Beamte der Bundespolizei haben am 30.06.2014 in einem ICE auf der Strecke Paris-Frankfurt kurz vor Saarbrücken (Saarland) drei Männer aufgegriffen. (Foto: dpa Bildfunk, Oliver Dietze (Symbolbild))

Interview mit Antidiskriminierungs-Expertin "Fremd aussehende Menschen werden häufiger kontrolliert"

Menschen, die fremd aussehen, werden häufig ohne offensichtlichen Grund kontrolliert. Laut Antidiskriminierungs-Beraterin Annagreta König Dansokho müsse man Polizei und Gesellschaft für "Racial Profiling" sensibilisieren - etwa durch klare Handlungsanweisungen.

Annegreta König Dansokho ist Antidiskriminierungs-Beraterin bei Adis e.V., dem Träger der professionellen Antidiskriminierungsarbeit in der Region Reutlingen/Tübingen und Fachstelle zum Thema Diskriminierung in Baden-Württemberg. Gegenüber dem SWR erklärt sie, was "Racial Profiling", also eine bestimmte Art rassistischer Diskriminierung, zu einem "bitteren Erlebnis" macht und wo es Handlungsbedarf gibt.

Antidiskriminierungs-Beraterin Annagreta König Dansokho im Interview mit dem SWR (Foto: SWR)
Annagreta König Dansokho ist Antidiskriminierungs-Beraterin bei Adis e.V.

"Racial Profiling" - was ist das überhaupt?

König Dansokho: Das bedeutet, dass Personen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung - die Fremdheit verkörpert - eine andere Behandlung erfahren als ihre Mitmenschen. Zum Beispiel durch Kontrolleure in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch bei Ausweiskontrollen der Polizei. Insbesondere schwarze Menschen oder solche, die "arabisch" gelesen werden, werden überdurchschnittlich oft kontrolliert. Das erleben wir auch konkret hier in Tübingen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ja, in Konstanz etwa wurde ein Mann in einem Drogeriemarkt ohne ersichtlichen Grund von einem Ladendetektiv nach dem Ausweis gefragt. Der Betroffene wusste, dass es keinen Anlass gibt, weigerte sich und es kam zum Streit. Der Detektiv betitelte den Kunden als widerspenstig und rief die Polizei, die ein Hausverbot aussprach. Das Schlimme daran war, dass der Vorfall die Aufmerksamkeit der anderen Menschen im Laden auf sich zog. Der Mann wurde also vor allen bloßgestellt und hat schließlich Klage wegen Diskriminierung eingereicht.

Wie ging der Fall aus?

Das Amtsgericht Konstanz hat den Drogeriemarkt wegen diskriminierender Behandlung verurteilt. Das ist ein großer Erfolg, erstmals hat ein deutsches Gericht diese Art des "Racial Profiling" als diskriminierend bewertet. Einer der Gründe: Der Fall sei besonders schwerwiegend, da der Betroffene vor anderen herabgewürdigt wurde. Wird jemand zum Beispiel vom Türsteher einer Diskothek abgewiesen, sei das etwas anderes - in so einem Fall bekämen "nur" die Freunde davon mit. Wir hoffen, dass mehr Menschen sich trauen, sich Rat zu holen und Maßnahmen zu ergreifen.

Wie kann man solche Vorfälle in Zukunft vermeiden?

Man muss die Menschen, dazu gehört auch die Polizei, sensibilisieren und aufklären. Auch darüber, welche Auswirkungen diese Art des Rassismus für die Betroffenen hat. Es braucht außerdem klare, praktische Anweisungen für Kontrolleure. Ein Beispiel: Hat man Anlass zu glauben, dass jemand ohne Ticket fährt, sollte man den ganzen Bus statt nur eine Person kontrollieren. Eine weitere Komponente ist, dass die Menschen in der Umgebung einer Person, die diskriminierend behandelt wird, oft wegschauen. Solche Situationen sind ein bitteres Erlebnis für die Betroffenen.

Was ärgert sie besonders in Diskussionen um "Racial Profiling" - auch innerhalb der Polizei?

Dass nicht differenziert hingeschaut wird. Es gibt so viele Einzelfälle, die sich häufig nur in Nuancen unterscheiden, die aber vor allem im rechtlichen Bereich Unterschiede machen. Ich würde mich davor hüten zu sagen, dass alle Polizisten rassistisch sind - oder alle weit davon entfernt. Es gibt alles. Die Institution Polizei muss strukturell so aufgestellt werden, dass man sich innerhalb der Polizei mit Rassismus auseinandersetzen muss und polizeiliche Aktionen keinen rassistischen Motiven unterliegen. Und wenn, muss es Verfahren geben, diese zu ahnden und rechtlich anzugehen - genauso wie in jedem Betrieb.

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