Fünfter Jahrestag des IS-Überfalls auf Jesiden Gedenken in Stuttgart: Ehrenpreis der Jesiden für Baden-Württemberg

Die Jesiden in Baden-Württemberg haben sich am Samstag in Stuttgart getroffen, um an den Überfall auf ihr Volk durch den "Islamischen Staat" zu erinnern. Das Land erhielt dabei einen Ehrenpreis.

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Zum fünften Jahrestag des Genozids nahmen nach Angaben des Staatsministeriums rund 1.500 Gäste an der Gedenkstunde teil, darunter Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die von IS-Kämpfern selbst gefangen gehalten worden war und seither gegen die Versklavung und Verschleppung von Jesidinnen kämpft. Auch Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sowie der Vorsitzende des Zentralrates der Jesiden in Deutschland, Irfan Ortaç, waren zugegen.

Für sein Engagement für Jesiden hat das Land Baden-Württemberg den Ehrenpreis des Zentralrats der Jesiden in Deutschland erhalten. Leider sei das Leben von über 400.000 Jesiden weiterhin in Gefahr, sagte Laudatorin Peyman Ali vom Zentralrat bei der Veranstaltung am Samstag.

Allerdings sei sie froh, dass Baden-Württemberg das Leben von 1.100 Jesidinnen gesichert habe. Das Bundesland sei für sie, den Zentralrat und alle Jesiden ein Held, - weil die Regierung dort das gemacht habe, was sie konnte, so Ali.

Was geschah am 3. August 2014?

Die Sindschar-Region war am 3. August 2014 von Kämpfern des "islamischen Staats" (IS) überfallen worden. Die Dschihadisten töteten die Männer. Die Frauen und Mädchen wurden als Sexsklavinnen verkauft. Noch immer werden viele von ihnen vermisst. Bis heute ist der 3. August ein Trauertag. An diesem Tag finden keine freudigen Feierlichkeiten wie Hochzeiten statt.

Mehr als 1.500 Menschen gedenken den Opfern des Völkermords an den #Jesiden durch den IS. #Stuttgart ist zentraler Gedenkort 5 Jahre Jahre nach dem Genozid #3August2014 https://t.co/yUYrkyDc2E

Landesregierung fordert Aufnahme weiterer Jesiden

Staatsministerin Theresa Schopper (Grüne) sprach von einem "Tag der Trauer, aber auch einem Tag des Überlebens und der Verantwortung". Es müsse alles dafür getan werden, dass ein solcher Genozid nie wieder passiere. Sie unterstrich noch einmal die politische Forderung, mehr Frauen und Kinder in Deutschland aufzunehmen.

Baden-Württembergs Staatsministerin Theresa Schopper appelliert daran, die Kinder der vom IS verschleppten Frauen in die Gemeinschaft der #Jesiden aufzunehmen. Und unterstützt noch einmal die pol. Forderung, die Frauen & Kinder in D aufzunehmen. #Sonderkontingent #3August2014 https://t.co/HtyGrr9ciS

Das Land beschloss 2014 auf Initiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ein "Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak". Dadurch nahm die Landesregierung zwischen 2015 und 2016 etwa 1.000 Frauen und Kinder, die Opfer des IS geworden waren, in Baden-Württemberg auf. 100 weitere, von denen der größte Teil Jesiden waren, fanden in Niedersachsen und Schleswig-Holstein Schutz. Außerdem existiert eine Entwicklungspartnerschaft mit der Autonomen Region Kurdistan-Irak, um die Inlandsflüchtlinge zu unterstützen.

Nobelpreisträgerin Murad: Mehr politische Unterstützung für Jesiden

Auch die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad hat bei der Gedenkveranstaltung in Stuttgart mehr politische Unterstützung für ihr jesidisches Volk gefordert. Die Jesiden müssten in der Lage sein, sich selbst schützen zu können und ihre Heimat wiederaufzubauen, sagte sie am Samstag. Der Genozid 2014, bei dem auch Murads Mutter und sechs ihrer Brüder starben, sei lange im Voraus von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geplant worden. Dementsprechend lange brauche es auch wieder, alles aufzubauen, so Murad.

Die 26-Jährige erhielt 2018 gemeinsam mit dem kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege den Friedensnobelpreis. Sie engagiert sich als UN-Sonderbotschafterin für die Opfer von Menschenhandel und sexueller Versklavung und war selbst 2014 im Irak vom IS verschleppt worden.

Jesiden wollen in die Heimat zurück

Dass die Betroffenen sehr gerne wieder in ihre Heimat zurückkehren würden, bestätigte Salwa Rasho. Ihre Häuser im Irak seien zerstört, viele ihrer Leute seien noch in Gefangenschaft, sagte die Jesidin aus Freiburg dem SWR.

"Es gibt nur einen Weg, den fortlaufenden Genozid zu verhindern", meinte auch der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, Irfan Ortaç. Dies sei der Wiederaufbau der Heimat, die Rückkehr der Flüchtlinge aus den Lagern und die Teilnahme der Jesiden am politischen Leben im Irak sowie die Versöhnung zwischen Völkern und Religionen in der Region.

Kretschmann fordert Sonderkontingent des Bundes für Jesidinnen

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) forderte unterdessen den Bund auf, ein Sonderkontingent für die Aufnahme von jesidischen IS-Opfern aufzulegen. "Wir haben in Berlin angeregt, dass der Bund jetzt auch solch ein Kontingent schafft", sagte er laut Deutscher Presse-Agentur vom Donnerstag. "Ich denke, dass eine gewisse Aussicht darauf besteht - wir haben jedenfalls sehr prominente Fürsprecher." Baden-Württemberg stelle gerne seine Expertise, Erfahrung und Kontakte zur Verfügung. Noch immer sind rund 300.000 Jesiden in Flüchtlingscamps im Irak und Syrien.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat Nadia Murad zum Friedensnobelpreis gratuliert (Foto: picture-alliance / dpa)
Winfried Kretschmann (r.) und Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad (Archiv)

Internationale Hilfe reicht nicht aus

Nach einer aktuellen Studie sind viele Jesidinnen traumatisiert von den Gewalterfahrungen. Es gebe zwar internationale Hilfe, die reiche aber nicht aus. Die psychosoziale Versorgung im Nordirak sei demnach unzureichend. Der Leidensdruck ist auch deshalb besonders hoch, weil die oft vergewaltigten Frauen aus religiösen Gründen nicht mehr als Teil der jesidischen Gemeinschaft gelten. Auch deren Kinder von muslimischen IS-Kämpfern zählen nicht zur jesidischen Gemeinschaft

Psychologe Kizilhan sieht Deutschland in der Pflicht

Der Psychologe Jan Kizilhan sieht auch die Regierung in Deutschland in der Pflicht, wenn es um das Schicksal der Kinder von vergewaltigten Jesidinnen aus dem Irak geht. Die Bundesregierung solle Druck auf Vertreter der Jesiden ausüben, denn immerhin lebten rund 200.000 Jesiden in Deutschland, sagte Kizilhan im Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Sollten die Frauen mit ihren Kindern keine Möglichkeit zum Überleben im Irak haben, plädiere er für ein zweites Sonderkontingent auf Bundesebene. Verschleppte und vergewaltigte Frauen, die in den Irak zurückgekehrt seien, hätten ihre Kinder wegen des Drucks der Familien in Syrien zurücklassen müssen. Die Mädchen und Jungen würden zur Adoption freigegeben. "Die Frauen vermissen sie und sind psychisch am Ende." Die Mütter seien schwer traumatisiert. Der Hohe Jesidische Geistliche Rat habe verkündet, dass er nicht bereit sei, nach solchen Vergewaltigungen geborene Kinder zu akzeptieren. Die Kinder müssten nicht als Jesiden gesehen werden, aber ihnen und ihren Müttern solle die Möglichkeit gegeben werden, zusammen zu leben, betonte Kizilhan.

Die monotheistische Gemeinschaft der Jesiden hat weltweit mehrere hunderttausend Mitglieder. Sie lebten vor allem im nördlichen Irak; ein großer Teil floh vor dem IS. Jesiden leben auch in Nordsyrien, im Nordwesten des Iran und im Südosten der Türkei. Ihr Glauben vereint Elemente aus dem Islam, aber auch aus dem Christentum und anderen Religionen. Erstmals erwähnt werden Jesiden im zwölften Jahrhundert.

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