Ein Ordner liegt bei der ersten öffentlichen Sitzung des zweiten NSU-Untersuchungsausschusses im baden-württembergischen Landtag. (Foto: picture-alliance / dpa, Marijan Murat)

Interview zu den NSU-Ermittlungen im Land Drexler: Mundlos und Böhnhardt waren die Täter

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Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben die Polizistin Kiesewetter in Heilbronn ermordet - darüber besteht für Wolfgang Drexler (SPD) anderen Theorien zum Trotz kein Zweifel. Im Interview erzählt er, welche Rolle Baden-Württemberg für den NSU gespielt hat.

Der SPD-Politiker Wolfgang Drexler sitzt in seinem Büro in Stuttgart. (Foto: picture-alliance / dpa, Sina Schuldt)
Der SPD-Politiker Wolfgang Drexler in seinem Büro in Stuttgart. Sina Schuldt

SWR Aktuell: Herr Drexler, Sie waren Vorsitzender von zwei Untersuchungsausschüssen zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) im Landtag. Welche Verbindungen vom NSU-Trio nach Baden-Württemberg gab es eigentlich?

Wolfgang Drexler: Vom NSU-Trio direkt gab es ungefähr dreißig Besuche in Nord-Württemberg. Vor allem um Ludwigsburg herum - Ludwigsburg, Heilbronn, Stuttgart. Das war im Zeitraum von 1993 bis 2001. Es gab unseren Recherchen und Zeugenvernehmungen zufolge auch Besuche von Uwe Mundlos. Wahrscheinlich im Jahr 2001, als schon der erste Mord der Mordserie des NSU begonnen hatte. Man hätte also alle drei durchaus in Ludwigsburg stellen können. Dazu hätte aber die Garagenliste von 1998 von der Thüringer Polizei zum Landeskriminalamt nach Stuttgart geschickt werden müssen.

Was ist die Garagenliste?

Man hat eine Liste mit Namen und Telefonnummern aus dem NSU-Umfeld gefunden. Darauf waren ungefähr fünf Baden-Württemberger, unter anderem aus Ludwigsburg. Diese Liste wurde aber erst im Februar 2011 nach Baden-Württemberg geschickt. Und damit war es nicht möglich, auch die Leute zu beschatten, die vorher ziemlich engen Kontakt mit Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gehabt haben.  

Ist durch die Ausschüsse klarer geworden, welche Verbindungen es gab?

Ja, das ist es, wir haben minuziös aufgelistet. Wir haben sogar eine Karte mit den Schwerpunkten in Baden-Württemberg gemacht. Das war Nord-Württemberg, gar keine Frage. Etwa 30 Besuche gab es dort vom NSU-Trio. Die drei haben auch von den "Spätzle" im Süden gesprochen, von der "Spätzle-Connection". Ich muss sagen, wir haben das einigermaßen gut untersucht, die Ergebnisse liegen auch vor. Es mag sein, dass noch weitere Besuche stattfanden, die wir nicht nachweisen konnten , aber 30 ist natürlich schon eine stattliche Zahl.

Um den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und den Beinahe-Mord an ihrem Kollegen Martin A. ranken sich ja viele Geheimnisse und Gerüchte. Was sind aus Ihrer Sicht die harten Fakten?

Die Fakten, die wir bezüglich der Ermordung unserer Polizeibeamtin und des versuchten Mordes am Polizeibeamten A. herausgefunden haben, sind eindeutig. Es gibt für den Untersuchungsausschuss überhaupt keinen Zweifel daran, dass Mundlos und Böhnhardt die beiden Polizisten überfallen und Michèle Kiesewetter ermordet haben. Und den Polizeibeamten A. schwer verletzt zurückgelassen haben. Das zeigt sich eindeutig daran, dass sie das Wohnmobil angemietet hatten. Eine halbe Stunde nach der Tat fuhr es durch Oberstenfeld - eine Route, die ja nicht direkt auf die Autobahn führt - zurück nach Zwickau (der Ort, wo die beiden wohnten – Anm. d. Red.). Die Tatwaffen, aber auch die beiden Polizistenwaffen, sind bei den beiden gefunden worden. Wir haben ein Bekenner-Video, wir haben eine Jogginghose von Mundlos mit der Bluteintragungen von Michèle Kiesewetter in der Wohnung gefunden. Und wir haben natürlich auch die Aussage von Beate Zschäpe beim Münchner Prozess. Alles zusammen deutet eindeutig darauf hin, dass die zwei – Zschäpes Beteiligung konnten wir nicht nachweisen - diejenigen waren, die die beiden Polizeibeamten überfallen und die Polizistin ermordet haben. Und den schwer verletzen Polizeibeamten A. zurückgelassen haben.

Nun hat man in Heilbronn keine DNA-Spuren von Böhnhardt und Mundlos gefunden. Wie lässt sich das erklären?

Das hat man auch bei anderen nicht. Wir hatten eine Spezialistin vom Bundeskriminalamt da, die uns erklärt hat, dass das nicht ungewöhnlich ist. Wenn sie sich gut schützen, können Täter auch keine DNA am Tatort hinterlassen.

Was spricht dagegen, dass das Trio alleine gehandelt hat?

Nun gut, die ganzen Umstände. Im Ausschuss bei uns herrscht bei manchen sicherlich noch die Auffassung, dass das ohne Helfer nicht möglich gewesen wäre - etwa die Ausforschung der Theresienwiese oder die Absicherung der Tat. Vor allem dann die Positionierung des Fluchtfahrzeugs, damit man innerhalb einer halben Stunde in Oberstenfeld auf die Autobahn fahren konnte. Es ist ja eigentlich recht ungewöhnlich, dass die von Zwickau daher gefahren sind, sich dahin gestellt haben und dann und sofort zugeschlagen haben. Denn es war ja ein reger Verkehr auf der Theresienwiese. Dort wurde damals das Frühlingsfest aufgebaut. Deswegen gibt es nach wie vor die Auffassung, dass es gewisse Helfer gegeben hat. Allerdings muss ich sagen, im ersten Untersuchungsausschuss - aber auch im zweiten - haben wir bisher keine Helfer gefunden.

Bernd Weißbrod (Foto: picture-alliance / dpa, Bernd Weißbrod)
2007: Polizisten sichern Spuren auf der Theresienwiese in Heilbronn nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter (Archiv) Bernd Weißbrod

Würden Sie sagen, es gab ein regelrechtes Netzwerk von Neonazis im Land?

Das können wir nicht beweisen, aber bei der Dichte wird es vermutet. Aber beweisen können wir nicht, dass es Helfer für die Tat in Heilbronn gegeben hat.

Haben die Behörden immer genug getan gegen diese Netzwerke?

Da wird es sicherlich am Ende des Untersuchungsausschusses noch eine Bewertung geben. Da kann ich jetzt nicht vorgreifen. Aber klar ist schon, dass die zweieinhalb Jahre nach der Tat nicht genutzt wurden. Sie erinnern sich sicher noch an die Wattestäbchen-Affäre. Man hat eigentlich auch in der operativen Fall-Analyse Fehler gemacht. Man hat nie erwägt, dass es auch ein rechtsradikaler Täter sein kann. Obwohl schon Polizeibeamte in Deutschland von Rechtsradikalen erschossen worden waren. Die Polizei hat rechtsradikale Täter nicht auf dem Schirm gehabt. Bis sich dann im November 2011 Mundlos und Böhnhardt selber gerichtet haben.

Welche Orte spielten für die Netzwerke in Baden-Württemberg  eine besondere Rolle?

Das war natürlich Ludwigsburg, das war Heilbronn. Da haben teilweise die großen Treffen stattgefunden. Im Übrigen nicht nur mit dem Trio, sondern auch mit Rechtsradikalen, die aus Thüringen und anderen ostdeutschen Ländern nach Nord-Württemberg kamen. Und die Kontakt zum Trio hatten, die waren auch genau in diesen Städten, die ich gerade genannt habe.

Würden Sie sagen, dass der Untersuchungsausschuss mehr Licht ins Dunkel des Kiesewetter-Mordes gebracht hat?

Das glaube ich schon. Wir haben eine klare Aufstellung gemacht,  welche rechtsradikale Gruppen hier beteiligt waren, welche rechtsradikalen Menschen Kontakte zum Trio hatten oder Kontakte zu Menschen hatten, die das Trio kannten. Wir haben hier zum Beispiel die Musik von "Noie Werte", die sogar auf einem Bekenner-Video des NSU zu hören war. Das war eine baden-württembergische Band. Wir konnten aber bisher nicht nachweisen, dass es da direkte Kontakte gab. Aber trotzdem, das Bekenner-Video zeigt, dass es enge musikalische Kontakte gegeben hat. Wir wissen auch, dass diese Strukturen vor allem in der Musikszene eine sehr starke Stütze der Rechtsradikalen insgesamt in Nord-Württemberg waren. Und das ist auch die Einstiegsdroge, muss man sagen. Wer sich dem rechtsradikalen Bereich zuwendet, der wird vorher durch Musik motiviert, einzusteigen.

Was haben Sie noch über rechtsradikale Musik herausgefunden?

Nicht nur Sachverständige, auch Zeugen und Aussteiger aus der rechtsradikalen Musikszene haben uns immer gesagt, dass Musik die Einstiegsdroge für junge Leute ist. Nicht umsonst gab es Aktionen, kostenlos rechtsradikale CDs auf Schulhöfen bei uns in Baden-Württemberg zu verteilen. Und was die Konzerte betrifft: Wir wissen, dass es natürlich sehr schwierig ist, an solche Veranstaltungen zu kommen. Da wird dann indirekt eingeladen, anonym eingeladen, so dass die Polizei manchmal überhaupt nichts weiß.

Hat der Ausschuss dazu beitragen, dass man mehr über die Verbindungen des NSU nach Baden-Württemberg weiß – und wenn ja, wodurch?

Also über die Szene sicherlich. Bei dem Mord in Heilbronn geht der Ausschuss davon aus, dass es keine begründete Zweifel daran gibt, dass die Tat von Böhnhardt und Mundlos begangen wurde. Wir haben allerdings im zweiten Untersuchungsausschuss schwerpunktmäßig keine neuen Argumente gefunden. Allerdings gibt es Zeugen, die wir noch gar nicht hören konnten, weil noch gegen sie ermittelt wurde. Wir haben auch die Mitangeklagten von Zschäpe nicht vorladen können,  obwohl die für uns interessant gewesen wären. Außerdem hat sich mancher aus dieser Szene natürlich nicht mehr richtig erinnern können oder hat auch schlichtweg Sachen verschwiegen. Und auch der Zeitablauf spielt bei vielen Zeugen eine Rolle. Die Kiesewetter-Tat war 2007. Unser jetziger Untersuchungsausschuss ist im Herbst 2016 eingerichtet worden. Da sind neun Jahre vergangen. Von daher wird es ganz, ganz schwer, noch Zeugen zu finden, die bisher noch nicht vernommen worden sind.

Historie zum NSU in Baden-Württemberg:

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