Ein Mann sieht sich in einer Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neckarelz Häftlingskleidung an (Foto: dpa Bildfunk, (c) dpa)

Konzentrationslager im Nationalsozialismus So wurden KZ-Häftlinge in Baden-Württemberg ausgebeutet

Für den Stuttgarter Flughafen Steine schleppen oder Stollen für die Daimler-Produktion vom Schlamm befreien: In ganz Baden-Württemberg betrieben die Nationalsozialisten KZs, in denen Menschen ausgebeutet wurden.

Wer vom Stuttgarter Flughafen aus in den Urlaub fliegt ahnt vielleicht nicht, dass sich dort zu Zeiten des Nationalsozialismus ein Konzentrationslager (KZ) befand. Um den Flugbetrieb sicherzustellen, wurden während der Kriegsjahre vermutlich mehrere tausend Fremd- und Zwangsarbeiter in Echterdingen eingesetzt. Sie mussten Beschädigungen auf dem Flughafen ausbessern, etwa, wenn eine Bombe einen Krater im Boden hinterlassen hatte. Die Steine dafür mussten sie in Steinbrüchen in Leinfelden, Plieningen und Bernhausen (alle Kreis Esslingen) brechen.

Erstes KZ in Baden-Württemberg schon 1933

Viele Orte in Baden-Württemberg dienten den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 dazu, Menschen aus ganz Europa in Zwangslager zu sperren, wo sie für die deutsche Kriegswirtschaft ausgebeutet, gefoltert und ermordet wurden. Das erste KZ in Baden-Württemberg richteten die Nationalsozialisten auf dem Heuberg bei Stetten am Kalten Markt (Kreis Sigmaringen) schon im März 1933 ein, vorrangig für die Inhaftierung politischer Gegner. Später verlegten sie es in das KZ "Württembergisches Schutzhaftlager Oberer Kuhberg" in Ulm. Weitere dieser "frühen Lager" gab es in Kislau (Kreis Karlsruhe), Ankenbuck (Schwarzwald-Baar-Kreis), Welzheim (Rems-Murr-Kreis) und im Frauengefängnis Gotteszell in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis).

Neue KZs für die Rüstungsindustrie ab 1944

Nachdem 1944 die deutsche Rüstungsindustrie durch alliierte Luftangriffe in eine kritische Lage geraten war, entstanden zahlreiche neue Arbeitslager. Neben den Außenlagern des bayerischen Konzentrationslagers Dachau - etwa in Friedrichshafen, Saulgau (Kreis Sigmaringen), Überlingen-Aufkirch oder Radolfzell (beide Bodenseekreis) - zählten die meisten KZs in Baden-Württemberg zu den Außenlagern des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof in dem von den Nazis besetzten Elsass.

Rüstungsproduktion in Salzbergwerken bei Heilbronn

Etwa 35 ehemalige Natzweiler-Außenlager befinden sich in Baden-Württemberg. In Heilbronn-Neckargartach und Bad Friedrichshall-Kochendorf beispielsweise entstanden KZs in der Nähe der Salzstollen zwischen Heilbronn und Bad Friedrichshall. Dort sollten kriegswichtige Produktionen unter die Erde verlegt werden, damit sie vor den zunehmenden Bombenangriffen sicher waren. Die Häftlinge mussten die Hallen der Salzstollen zunächst zu Rüstungsbetrieben umbauen. Dazu mussten sie neue Zugänge graben. In den Bergwerken produzierten Zwangsarbeiter schließlich Rüstungsgüter: Maschinenpistolen, Versuchsteile für Jagdflugzeug-Turbinen oder Motorenteile für U-Boote - für Firmen wie die Robert Bosch GmbH oder die Motorenwerke Mannheim AG.

Projekt "Goldfisch": Motoren für Daimler-Benz

Auch wurden immer mehr KZ-Häftlinge für das Projekt "Goldfisch" gebraucht. Sie mussten den Gipsstollen in Obrigheim (Neckar-Odenwald-Kreis) zu modernen Fabriken ausbauen: für die Herstellung von Flugzeugmotorenteilen von Daimler-Benz. Obwohl die Häftlinge Tag und Nacht unter katastrophalen Bedingungen arbeiteten, die Stollengänge von Geröll und Schlamm befreiten und 50.000 Quadratmeter Boden betonierten, wurde die Arbeit nie ganz fertig - auch als die Produktion der Motorenteile schon begonnen hatte.

Blick in den Gipsstollen in Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) (Foto: SWR)
In diesem Gipsstollen beim ehemaligen Lager Neckarelz leisteten Kriegsgefangene Zwangsarbeit für Daimler-Benz.
Zeichnung eines Häftlings aus dem ehemaligen KZ Neckarelz in Mosbach (Neckar-Odenwald-Kreis) (Foto: SWR)
Zeichnung eines Häftlings: Rund 9.000 Gefangene leisteten Zwangsarbeit im KZ Neckarelz, einem der sechs Lager für das Projekt "Goldfisch".

Tausende sterben bei Bau von Schieferölwerken

Einen weiteren Schwerpunkt bildete der Natzweiler-Komplex zwischen Tübingen und Rottweil. Hier versuchte das NS-Regime ab 1944 dem drohenden Kollaps der Treibstoffversorgung entgegenzuwirken. KZ-Häftlinge sollten dafür aus dem dort vorkommenden Schiefer Öl gewinnen. Für das Projekt mit dem Decknamen "Wüste" wurden sieben Außenlager von Natzweiler und zehn Schieferölwerke eingerichtet. Über 10.000 Häftlinge wurden für die Errichtung und den Betrieb der nur teilweise fertiggestellten und gänzlich ineffizienten Anlagen ausgebeutet, mehr als ein Drittel von ihnen starb.

1945: Häftlinge werden nach Dachau getrieben

Auch in den weiteren Außenlagern in Baden-Württemberg wurden Häftlinge für Fabrikverlagerungen, die Rüstungsproduktion, die Beseitigung von Bombenschäden sowie Bauarbeiten an kriegsrelevanter Infrastruktur eingesetzt. Als sich die Niederlage Deutschlands nicht mehr leugnen ließ, wurden im April 1945 die meisten der noch bestehenden Lager im Land geräumt und die Häftlinge in Todesmärschen Richtung Dachau getrieben.

In Baden-Württemberg erinnern etwa siebzig Gedenkstätten an die Verbrechen der Nationalsozialisten.

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