren in Geislingen die Firmengebäude von WMF. Das Unternehmen hat ein rund 11.000 Einzelstücke umfassendes Warenarchiv, das sowohl Belegstücke aus 150 Jahren Firmengeschichte enthält, als auch zahlreiche Unikate. Ergänzt werden die Sammlungen durch mehrere Tausend historische Produktfotografien, Plakate und Warenkataloge.

Warenarchiv von WMF (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Christoph Schmidt/dpa)
Warenarchiv von WMF picture alliance/Christoph Schmidt/dpa

Kreis Lörrach

Sonst nicht öffentlich zugänglich ist die Ölmühle in Schopfheim. Der reguläre Betrieb wurde hier Ende der 1990er-Jahre eingestellt. Noch immer ist das Mahlen und Pressen von Pflanzenölen an der Anlage gut nachvollziehbar.

Kreis Tübingen

In Gomaringen öffnete die ehemalige Kindlersche Fabrik ihre Pforten, eine Fabrik für Miederwaren. "Beim Kindler" arbeiteten zu den besten Zeiten über 100 Menschen, und zwar Männer und Frauen. Die Männer waren für den Zuschnitt verantwortlich, die Frauen nähten. 1993 wurden hier die letzten Miederwaren hergestellt. Auf dem Österberg in Tübingen präsentierten sich die Verbindungshäuser der Öffentlichkeit.

So weit unsere Auswahl. Weitere Denkmäler und Kirchen sind im gesamten Programm für Baden-Württemberg hier zu finden.

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