Organspende (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Soeren Stache/dpa)

Bundestag votiert für Zustimmungslösung Organspende: So ist die Situation in Baden-Württemberg

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Der Bundestag hat sich mit deutlicher Mehrheit gegen die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende entschieden. Eine Entscheidung, die sich auch auf Baden-Württemberg auswirkt - so ist die Lage hier im Land.

Der Bundestag hat sich gegen eine Widerspruchs- und für eine Zustimmungslösung bei der Organspende entschieden. Grundlage für eine Organentnahme ist somit weiterhin die ausdrückliche Zustimmung des Spenders. 379 von 674 Abgeordneten wandten sich gegen die Vorlage einer Abgeordnetengruppe um Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. 292 votierten dafür.

Bürger soll Wunsch in Online-Register hinterlegen

Mit einer Mehrheit von 432 Stimmen entschied sich das Parlament stattdessen für einen Gesetzentwurf, der im Grundsatz an der geltenden Zustimmungsregelung festhält, die Entscheidungsbereitschaft aber durch regelmäßige Information und Befragung stärken will. Er wurde von einer Gruppe um die Grünen-Chefin Annalena Baerbock, die Linken-Chefin Katja Kipping sowie Spahns Amtsvorgänger Hermann Gröhe (CDU) getragen. Demnach soll der Bürger künftig in einem online-Register seine Entscheidung hinterlegen und jederzeit ändern können.

Dauer

Beide Gesetzentwürfe hatten das Ziel, die Zahl der Organspender zu erhöhen. Warum dies notwendig ist, zeigen aktuelle Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die für Deutschland - aber auch für Baden-Württemberg - deutliche Unterschiede im regionalen und europäischen Vergleich dokumentieren.

So sind sowohl die Zahl der Organspender als auch die Zahl der gespendeten Organe im Jahr 2019 in Baden-Württemberg rückläufig gewesen. Nach DSO-Angaben gab es im vergangenen Jahr 118 Spender, im Jahr davor waren es 126. Auch die Zahl der gespendeten Organe verringerte sich 2019 auf 376 nach 418 im Jahr 2018. Bundesweit blieb die Zahl der Spender mit 932 nahezu unverändert.

Im Vergleich der Bundesländer landete das Land deutlich unter dem Schnitt von 11,2 Spendern auf eine Million Einwohner. Baden-Württemberg brachte es auf 10,6 Spender, während in den ostdeutschen Ländern Werte von fast 15 erreicht wurden. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum schnitt das Land 2019 ebenfalls schlechter ab: 2018 hatte es mit 11,4 Spendern pro eine Million Einwohner knapp den Bundesschnitt (11,5) verfehlt.

Zu den 2019 am häufigsten gespendeten Organen zählen die Niere, die Leber und die Lunge. Doch mit den gespendeten Organen kann der Bedarf bei den Patienten kaum abgedeckt werden: Alleine in Baden-Württemberg warten derzeit mehr als 1.050 Menschen auf ein Spenderorgan, darunter 25 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Das teilte die Techniker Krankenkasse (TK) auf SWR-Anfrage mit. In mehr als drei Viertel der Fälle wird demnach eine Niere benötigt. Laut DSO sind es in ganz Deutschland derzeit mehr als 9.000 Menschen. Der tatsächliche Umfang der Patienten, die von einer Organtransplantation profitieren könnten, sei jedoch deutlich größer. Beispielsweise seien mehr als 90.000 Patienten aufgrund eines Nierenversagens dialysepflichtig. Nach Expertenschätzungen könnte etwa der Hälfte dieser Patienten mit einer Nierentransplantation geholfen werden, vorausgesetzt die Wartezeiten auf eine Niere, die derzeit in Deutschland im Mittel über acht Jahre betragen, wären deutlich kürzer. 

Bereitschaft zum Organspenden groß

Dabei stehen 86 Prozent der Baden-Württemberger dem Thema Organspende grundsätzlich positiv gegenüber. Das hat eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der TK ergeben. Jedoch besäßen nur 41 Prozent auch wirklich einen Organspendeausweis. Jeder Zweite, der keinen Ausweis besitzt, wäre aber bereit, nach dem Tod Organe zu spenden. Und nur ein Prozent der Menschen in Baden-Württemberg, die einen Organspendeausweis ausgefüllt haben, haben in diesem vermerkt, nicht als Spender infrage zu kommen - nirgendwo in Deutschland ist der Wert geringer. Das größte Problem für die Experten der TK: die fehlende Kenntnis der Menschen. Jeder dritte in der Umfrage befragte Baden-Württemberger fühlt sich beim Thema Organspende weniger gut oder gar nicht informiert.

Transplantationen dürfen in Baden-Württemberg nur an fünf Standorten durchgeführt werden: Die Unikliniken Freiburg, Heidelberg, Tübingen, Stuttgart und Mannheim sind offizielle Transplantationszentren. Die anspruchsvolle Herztransplantation machen nur Heidelberg und Freiburg. Ein Organ entnehmen dürfen dagegen deutlich mehr Standorte, aus Baden-Württemberg sind 135 Entnahmekrankenhäuser bei der DSO gelistet. Die Bedingung: es müssen Intensivpflegebetten mit Beatmungsmöglichkeit und ein moderner Operationssaal vorhanden sein, so das Sozialministerium.

Kretschmann hin- und hergerissen

Wenig Organspenden: Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) bedauert diese Entwicklung im Land. Sie sei paradox, denn die Organtransplantation genieße in der Bevölkerung grundsätzlich ein hohes Ansehen, so Lucha. "Aber viele Bürgerinnen und Bürger scheuen sich davor, für sich selbst eine individuelle Entscheidung pro oder contra Organspende zu treffen."

Während Lucha die von Spahn geplante Widerspruchsregel im Vorfeld der Abstimmung klar befürwortete, war Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hin- und hergerissen. Er habe noch keine abschließende Meinung dazu, sagte er.

Die sozialpolitische Sprecherin der AfD-Landtagsfraktion, Christina Baum, fand dagegen deutliche Worte und kritisierte die vorgeschlagene Widerspruchslösung scharf: "Ab Donnerstag soll also gelten: Wer schweigt, stimmt zu! Auf diese Moral lässt sich keine gerechte, keine freie Gesellschaft bauen, denn die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist ein zentrales Element der menschlichen Würde." Niemandem dürfe eine derartige Zustimmung zur Entnahme seiner Organe untergeschoben und schon gar nicht aufgezwungen werden, so Baum. Die Ulmer SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis hat sich als Unterstützerin des alternativen Gesetzentwurfs für eine Stärkung der Entscheidungsbereitschaft positioniert: "Wir wollen, dass Spender Spender sein müssen", so Mattheis. Die Anhänger der Widerspruchslösung setzten auf die Trägheit der Menschen mit dem Ziel, dass viele nicht widersprechen.

Hilde Mattheis (SPD) plädiert für die Stärkung der Entscheidungslösung

Bürger sollen sich mehr mit Organspende auseinandersetzen

Seit 2006 gibt es in Baden-Württemberg das Bündnis Organspende, in welchem das Land gemeinsam mit relevanten Akteuren kontinuierlich daran arbeitet, das Thema in Baden-Württemberg weiter voranzubringen. "Mit dem Bündnis möchten wir möglichst viele Bürger ermutigen, sich mit Organspende auseinanderzusetzen", erklärte Lucha. Eine Spende sei immer noch ein freiwilliges Geschenk, das nicht eingefordert werden könne. "Damit jeder Einzelne eine freie Entscheidung treffen kann, ist eine offene, ausführliche und sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema wichtig. Das gilt ganz besonders für die mögliche Einführung der Widerspruchslösung", so der Grünen-Politiker.

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