Gemeinde St. Pankratius in Tübingen-Bühl (Foto: SWR, Anne Schmidt)

Zahlreiche Aktionen auch in Baden-Württemberg "Maria 2.0": Katholikinnen streiken

Katholische Frauen lassen für eine Woche ihre Ehrenämter in der Kirche ruhen und fordern damit die Einführung von Diakoninnen und Pfarrerinnen. Am Sonntag gab es unter anderem Aktionen in Freiburg und Tübingen.

Katholische Frauen der Erzdiözese Freiburg haben mit einer ungewöhnlichen Protestaktion die Kirche zum Umdenken und zu Geschlechtergerechtigkeit aufgefordert. Vor dem Freiburger Münster bildeten sie am Sonntag am Rande der diesjährigen Priesterweihe eine Menschenkette.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
19:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen BW

Hunderte nehmen teil

Mit zahlreichen Plakaten forderten sie unter anderem den Zugang von Frauen zu sämtlichen Weiheämtern wie Diakon, Pfarrer und Bischof. Nach Angaben der Polizei nahmen an der Aktion auf dem Freiburger Münsterplatz rund 400 Frauen und Männer teil. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger, der die Priesterweihe leitete, stellte sich den Protestierenden. Freiburg ist mit knapp 1,9 Millionen Katholiken eine der größten Diözesen in Deutschland.

Proteste in Tübingen und Reutlingen

Auch in Tübingen gab es am Sonntag Proteste. In der Gemeinde St. Pankratius blieb die Kirche während der Eucharistiefeier nahezu leer. Draußen versammelten sich rund 70 Gemeindeglieder zu einem alternativen Gottesdienst. Vor der Heilig-Geist-Kirche in Reutlingen stapelten katholische Frauen einen Scherbenhaufen auf - symbolisch für den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland. 

Aktion "Maria 2.0"

Die Proteste sind Teil der bundesweiten Aktion "Maria 2.0", die eine Gruppe Münsteraner Frauen initiiert hatte. In einem offenen Brief an Papst Franziskus fordern sie eine bessere Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, eine Aufhebung des Zölibats und den Zugang von Frauen zu sämtlichen Weiheämtern wie Diakon, Pfarrer oder Bischof. Dazu riefen sie Frauen in ganz Deutschland auf, eine Woche lang den Kirchen fernzubleiben.

Diözesanrätin kritisiert Diskrimininierung

Nach Ansicht von Diözesanrätin Margret Kehle verbietet die Bibel Frauen die Weiheämter nicht.

"Warum sollen Frauen nicht Diakonin oder Pfarrerin werden?"

Margret Kehle, Diözesanrätin der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Das gültige Regelwerk der Amtskirche betrachtet sie als Diskriminierung. Viele Frauen seien frustriert, weil sich nichts bewege. Kirchenaustritte seien die Folge.

 Bischof Fürst kritisiert Streik im Ehrenamt

Bischof Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart äußerte Verständnis dafür, dass Frauen in leitenden Stellen in der Kirche mitwirken wollen.

"Ich kann mir vorstellen, dass Frauen zu Diakoninnen werden und habe das früher schon als 'Zeichen der Zeit' bezeichnet."

Gebhard Fürst, Bischof Diözese Rottenburg-Stuttgart

Fürst lehnte es aber bisher ab, dass Frauen zu Priesterinnen geweiht werden. Er kritisiert zudem, dass Frauen ihr Ehrenamt eine Woche lang ruhen lassen wollen. Wenn jemand im Ehrenamt streike, so Bischof Fürst, solle er bedenken, dass er damit nicht die Institution treffe. Vielmehr entziehe er jenen Menschen, für die Ehrenamtliche in unterschiedlicher Weise tätig seien, seine Hilfe.

"Ohne Frauen im Ehrenamt keine Kirchenarbeit"

Tatsächlich arbeiten aber gerade in der katholischen Kirche sehr viel mehr Frauen als Männer in einem Ehrenamt - und halten so wesentlich das Funktionieren der Kirche in sozialen Bereichen am Leben. "Ohne das Ehrenamt von Frauen würde ein Großteil der Kirchenarbeit gar nicht stattfinden", hat die Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), Maria Theresa Opladen, schon vor Jahren gesagt.

Religionspädagoge fordert grundsätzliche Änderungen

Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger hat die katholischen Bischöfe unterdessen zu sofortigen Reformen aufgerufen. "Die Proteste von Frauen und die neue Studie zum Schrumpfen der Kirchen sind ein letzter Alarmruf", sagte Biesinger der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Freiburg. "Wenn sich jetzt nichts Grundlegendes verändert, werden sich noch mehr Menschen von den christlichen Kirchen abwenden und für immer für die christliche Botschaft verloren sein." Biesinger hält zwei Schritte für entscheidend: die Weihe von Frauen zu Diakoninnen und die Weihe von verheirateten Männern in Zivilberufen zu Priestern.

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